Die Glocken der Kirche St.-Albertus-Magnus in Oberesslingen sollen an Gemeinden in Polen zurückgegeben werden. Die Rückgabe ist Teil des Projekts „Friedensglocken für Europa“ der Diözese Rottenburg-Stuttgart.
Esslingen - Allein der Gedanke daran sei unerträglich, sagte der Bischof Gebhard Fürst. Während des Zweiten Weltkrieges wurden zahlreiche Kirchenglocken abgehängt, auch in Gebieten im heutigen Polen und Tschechien. Das Metall sollte für die Produktion von Waffen und Munition eingeschmolzen werden. Einige Glocken überstanden den Krieg unversehrt. Sie wurden in Kirchengemeinden in Deutschland weiterverwendet. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart möchte diese Glocken nun im Rahmen des Projekts „Friedensglocken für Europa“ zurückgeben, wenn die Rückgabe gewünscht wird. Insgesamt könnten 54 Kirchenglocken aus 41 Gemeinden der Diözese-Rottenburg-Stuttgart an ihre ehemaligen Standorte in Osteuropa zurückgebracht werden.
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„Wenn eine Glocke in ihre alte Heimat zurückkehrt, wird bei uns an ihrer Stelle eine neue gegossen. Wir bezeichnen sie dann als Friedensglocken“, sagte Fürst während der Auftaktveranstaltung des auf sechs Jahre angelegten Projekts am Freitag in Aichtal-Grötzingen. Das Angebot zur Rückgabe sei eine Frage der Gerechtigkeit. Zu den Gotteshäusern, die Glocken aus Osteuropa in ihren Türmen hängen haben, zählt auch die St.-Albertus-Magnus-Kirche in Oberesslingen. Dort hängen zwei Glocken, die ursprünglich zu Kirchen in Polen gehört haben. Am Samstag, 25. September, gibt es um 10.30 Uhr einen Gottesdienst mit dem polnischen Bischof Jecek Jezierski. Später sollen die Glocken in ihre Ursprungsgemeinden nach Zegoty und nach Straszewo gebracht werden.
Bischöfe aus Polen und tschechischen sind dankbar
Die ersten beiden Glocken, die ihm Rahmen des Projekts ausgetauscht wurden, waren die Glocken der Kirche Maria Hilfe der Christen in Aichtal-Grötzingen. Sie stammen aus dem polnischen Frombork und dem tschechischen Píšt. „Es ist gut, dass Bischof Fürst versucht, alte, zum Teil in Vergessenheit geratene Dinge wieder in Ordnung zu bringen“, meinte der Bischof Jacek Jezierski, der aus dem Bistum Elbląg in Polen angereist war. Die Rückgabe der Glocken werde vor Ort positiv aufgenommen, sagte der Geistliche. Aus dem tschechischen Bistum Ostrau-Troppau war der Bischof Martin David gekommen. Er sagte: „Ich bewundere die große Anstrengung für die Realisierung des Projekts der Rückführung der Glocken in die Pfarrgemeinden, in denen sie vor dem Zweiten Weltkrieg geläutet haben.“
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Zuweilen hätten die Kirchengemeinden überrascht reagiert, als die Diözese mit dem Anliegen der Rückführung der Kirchenglocken auf sie zugekommen sei, erinnerte sich Fürst an die Vorbereitung des Projekts. Die Geschichte der Glocken sei nicht immer präsent gewesen. „Das ist bei uns in Deutschland vergessen worden“, vermutet er. Wohl auch deshalb sei nicht bereits früher über eine Rückgabe nachgedacht worden.
Der Projektleiter Hans Schnieders berichtete anlässlich des Beginns der Rückführungen von der Geschichte der Glocken. Ursprünglich hätten die Glocken in Kirchtürmen in Nieder- und Oberschlesien, in Pommern und Ostpreußen gehangen. Bereits von 1940 an seien sie als Metallreserve für die Rüstungsindustrie gesammelt worden. Allein aus der Diözese Rottenburg-Stuttgart seien 2799 Glocken zerstört worden.
54 Glocken sind noch vorhanden
Nach Kriegsende habe es im Hamburger Hafen rund 1300 Glocken aus ehemaligen deutschen Ostgebieten gegeben, die zwar abgehangen, aber nicht mehr eingeschmolzen wurden. Sie wurden ab 1950 mit Genehmigung des britischen Militärs an westdeutsche Gemeinden verliehen. Im Jahr 1952 kamen zwei Eisenbahnwaggons mit 67 Glocken in die Diözese Rottenburg-Stuttgart. Einige dieser Glocken wurden bereits zurückgegeben, andere sind entweder nicht mehr auffindbar oder zerbrochen. Heute gibt es noch 54 Glocken aus Polen und Tschechien in der Diözese. „Die meisten werden nach wie vor regelmäßig zum Läuten verwendet“, berichtete Schnieders. Hinweise auf die Herkunft der Glocken sind oft auf den Objekten selbst zu finden. Meist stehen die Gemeinden, für welche die Glocken einst gegossen wurden, auf den Glocken geschrieben, ebenso wie der Stifter, der Gießer und das Herstellungsjahr. „Das lässt enge Bezüge zu den Gemeinden erkennen, für die sie gegossen wurden“, meinte Schnieders.
Ein Zeichen der Versöhnung
Für den Bischof Gebhard Fürst geht es bei dem Projekt nicht um die Rückgabe der Kirchenglocken allein. Vielmehr solle die Glockenrückgabe auch eine grenzübergreifende Begegnung und Versöhnung zwischen Deutschen, Tschechen und Polen veranlassen. „Damit gehen wir einen Schritt weiter auf dem Weg der Versöhnung und des wieder Zusammenwachsens im Herzen Europas“, sagte der Bischof.