Vor 50 Jahren startete in der DDR die Reihe „Polizeiruf 110“. Unter dem Erfolgsdruck der „Tatort“-Krimis aus dem Westen musste die DDR zugeben, dass es Verbrechen bei ihr gab.
Stuttgart - Raub und Betrug, Mord und Vergewaltigung, Kindesmissbrauch und Erpressung – das sind gewiss keine Bausteine der besten Gesellschaft aller Zeiten. Also konnte es die laut Staatsdoktrin der DDR im Mauerstaat gar nicht geben. Waren die Genossen der Sozialistischen Einheitspartei doch nach eigenem Verständnis gerade erfolgreich dabei, das irdische Paradies herbeizuführen. Das Verbrechen war, durch die rote Brille gesehen, bloß eine Ausgeburt der Widersprüche und Klassengegensätze des kapitalistischen Systems. Schon blöde, dass die Klein- und Großkriminellen in der DDR vom Langfinger bis zum Eifersuchtsberserker das nicht zu begreifen schienen.
Die DDR hatte also einerseits wie jede Gesellschaft mit dem realen Verbrechen zu kämpfen. Andererseits aber mit dem lästigen Umstand, dass die Betonwände und Todesfallen des „antifaschistischen Schutzwalls“ machtlos waren gegen die Sendeantennen des Westfernsehens. Draußen an den Hauswänden hingen Transparente mit holprigen Selbstgratulationen zur Übererfüllung des Plansolls, drinnen in den Wohnstuben saßen am Feierabend die DDR-Bürger und schauten, was ARD und ZDF an Mord, Totschlag und Kommissaren zu bieten hatten.
Misstrauisch umlauert
Wollte man also nicht die Programmknöpfe der aus dem konkurrenzlosen VEB Fernsehgerätewerk Staßfurt stammenden Apparate dem Klassenfeind kampflos ausliefern, musste man wohl oder übel mit DDR-Krimis gegenhalten. So entstand vor einem halben Jahrhundert, 1971, ein Jahr also nachdem im Westen der „Tatort“ an den Start gegangen war, der „Polizeiruf 110“. Nun hatte das Ostfernsehen endlich ein Produkt, das die Zuschauer wirklich mochten, aber es wurde von den Apparatschiks misstrauisch umlauert.
Aus unserem Plus-Angebot: 50 Jahre „Tatort“
Gut, Raub, Betrug, Mord, Vergewaltigung, Kindesmissbrauch und Erpressung waren jetzt also als Themen im DDR-Fernsehen zugelassen. Unebenheiten auf dem Weg in die klassenlose Seligkeit konnte man ja schon mal eingestehen. Aber irgendwo musste es eine Grenze geben. Beim Mangel an Fahrradventilen zum Beispiel.
Keine Engpässe, bitte
Im Oktober 1987 steht die „Polizeiruf“-Folge „Zwei Schwestern“ zur Ausstrahlung an. In ihr ist der von Andreas Schmidt-Schaller gespielte Leutnant Grawe, wohl die damals populärste Figur der Serie, nebenbei auf der Suche nach ebensolchen Ventilen, die, wie tausend andere Dinge auch, in der planwirtschaftlich beglückten DDR kaum aufzutreiben sind. Versorgungsengpässe aber dürfen nicht thematisiert werden – „Zwei Schwestern“ muss noch vor der Erstausstrahlung gekürzt werden.
Das ist nicht der einzige Fall von Einflussnahme vor, während und nach der Produktion. Doch obwohl manches nicht einmal angetippt werden konnte, der „Polizeiruf 110“ bewahrt nebenbei manches vom Alltag in der DDR auf, was in anderen Produktionen viel offensiver wegretuschiert wurde.
Ein naiver Blick von heute könnte sich daran stören, dass viele Folgen einen klaren pädagogischen Auftrag haben. Der Verbrecher benimmt sich falsch, er legt auch dar, warum er so handelt, und die Polizei hält dem irrenden Missetäter die sozialistische Sicht der Dinge entgegen. Und macht ihm durch den unvermeidlichen Ermittlungserfolg auch gleich klar, dass sich ein Verstoß gegen die DDR-Spielregeln nicht auszahlt.
Westliche Arroganz
Den Zuschauern in der DDR aber war wichtig, dass Abweichler überhaupt mal zu Wort kamen und dass die große Differenz zwischen Ideal und Wirklichkeit endlich Geschäftsgrundlage einer Serie war. Dazu kam, dass Autoren, Regisseure und Darsteller die Figuren nicht zu Ideologiemaschinen machten. Die Kriminalbeamten handelten sichtlich nicht im Dienst ihrer sozialistischen Programme, sondern als Wächter von Grundregeln, ohne deren Einhaltung jede Gemeinschaft schweren Schaden nehmen würde.
Dass jetzt in der Mediathek des Ersten 50 Jahre „Polizeiruf“ gefeiert werden, dass die Serie die Wende überstanden hat und mit immer neuen Teams fortgeführt wird, ist trotzdem eine Besonderheit. Nach dem Ende der DDR hat man im Westen ihr Film- und Fernseherbe entweder als Fall für den Giftschrank oder für die Mülltonne gesehen. Fast mit Herablassung hat man die Wiederholung von DDR-Produktionen und die Weiterbeschäftigung alter TV-Stars den ARD-Regionalsendern der neuen Bundesländer überlassen, als räumlich eng begrenztes Ostalgie-Angebot. Der Westen hat nie akzeptiert, dass ihm mit der Vereinigung auch die DDR-Film- und -Fernseharchive als eigenes Erbe zugewachsen sind.
Auch die kleinen Delikte
Doch der „Polizeiruf 110“ hatte etwas zu bieten, was dem „Tatort“ schon lange abgeht: Offenheit. Die Krimiserie aus dem Westen war auf Mordfälle festgelegt, die aus dem Osten, die mit wechselnd zusammengesetzten Teams an unbenannten Schauplätzen spielte, nutzte dagegen alle möglichen großen und kleinen Delikte, Hauptsache, es ließ sich eine gute Geschichte drum herum erzählen. Dieses Konzept haben die „Polizeiruf 110“-Verantwortlichen der Nachwendezeit zum Glück nicht gekippt.
Anfangs haben auch mehrere Westsender „Polizeirufe“ parallel zu ihren „Tatort“-Reihen produziert, sind aber nach und nach wieder ausgestiegen – bis auf den BR und den NDR, die nun nun zusammen mit RBB und MDR den „Polizeiruf 110“ bestreiten, sehr zum Gewinn der deutschen TV-Krimikultur. Das Team aus Halle, das an diesem Jubiläumssonntag seinen Dienst aufnimmt, legt denn auch ganz groß los: So gut ist der „Tatort“ auch höchstens einmal im Jahr.
TV-Angebot: Zum Jubiläum der Reihe zeigen vor allem die Ländersender der ARD viele alte Folgen von „Polizeiruf 110“. Aber auch im Ersten gibt es am Sonntag, 30. Mai 2021, um 23.35 Hintergründiges: „Polizeiruf 11o – Die Krimidokumentation“. Einen Überblick findet man hier auf der Programmseite des Ersten.