Doris Graf präsentiert einige CityX-Zeichnungen auf der Kirbe in Kemnat. Foto: Petra Bail - Petra Bail

Am Sonntag, 27. Oktober, lädt die Künstlerin Doris Graf in die Ruiter Medius-Klinik und auf die Nellinger Kirbe zum Malen ein. Die Teilnehmer sollen ihre Stadt zeichnen.

OstfildernHavanna, Rio, Istanbul – in diese Reihe klingender Namen fügt sich jetzt Ostfildern ein. In insgesamt zehn Städten weltweit hat die Stuttgarter Künstlerin Doris Graf bislang ihr globales „CityX“-Projekt durchgeführt. Dabei bat sie die Bewohner von Sao Paulo, Maputo, Ulm oder Bergamo, ihre Sicht auf die jeweilige Stadt zu zeichnen. Die Aktion ist dann nach dem jeweiligen Ort benannt – in dem Fall „Ich, Ostfildern“. In den vergangenen Monaten sind so 600 Zeichnungen von Männern, Frauen und Kindern aus allen sozialen Schichten und aus allen sechs Stadtteilen zusammengekommen. Sie haben ihren ganz persönlichen Blickwinkel auf Ostfildern zu Papier gebracht.

Dafür ging Doris Graf mit Buntstiften und einheitlichen Papiervorlagen bewaffnet insgesamt sieben Mal auf Kirben, in die Gymnasien, in die Technische Akademie und in städtische Einrichtungen. So kam sie mit den Menschen in Kontakt, hat sie zum Mitmachen bewegt. Unterstützung erhielt sie dabei von der städtischen Galerie Ostfildern und den Schapanesen. Die unterschiedlichen Zeichnungen, die vor Ort entstanden sind, verdichtet sie in den kommenden Wochen künstlerisch am PC. Die Seele der Stadt wird in sechs Piktogrammen mit künstlerischen Mitteln auf das reduziert, was sie in den Augen ihrer Bewohner ausmacht.

„Ein langer Prozess, der viel Zeit benötigt“, sagt die Künstlerin, der die Auswahl und die Verdichtung des individuellen Materials aber keine schlaflosen Nächte bereitet. Sie geht sehr strukturiert vor, sortiert nach Themen und Motiven. Dann heißt es „gucken, scribbeln, warten, gucken, scribbeln, warten.“ So lange, bis sich sechs Bilder mit Hilfe von Photoshop und Indesign herauskristallisieren. „Zehn wären ideal“, meint Graf. Doch das würde den finanziellen Rahmen der Stadt sprengen. Fördermittel kommen aus dem Bundesprogramm „Demokratie leben“, bei dem Holle Nann, Leiterin der städtischen Galerie, „CityX – Ich, Ostfildern“ eingereicht hat. Das Bundesprogramm unterstützt Unternehmungen, die sich für ein vielfältiges und demokratisches Miteinander einsetzen. Und genau um dieses Gemeinschaftliche geht es Nann und Graf in dem Identifikations- und Beteiligungsprojekt. In einem Ort, der aus sechs Stadtteilen besteht, sehen sich nicht alle als Ostfilderner Bürger, so Nann. Die Galeriechefin ist gespannt, was herauskommt: „Im Idealfall etwas Verbindendes und Gemeinschaftsstiftendes.“

Was die Menschen in Ostfildern verknüpft, ist die Natur, das sind die Feste und die Geselligkeit, hat Doris Graf bei ihren Vor-Ort-Terminen festgestellt. Und noch etwas: dass die Bewohner sehr aufgeschlossen sind. „Die Leute haben die Zeichenaktion fantastisch angenommen. Es gab tolle Begegnungen“, schwärmt die 51-jährige Künstlerin. Dass viele ihren Stadtteil im Fokus haben und weniger Ostfildern als Gesamtes, sieht sie nicht negativ. „Das Gros der Bilder zeigt, dass sich die Bewohner wohlfühlen.“

Mit wenigen Strichen hat eine 29-Jährige dieses Gefühl zum Ausdruck gebracht. Sechs Satellitenkreise, bestehend aus Kemnat, Nellingen, Parksiedlung, Ruit, Scharnhausen und Scharnhauser Park, gruppierte sie um den Kern, in dem „Ostfildern?“ steht. Ostfildern ist eine Schlafstadt, in der viele Einwohner pendeln, hat auch Doris Graf bei Gesprächen herausgehört. Da fehlt dann die Identifikation. Andere wiederum, wie eine Frau auf der Kemnater Kirbe, die hier seit 30 Jahren lebt, wünscht sich nichts mehr, als dass der dörfliche Charakter des Ortsteils bestehen bleibt. „Hier ist Harmonie und Behaglichkeit. Ich liebe das Heimelige. Ich möchte nicht, dass Ostfildern zusammenwächst.“ Ganz anders die Liebeserklärung einer 34-Jährigen, die ein buntes Herz malt und dazuschreibt: „Ostfildern ist die Heimat des Herzens, getrennt und doch eins.“

Vieles kam aufs Papier, was die Teilnehmer zwischen 9 und 99 an ihrer Heimatstadt schätzen oder kritisieren – die Landschaft ebenso wie der Verkehr, der Lärm, die Flugzeuge. Lilly (9) etwa liebt die Felder in Kemnat, aber auch „Hamburg Süd“. Die Eltern klären auf, dass der Laden in der Heumadener Straße zur Anlaufstelle in der Kurve geworden ist: „Etwas Verbindendes, ein Ort, an dem die Leute ins Gespräch kommen.“

Ein Gemeinschaftsbild hat eine Gruppe gemalt. Da durfte jeder etwas hinzufügen. Die Begeisterungsfähigkeit der Bewohner ist Doris Graf besonders positiv in Erinnerung. Da denkt sie etwa an eine junge Familie. Nicht nur die beiden Kinder, auch die Eltern machten jeweils eine Zeichnung. Diese Arbeiten waren „so wunderschön“, schwärmt die Künstlerin schwärmt. „Das ist mir bisher nur zwei, drei Mal passiert.“ Wenn jemand gerne teilnehmen wollte, aber sich nicht in der Lage sah, zu zeichnen, griff Graf auch mal selbst zum Buntstift. Da hielt sie fest, was ihr erzählt wurde, was typisch ist für Ostfildern, was gefällt und was nicht.

Die letzte Zeichenaktion findet am Sonntag, 27. Oktober, ab 9 Uhr in der Medius Klinik Ruit und ab 13 Uhr während der Nellinger Kirbe bei Blumen Sonn in der Hindenburgstraße statt.

Die Ausstellung mit den Piktogrammen und den Originalzeichnungen ist ab 29. März 2020 in der städtischen Galerie zu sehen.

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