Vor 40 Jahren haben sich engagierte Frauen für ein Frauenhaus in Esslingen eingesetzt. Statistiken der Polizei halfen ihnen bei der Argumentation. Zum Feiern ist den Frauen trotzdem nicht zumute.
Sie wären gerne überflüssig. „Es sollte uns nicht mehr geben nach 40 Jahren“, sagt Andrea Birnbaum. Sie ist eine der drei Vorsitzenden des Vereins „Frauen helfen Frauen Esslingen“, dem Träger des Esslinger Frauenhauses und einer Beratungsstelle für Frauen, die Gewalt erlebt haben. Dass beides noch immer gebraucht wird, ist wahrhaftig kein Grund zu feiern. Eine Menge bewegt und erreicht haben die Frauen dennoch.
Gewalt gegen Frauen? Aber doch nicht in Esslingen! Und wenn doch, dann sind das private Probleme. Das waren Anfang der 80er-Jahre Standardreaktionen, als sich in der Stadt Frauen für ein Frauenhaus stark machten. Auf der Straße haben sie ebenso wie in unzähligen Sitzungen und Gremien dafür gekämpft. Es dürften lebhafte Diskussionen gewesen sein, wenn man Ursula Schebur, Sybille Tropper und Gudrun Eichelmann darüber erzählen hört. Vor einer Collage mit Fotos und Zeitungsartikeln von damals stehend, sprudeln die Erinnerungen.
Das Thema Frauenhaus stieß zunächst auf Skepsis
Ursula Schebur und Sybille Tropper waren unter den zwölf Frauen, die 1982 „Frauen helfen Frauen – Frauenhaus Esslingen“ gründeten. Denn die Stadt war in der Hinsicht ein weißer Fleck auf der Landkarte und das Thema stieß in den politischen Gremien, einschließlich der Kirchengemeinderäte, zunächst fast überall auf Skepsis.
Geholfen hat ihnen schließlich „die Polizei mit ihren Zahlen“, erinnert sich Sybille Tropper. Sie belegten den Bedarf an einem Zufluchtsort für Frauen. Das kam bei den Entscheidungsträgern an, allerdings wollten sie kein autonomes oder feministisches Haus, „nicht diese Lila-Latzhosen-Flinten-Weiber“, wie Ursula Schebur sagt. Genau die standen aber bereit, samt ihrer basisdemokratischen Ideen und Diskussionen. Rückenwind bekamen sie vom Evangelischen Dekan Scheffbuch, der sich hinter sie stellte und für die Miete bürgte. Danach rang sich auch der Landkreis Esslingen zu einem jährlichen Zuschuss von 70 000 Deutsche Mark durch.
Ehrenamtlich und unermüdlich
So konnten die Vereinsmitglieder 1985 eine Doppelhaushälfte mieten, strichen Wände, schleppten gespendete Möbel. Sie führten Finanzierungsverhandlungen, stellten die ersten Mitarbeiterinnen ein, warben unermüdlich für ihre Sache. All das leisteten sie ehrenamtlich, bis hin zur Telefonbereitschaft abends oder am Wochenende. Es war unendlich viel Arbeit, „aber es war unser Baby“, sagt Tropper. Enge und innige Freundschaften wuchsen, die bis heute gehalten haben. „Man hat gewusst, man schafft es nur zusammen“, so Schebur.
Alle lernten von allen, mancher Lebensweg wurde von diesen Erfahrungen geprägt. Seit einigen Jahren vollzieht sich langsam der Generationenwechsel in der Beratungsstelle, aber auch im Verein. Ebenso hat sich das Ehrenamt gewandelt. Mit den wachsenden Aufgaben verlagerte sich der Großteil der Verwaltungsarbeit auf Hauptamtliche. Ehrenamtlich sind heute noch die Vereinsvorsitzenden tätig und die rund 25 Frauen, die im kleinen Spendenlädle in der Mittleren Beutau Dienst machen.
Häusliche Gewalt ist nicht zurückgegangen
Gewandelt hat sich auch das gesellschaftliche Bewusstsein: Niemand leugne mehr, dass es häusliche Gewalt gibt, sagt Eichelmann. Und das Phänomen sei keineswegs Vergangenheit. „Das Problem ist immer noch da“, sagt Andrea Birnbaum. Manches ist sogar kniffliger geworden: GPS und Tracker im Handy machten es schwieriger, die Adressen von Frauenhäusern geheim zu halten. Auch könne das neue Umgangsrecht der Väter mit ihren Kindern Probleme bereiten. Es berge Gefahren für die Mütter.
Nach wie vor schwierig ist die Finanzierung des Frauenhauses, das heute fünf Mitarbeiterinnen beschäftigt. Bis zum Jahr 2007 konnte ein fester Zuschuss gehalten werden, doch seitdem wird nach Tagessätzen abgerechnet. Das hat zur Folge, dass jeder nicht belegte Platz – aktuell beispielsweise wegen diverser Umbauarbeiten – die Kalkulation ins Wanken bringt. „Wir können nur existieren, weil wir gute Bedingungen ausgehandelt haben“, sagt Gudrun Eichelmann. Besser wäre aus ihrer Sicht aber eine feste Finanzierung.
Frauen bangen bei jeder Haushaltsberatung
Für die Beratungs- und Interventionsstelle des Vereins gilt das erst recht. 280 Frauen sind dort im vergangenen Jahr beraten worden, doch da es sich um keine kommunale Pflichtaufgabe handelt, bangen die Frauen bei jeder Haushaltsberatung. Derzeit kommen Stadt, Landkreis und Land gemeinsam freiwillig für rund zwei Drittel dieser Kosten auf. Das verbleibende Drittel wird über Spenden, Mitgliedsbeiträge oder Bußgelder gedeckt. Zu tun gibt es auch nach vier Jahrzehnten mehr als genug. Die 17 Plätze, die das Frauenhaus aktuell bietet, seine nicht ausreichend, stellt Andrea Birnbaum fest. Zumal viele der Frauen, die dort unterschlüpfen, auf dem freien Wohnungsmarkt kaum eine Chance haben. Das sei ein Riesenproblem. Ebenso werde bislang viel zu wenig Prävention betrieben, weil dafür die finanzielle Basis fehle, sagt Gudrun Eichelmann, die zum Jahresende in den Ruhestand geht. Sie kommt zu folgendem Schluss: „Wir müssen noch sehr viel an den Strukturen und Werten ändern.“
Was bedeutet Gewalt gegen Frauen?
Vereinsgründung
Der Verein „Frauen helfen Frauen – Frauenhaus Esslingen“ wurde im Jahr 1982 von Vertreterinnen der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen, der Gewerkschaften, der Demokratischen Fraueninitiative, des Frauenzentrums und der FDP gegründet. Das erste Esslinger Frauenhaus mit elf Plätzen eröffnete im Frühsommer im Jahr 1985. Seit einem Umzug im Jahr 1990 kann das Frauenhaus 17 Plätze bieten.
Gewaltbegriff
Gewalt gegen Frauen in der Beziehung zieht sich durch die ganze Gesellschaft und ist keineswegs ein „Unterschichtenproblem“. Frauen, die finanziell unabhängig sind oder eine intakte Herkunftsfamilie haben, finden aber oft andere Lösungen als das Frauenhaus. Der Begriff „Gewalt gegen Frauen“ umfasst nicht nur physische Gewalt wie Schläge. Auch psychische Gewalt wie Drohungen und Erniedrigungen, sexualisierte Gewalt, ökonomische Gewalt – zum Beispiel das Verwehren finanzieller Mittel oder von Berufstätigkeit – und digitale und soziale Gewalt wie das Überwachen der Kontakte zählen dazu.