Andrea Rothfuss packt ihre Reisetasche für die Paralympics in Italien. Im vergangenen Dezember gewann Andrea Rothfuss in Ischgl beide FIS-Riesenslaloms. Foto: Eva Herschmann/privat

Die Para-Skisportlerin Andrea Rothfuss aus Kernen hat sich aus einem körperlichen und seelischen Tief gekämpft. Die 36-Jährige startet in ihre sechsten paralympischen Winterspiele.

In der Wohnung von Andrea Rothfuss in Kernen-Rommelshausen (Rems-Murr-Kreis) warten Berge von Kleidung darauf, in die große schwarze Tasche mit der goldenen Aufschrift „Germany“ verstaut zu werden. Die offizielle Ausstattung des deutschen Teams für die Winter-Paralympics ist wie immer umfangreich. Das Packen ist Routine für die 36-jährige Para-Skisportlerin seitdem sie bei den Spielen 2006 in Turin erstmals am Start war. Doch diesmal ist alles besonders. Dass die Slalom- und Riesenslalomspezialistin, der seit der Geburt die linke Hand fehlt, vom 6. bis zum 15. März in Italien ihre sechsten Paralympics erlebt, grenzt an ein Wunder.

An der Wand über dem Fernseher hängt ein kleiner Teil ihrer paralympischen Medaillensammlung. Darunter die allererste, die Silbermedaille im Riesenslalom bei den Spielen in Turin 2006. Bis Peking 2022 hat Andrea Rothfuss insgesamt 14 Medaillen gewonnen: Gold – im Slalom 2014 in Sotschi – neunmal Silber und viermal Bronze. 2009 war sie Behindertensportlerin des Jahres und Fahnenträgerin der deutschen Delegation bei den Spielen in Sotschi. Andrea Rothfuss fuhr in der Erfolgsspur, bis ihr Körper und ihre Seele streikten.

Burnout und Depression: Als das Aufstehen zur Qual wurde

Die Leidensgeschichte von Andrea Rothfuss, die in Loßburg im Schwarzwald aufwuchs und seit 2016 in Kernen-Rommelshausen lebt, begann vor rund drei Jahren. Bei den Para-Weltmeisterschaften im Januar 2023 im spanischen Espot, wo sie Silber im Super-G und Bronze im Riesenslalom sowie Slalom holte, fing sie sich einen Virus ein. Danach sei sie alle paar Wochen mit Fieber im Bett gelegen, erzählt Andrea Rothfuss. „Im Sommer 2024 ging es mir dann körperlich eigentlich wieder ganz gut, und ich bin recht optimistisch in die Saisonvorbereitung gegangen.“ Doch schon im Herbst war alles anders. „Ich hatte Tage, an denen ich Kopf und Körper einfach nicht zusammengebracht habe. Ich hatte einen Burnout und bin in eine tiefe Depression gerutscht. Manchmal hat mich allein schon das Aufstehen überfordert.“

Im südkoreanischen Pyeongchang gewann sie 2018 Bronze im Slalomrennen – nur ein Edelmetall ihrer umfangreichen Medaillensammlung. Foto: dpa/Archiv

Rennen fuhr Andrea Rothfuss im Winter 24/25 keine und verpasste – zum ersten Mal in ihrer Karriere – die Para-Weltmeisterschaften in Maribor. Die Rückendeckung des Verbands, des Trainerteams und ihrer Teamkolleginnen hatte sie die ganze Zeit. „Ich war nicht mehr im Bundeskader, aber mit Verletztenstatus im Ergänzungskader. Damit konnte ich alle Trainingslager und Lehrgänge mitmachen.“

„Der Wiedereinstieg hat erstaunlich gut geklappt“

Mit Unterstützung ihres Umfelds, vor allem aber mit großem Willen und viel Geduld mit sich selbst, kämpfte sich Andrea Rothfuss Schritt für Schritt ins Leben und auf die Piste zurück. Vor drei Monaten, Anfang Dezember, bestritt sie nach mehr als einem Jahr Zwangspause ihre ersten Rennen und belegte auf Anhieb bei zwei Slaloms der FIS-Serie auf der Resterhöhe in Österreich die Plätze fünf und zwei. Eine Woche später gewann sie in Ischgl beide FIS- Riesenslaloms. Technisch sei noch längst nicht alles perfekt, sagte Andrea Rothfuss danach. „Aber der Wiedereinstieg hat erstaunlich gut geklappt, das gibt mir schon ein gutes Gefühl.“ Auch das ganze hektische Drumherum im Rennzirkus sei kein Problem gewesen. „Ich habe es geschafft, mich ganz auf mich zu konzentrieren.“

Dass sie ihre mentale Stärke zurück hat, demonstrierte Andrea Rothfuss bei ihrer Rückkehr in den Weltcup. Kurz vor Weihnachten, exakt 660 Tage nach ihrem letzten Rennen in der höchsten Kategorie, fuhr sie in St. Moritz in zwei Riesenslaloms jeweils auf Platz sieben und war zweitbeste Deutsche hinter ihrer Teamkollegin und mehrfachen Paralympics-Siegerin Anna-Maria Rieder. Mit diesem Ergebnis hätte sie nie gerechnet, sagte sie hinterher: „Damit habe ich mir selbst das schönste Weihnachtsgeschenk gemacht.“

Im Januar knackte Andrea Rothfuss mit zwei dritten Plätzen bei Weltcup-Slaloms am Feldberg die Qualifikationsnorm für die Paralympischen Spiele und ist eine von 38 Athletinnen und Athleten, die in Mailand und Cortina d’Ampezzo auf Medaillenjagd gehen. „Für mich geht ein Traum in Erfüllung“, sagt Andrea Rothfuss, die am 12. März im Riesenslalom und am 14. März im Slalom startet. „Vielleicht fahre ich auch den Super-G am 9. März und tags drauf die Kombination. Das entscheide ich vor Ort mit dem Trainerteam.“

Bisher kam Andrea Rothfuss von allen Paralympics mit mindestens einer Medaille zurück. Doch um Edelmetall geht es ihr diesmal nicht. „Mein Ziel ist es, unter die ersten Acht zu fahren.“ Die schwierige Zeit, die sie durchgemacht hat, hätten ihre Sichtweise verändert. „Ich bringe jetzt noch ganz andere Erfahrungen mit.“ Wichtiger als Gold, Silber oder Bronze sei es für sie überhaupt dabei zu sein. „In Italien schließt sich für mich ein Kreis. Ich werde meine sportliche Karriere noch nicht beenden, aber es werden definitiv meine letzten Paralympics sein“, sagt Andrea Rothfuss.