Die Luftaufnahme aus den 1950er oder 1960-er Jahren zeigt den damaligen Feuersee, den heutigen Brunnenplatz, in der Ortsmitte. Foto: Förderverein Wir vom Berg

In Erinnerung an vermeintlich gute, alte Zeiten schwelgen wollte Hegensberg nicht. Der Esslinger Stadtteil feiert seinen 750. Geburtstag mit nostalgischer Moderne – und spritzigen Einfällen.

Die Geburtstagstorte müsste gewaltig ausfallen. Schließlich sollten 750 Kerzen darauf Platz haben. Doch Hegensberg feiert sein Jubiläum anders – pragmatisch, zielgerichtet, konzentriert. Von Freitag, 11., bis Sonntag, 13. Juli, lädt der Esslinger Stadtteil zu einer Party ein, die in das anstehende Bergfest eingebettet wird. Die Vorbereitungen dafür laufen auf Hochtouren.

Ein historisches Jubiläum in ein modernes Festtagsgewand zu kleiden – das klingt nach einem unlösbaren Anspruch. Doch Ralf Morsch vom Förderverein „Wir vom Berg“ und seine Mitorganisatoren glauben, das geschafft zu haben. Ein nostalgieverliebtes „Anno dazumal“ wollten sie nicht. Vielmehr war ihnen eine vorwärtsgerichtete Erinnerungskultur wichtig. Sie sind überzeugt davon, dass auch geschichtsträchtige Jubiläen durch eine zeitgemäße Umsetzung von ihrem angestaubten Image befreit werden können. Und 750 sei eine zu große Zahl, um ignoriert zu werden.

Ralf Morsch vom Förderverein „Wir vom Berg“ freut sich auf das Jubiläumswochenende in Hegensberg. Foto: Roberto /Bulgrin

Eine ausführliche Chronik zur Hegensberger Geschichte wird es dennoch nicht geben, sagt Morsch. 1994 war eine ausführliche Broschüre unter hauptsächlicher Federführung des damaligen evangelischen Pfarrers Otto Wilhelm herausgegeben worden. Dessen akribische Recherchen können kaum getoppt werden. Ein Aufguss könnte nur kalter Kaffee sein. Darum werden Restbestände des Heftes mit dem Titel „Hegensberg und seine Geschichte“ während des Festes angeboten. Ganz ohne neues Jubiläumsdruckwerk wollte Hegensberg dennoch nicht dastehen. Darum wird als aktuelle Reverenz an eine alte Tradition ein Leporello herausgeben. Inhalt ist laut Ralf Morsch ein kurzer Abriss der geschichtlichen Fakten. Hauptbestandteil aber sind Äußerungen von Hegensberger Bürgerinnen und Bürgern quer durch alle Altersstufen, Generationen und Berufssparten, die etwas zu dem Oberthema 750 Jahre Hegensberg sagen.

Am Anfang war ein Weinberg

Der heutige Esslinger Stadtteil trat 1275 aus dem dokumentarischen Dunkel ins Licht der Regionalgeschichte. In dieser ersten urkundlichen Erwähnung verkauft Heinrich Holzhuser, der spätere Esslinger Bürgermeister, einen Weinberg an das Kloster Kaisheim. Otto Wilhelm, der Autor der Chronik von 1994, nimmt an, dass das Gebiet um den Weinberg herum damals wohl schon besiedelt war. Heute hat der Stadtteil gut 2500 Einwohner, sagt Ralf Morsch. Er und seine Mitorganisatoren hoffen, am zweiten Juli-Wochenende möglichst viele von ihnen zu einem Besuch des zur Jubiläumsfeier aufgepäppelten Bergfestes motivieren zu können.

Denn es gibt Besonderheiten. Die Bauzäune zur Eingrenzung des Festgeländes werden über ihren Absperrungszweck hinaus für den 750. Geburtstag genutzt und durch Banner mit historischen Aufnahmen, Urkunden, Plänen oder Landkarten verschönert. Die Besucherinnen und Besucher kämen automatisch daran vorbei – und ein Blick lohne sich, verspricht Morsch. Der ursprüngliche Gedanke einer Ausstellung sei verworfen worden. Eine solche finde naturgemäß meist in einem geschlossenen Raum statt, doch angesichts des sommerlichen Geburtstagstermins habe sich das Team für eine Open-Air-Version entschieden. Das Bergfest solle ebenfalls Teil des Jubiläums werden. Es werde beispielsweise überlegt, eine Band mit historischen Instrumenten zu organisieren.

Hegensberg auf einer zeitgenössischen Postkarte Foto: Förderverein Wir vom Berg

Einen Festumzug gibt es nicht. „Das hielten wir für nicht mehr zeitgemäß“, erklärt Ralf Morsch. Zumal solch ein Unterfangen auch nur mit großen Schwierigkeiten möglich gewesen wäre. Schon das Absperren einer Straße ziehe einen hohen Bürokratiewust nach sich. Auflagen und Vorschriften seien immens. Es könne auch nur die vorhandene Man- und Womanpower genutzt werden, und die Engagierten im Ort seien durch das Bergfest stark eingebunden. Bis zu 70 Freiwillige machen bei Auf- und Abbau, Organisation, Umsetzung, Würstchen-Grillen oder Getränkeausschank mit. Das sei ein enormer Beitrag der Ehrenamtlichen.

Enorm ist auch der Hegensberger Beitrag zur Heimatgeschichte. Die Historie ist spannend. Im Dreißigjährigen Krieg starben laut der Chronik von Otto Wilhelm zwei Drittel der Einwohner an Kriegsfolgen, Hunger und Seuchen. Ein zeitgenössischer Chronist, Pfarrer M. Paul Biberstein, beschreibt in den Annalen auch ausführlichst den Tod der zweijährigen Maria Zeininger, die von einem Wolf zerfleischt wurde.

Weniger blutrünstig verlief 1844 die Loslösung von Oberesslingen, die dem Ort Selbstständigkeit und einen Bürgermeister bescherte. Hegensberg war im Gegensatz zur Reichsstadt Esslingen den württembergischen Landesherren unterstellt. Die Liebe zur Monarchie war verhalten. Ein finanzieller Obolus für ein Denkmal für König Wilhelm unterblieb 1868, für ein Geschenk zur Wiedervermählung des Prinzen Wilhelm 1886 wurden nur 13 Mark aufgebracht. Die Eigenständigkeit währte ohnehin nicht lange: 1914 ging Hegensberg an Esslingen. Nun wollen die Hegensberger mit allen Esslingern Geburtstag feiern – zeitgemäß, doch im Bewusstsein einer 750-jährigen Tradition.

Hegensberger Prominenz und ein Jubiläumsfest

Persönlichkeiten
 In Hegensberg gab es einige prominente Persönlichkeiten: Philipp Abraham von Münzenmaier (1849 bis 1900) etwa, der „nur die Hegensberger Schule besucht hatte“, brachte es bis zum geadelten General, berichtet Otto Wilhelm in seiner Chronik. Münzenmaier wurde „im königlichen Hofreglement, das zehn Ränge kannte, im ersten Rang neben adligen Ministern, Kirchenpräsidenten und studierten Generälen“ aufgeführt. Oder Andreas Jacob Spieth (1856 bis 1914): Er war als Missionar in Westafrika und Togo tätig und übersetzte die Bibel in die Sprache Ewe, die in Togo und im östlichen Ghana gesprochen wird.

Feier
750 Jahre Hegensberg werden unter dem Motto „Miteinander leben – miteinander feiern“ von Freitag, 11., bis Sonntag, 13. Juli, in der Ortsmitte von Hegensberg begangen. Die Feierlichkeiten werden in das Bergfest mit einbezogen.

Mehr dazu unter https://www.wirvomberg.de/