Elisabeth Nill. Archivfotos: Bulgrin/ oh Quelle: Unbekannt

Die Leistungen von Frauen sichtbar machen, sie stärken, die Strukturen in der Stadt verbessern und frauenpolitische Themen aufgreifen- mit dieser Intention hat Esslingens erste städtische Frauenbeauftragte Beate Latendorf vor 25 Jahren die Frauenwochen ins Leben gerufen. „Natürlich gab es 1991 schon die Frauenbewegung, aber die Gesellschaft war noch sehr traditionell geprägt“, sagt sie. Zum 25-Jahr-Jubiläum der Esslinger Frauenwochen hat sich EZ-Redakteurin Dagmar Weinberg bei den Frauen der ersten Stunde und bei Esslingerinnen umgehört, die sich heute im Frauenrat engagieren. Elisabeth Nill, Beate Latendorf, Barbara Straub, Monika Heim, Claudia Puschmann, Gabriele Fröhlich, Birgit Meyer, Ulrike Goldschmitt-König und Sabine Gebhardt werfen aber nicht nur einen Blick zurück. Sie erklären, was im nächsten Vierteljahrhundert noch alles zu tun ist.

Die Frauenwochen machen Mut und sie tun uns Frauen gut, weil sie Frauen verschiedenen Alters da abholen, wo sie Rat, Hilfe und Ermutigung brauchen. Und weil die Angebote niederschwellig, offen und vielseitig sind. Die Esslinger Frauenwochen sind zu einer Erfolgsgeschichte geworden, weil Frauenrat und Frauenbeauftragte (jetzt Gleichstellungsbeauftragte) die Frauenwochen gemeinsam erarbeiten und verantworten. Ohne Stabsstelle säße auch dieser engagierte und ehrenamtlich arbeitende Frauenrat auf dem Trockenen. Vor mehr als 25 Jahren sah das ganz anders aus.

Obgleich bereits der damalige OB Ulrich Bauer den Antrag für eine Esslinger Frauenbeauftragte unterstützte, gab es lange keine Mehrheit dafür im Gemeinderat. Es war ein zäher Kampf. Auch heute, im Jahr 2016, ist nichts selbstverständlich. Es ist noch viel auf den verschiedensten Feldern anzupacken. Wenn die Jüngeren - hoffentlich - die Fackel weitertragen, profitieren nicht nur sie selbst davon, sondern auch die Familien, die Arbeitswelt, die Politik: Weil Frauen ihre Stärken einbringen können, beispielsweise ihre emotionale und soziale Kompetenz. Das braucht unsere kleine und die große Welt.
Elisabeth Nill saß von 1972 bis 1988 für die SPD im Landtag und war von 1989 bis 1998 Stadträtin in Esslingen

Die Frauenwochen haben Leistungen von Frauen sichtbar gemacht, denn dadurch wird Frauen ein Forum geboten, bei dem sie ihr Wissen und ihre Fähigkeiten weitergeben können. Außerdem werden Themen, die insbesondere Frauen betreffen, in den Mittelpunkt gestellt und öffentlich diskutiert. Dadurch verändert sich auch das Bewusstsein in der Gesellschaft, denn Frauen werden gestärkt und ihre Aktivitäten wahrgenommen. Konkret wurde das Thema Migration durch eine Veranstaltung in den Frauenwochen angestoßen, denn daraus entstand der Internationale Frauentreff, bei dem sich bis heute Frauen aus verschiedenen Kulturen und Nationalitäten treffen, um Gemeinsamkeiten zu entdecken, Solidarität zu üben und zudem über unterschiedliche Traditionen zu diskutieren.

Auch in Zukunft braucht es noch die Frauenwochen, denn sie sind in Esslingen zu einem festen Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens und auch des jährlichen Veranstaltungsreigens geworden. Sie legen immer wieder den Finger in die Wunde der Gesellschaft, denn trotz aller Fortschritte bei der Gleichberechtigung gibt es immer noch Bereiche, in denen es keine Geschlechtergerechtigkeit gibt: Sexismus und Gewalt, ungleiche Bezahlung, mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die gläserne Decke beim Aufstieg in eine Führungsposition. Junge Frauen möchte ich ermutigen, für ihre Rechte einzutreten, auch mal aufzufallen, sich mit anderen Frauen zu vernetzen. Denn nur gemeinsam sind wir stark.

Beate Latendorf war von 1991 bis 2011 Frauenbeauftragte der Stadt Esslingen

Im Lauf von 25 Jahren haben sich die Frauenwochen in Esslingen als „Marke“ etabliert. Sie sind weit über unsere Stadt hinaus bekannt und gehören zu den gesellschaftspolitischen und kulturellen Höhepunkten eines jeden Jahres. Die Frauenwochen haben viel dazu beigetragen, das Bewusstsein für die Bedeutung von Geschlechtergerechtigkeit in all ihren Schattierungen zu schärfen. Heute ist Chancengleichheit von den politisch Handelnden unisono als zentrales Querschnittsthema anerkannt, das alle gesellschaftlichen Bereiche betrifft. Darum beteiligen sich alle etablierten Parteien, Verbände und sozialen Institutionen Esslingens an unserem Programm. Die Frauenwochen dienen der Vernetzung.

Regelmäßig gelingt es, bundesweit anerkannte Expertinnen für Vorträge zu gewinnen. Dadurch wird die lokale Auseinandersetzung über zentrale genderspezifische Problemfelder angestoßen. Auch in Zukunft sehe ich die Frauenwochen als wichtiges Podium. Stetig tun sich neue Handlungsfelder auf, die auf unsere Stadt „heruntergebrochen“ werden müssen: Von der Vereinbarkeit von Beruf und Pflege sprach vor 25 Jahren noch niemand. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist der Schlüssel zur nachhaltigen Lösung unserer demografischen Probleme. Migration wirft das Problem der Frauenrechte in neuer Schärfe auf. Ausgangspunkt der Frauenwochen ist der Internationale Frauentag. Darum sollte der Blick auch über Esslingen hinausgehen und globale Zusammenhänge thematisieren. Solange die Chancengleichheit nicht auf allen Ebenen verwirklicht ist, sind die Frauenwochen nicht obsolet. Junge Frauen sollten sich von der Geschichte und der Gegenwart inspirieren lassen, um ihre Zukunft und die der nachfolgenden Generation geschlechtergerecht zu gestalten.

Barbara Straub ist Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Esslingen

Die Frauenwochen haben in den vergangenen Jahren gezeigt, welche vielfältigen Erscheinungsformen Frauenleben haben können. Es gibt nicht nur die Vollzeit-Mutter oder die Top-Managerin, sondern alle Variationen dazwischen. Im Laufe der Zeit traten wir Frauen immer stärker in Erscheinung: als Mütter, als Sportlerinnen, Künstlerinnen, im Beruf, als Deutsche oder Migrantin. In der Zwischenzeit kann es sich keine gesellschaftliche Gruppe mehr erlauben, ihre Rechnung ohne uns zu machen. Ganz besonders deutlich ist dies in Wahlkampfzeiten: Der Frauenrat organisierte Podiumsdiskussionen mit Kandidatinnen und Kandidaten aller demokratischen Parteien zu Frauenthemen. Gerade jetzt versucht die AFD, uns Frauen wieder in die überwunden geglaubte Frauenrolle als Heimchen am Herde zu drängen. Doch das lassen wir nicht zu. Wir sind erfolgreich in Gesellschaft, Politik und Beruf. Aber es gibt noch viel zu tun.

Junge Frauen merken es nicht gleich, dennoch: Die „gläserne Decke“, der Karrierestopp, existiert nach wie vor, ebenso die Entgeltungleichheit. Fraueninteressen kommen auch in der Politik immer noch zu kurz. Darum brauchen wir auch in Zukunft noch die Frauenwochen. Damit wir irgendwann tatsächlich gleichgestellt sind.

Monika Heim ist für die Frauen der IG Metall Esslingen im Frauenrat

Esslingen ohne die Frauenwochen? Nicht vorstellbar. Der Termin wird sogar bei meiner Urlaubsplanung berücksichtigt. Auch, weil ich als Sprecherin des Esslinger Frauenrats inhaltlich und organisatorisch eingebunden bin, vor allem aber, weil ich die großartige Vielfalt, die so viel über die Qualität unseres Netzwerks aussagt, auf keinen Fall verpassen möchte. Das 25-jährige Bestehen macht stolz, zeigt aber auch die notwendige Weiterentwicklung der Themen und Aufgabenfelder. Noch ist der Lohnunterschied der Geschlechter viel zu hoch, noch sind die Aufgaben innerhalb der Familie nicht gleichmäßig verteilt, das Thema Gewalt gegen Frauen inklusive sexueller Ausbeutung beschäftigt uns, die Karrierechancen für Frauen müssen per Quote reguliert werden, ebenso wie die Partizipation und Repräsentation der Frauen in der Politik. Wir haben noch viel zu tun. Deshalb können wir in Esslingen froh sein, dass wir Strukturen wie den Frauenrat, das Referat für Chancengleichheit und eben auch die Frauenwochen erkämpft sowie erhalten haben. Der nachfolgenden Generation sage ich: dran bleiben!

Claudia Puschmann ist für den Arbeitskreis Sozialdemokratischer Frauen im Esslinger Frauenrat

Das Angebot der Frauenwochen orientiert sich an aktuellen, frauenrelevanten Themen. Sie unterstützen jede Frau im Umgang mit politischen sowie gesellschaftlichen Themen und in der Reflexion auf ihr eigenes Leben. Das Angebot der Frauenwochen spricht viele Lebenswelten von Frauen an, und der niederschwellige Charakter fördert und erleichtert auf diesem Weg auch den Bildungszugang. Die Esslinger Frauenwochen sind weit über die Grenzen der Stadt bekannt. Das zeigt, dass Frauen sich in ihren Interessenslagen und Bedürfnissen wahrgenommen und angesprochen fühlen. Sie bekommen neue Inputs, Antworten, Tipps sowie Hilfestellungen für ihren privaten und beruflichen Lebensweg.

Für zahlreiche Frauen haben sich die Möglichkeiten, ihr Leben zu gestalten, zwar verändert und erweitert. An der geschlechtshierarchischen Arbeitsteilung in der Gesellschaft hat sich leider bislang aber wenig geändert. Trotz aller zahlenmäßigen Gleichstellung von Mädchen und Frauen im Bildungssystem gibt es dort nach wie vor Geschlechterdifferenzen und Geschlechterhierarchien. Auch deshalb brauchen wir weiterhin die Frauenwochen. Denn es wird wichtig bleiben, Frauen zu befähigen, sich gegen die vielfältigen „geschlechtsspezifischen Benachteiligungen“ zu wehren, denen sie in der Familie, im Beruf und in anderen gesellschaftlichen Bereichen ausgesetzt sind. So gibt es auch für die jungen Frauen noch viel zu tun, seien es mehr geschlechtergerechte Freizeitangebote, sei es die Männer mehr zur Familienarbeit zu verpflichten, schon in Kitas mit Mädchenarbeit zu beginnen oder für ein höheres gesellschaftliches Ansehen und eine bessere Bezahlung sozialer Berufe zu kämpfen.

Gabriele Fröhlich ist Abteilungsleiterin Gesundheit und Frauen bei der Volkshochschule Esslingen und im Esslinger Frauenrat

Natürlich brauchen wir auch in Zukunft die Esslinger Frauenwochen. Eine so geballte Ladung und bunt gemischte Menge an Veranstaltungen zu den unterschiedlichsten Themen, die Frauen - und auch Männer - bewegen, ist ein notwendiger Höhepunkt in unserer Stadt. Notwendig, weil sich zwar in den vergangenen 25 Jahren vieles zum Positiven verändert hat in Fragen der Geschlechtergerechtigkeit. So sind mittlerweile viele Anlauf- und Beratungsstellen etabliert. Auch der Frauenanteil im Esslinger Gemeinderat ist gestiegen. Doch die Gewalt gegen Frauen und Kinder hat leider nicht abgenommen. Im Gegenteil: Cybermobbing, Shitstorms und neue Formen sexualisierter Belästigung sind an der Tagesordnung.

Die Frauenwochen sind nötig, um auf Erreichtes hinzuweisen. Und sie sollen neue Bevölkerungsgruppen ansprechen, motivieren, einbeziehen und unterhalten, aber auch irritieren. Das gilt besonders für die jungen Frauen, die - wie manche meiner Studentinnen - zunächst skeptisch sind, weil Frauenwochen den Hauch von Feminismus in sich tragen. In Zeiten von Queer- Feminismus, All-Gender-Toiletten und des Abschieds von einengenden Geschlechterzuschreibungen sehen sich junge, selbstbewusste Frauen oft nicht mehr als benachteiligt. Doch auch junge Frauen (und Männer) können von beruflichen Netzwerken, Vorbildfrauen oder Rhetoriktrainings unglaublich profitieren.

Vor zehn Jahren hat eine Projektgruppe meiner Studentinnen zusammen mit Beate Latendorf die Frauen-Gesundheits-Wochen mit einer bunten Palette von Themen und Angeboten organisiert. Manche Absolventin arbeitet heute im Gesundheitssektor, weil sie damals den Anstoß dazu bekam. Ich wünsche allen Besuchern und Besucherinnen, vor allem den jungen, viel Neugier, Offenheit, Veränderungswillen, Lust, sich als Frau in unserer Gesellschaft einen angemessenen und gewünschten Platz zu erobern, Arbeit und Liebe zu verbinden, Freundschaft und Familie zu leben - und dies in einer liebenswerten Stadt. Auch dafür können die Esslinger Frauenwochen Anstöße geben.

Birgit Meyer ist promovierte Politologin, hatte als Professorin an der Hochschule Esslingen den ersten Lehrstuhl für Frauenforschung und ist heute noch als Lehrbeauftragte aktiv

Die Frauenwochen haben durch die Vielfalt des Programms eine Strahlkraft über die Grenzen Esslingens hinaus erreicht und sind aus dem Jahresprogramm nicht mehr wegzudenken. Neidvoll schauen angrenzende Nachbargemeinden auf das Esslinger Programm, das zu den größten in der Region gehört. Selbst Stuttgart kann da nicht mithalten. Auch die einzelnen Einrichtungen können sich durch die Frauenwochen bekannter machen. Noch zu Zeiten von Beate Latendorf hat das Regionalbüro für berufliche Fortbildung Themen aufgegriffen, die mit der Arbeitswelt zusammenhingen. Die Workshops waren durchweg sehr gut besucht. Frauen, die teilgenommen haben, berichteten mir, dass es für sie danach leichter war, einen Job zu bekommen, und dass sie auf alle Fälle selbstbewusster geworden sind. Durch die Themen der Frauenwochen sind viele Diskussionen entstanden, die meiner Meinung nach auch dazu beitragen, dass sich das Bewusstsein verändert.

Doch benötigen gesellschaftliche Veränderungen einen langen Atem. Wir Frauen sind noch nicht am Ziel - auch wenn es den Anschein hat. Eine vollkommene Gleichstellung ist noch nicht erreicht. Neue gesellschaftliche Herausforderungen, etwa die Flüchtlingsproblematik, rücken auch die Frauenrechte sowie die Gleichstellung wieder in den Vordergrund und machen weiteres Engagement notwendig.

Ulrike Goldschmitt-König ist Berufspädagogin im Regionalbüro der Netzwerke für berufliche Fortbildung und Mitglied im Frauenrat

Zum ersten Mal bin ich auf die Esslinger Frauenwochen im Rahmen meines Studiums zur Diplom-Sozialpädagogin gestoßen - vor beinahe 20 Jahren. In diesen zwei Jahrzehnten ist bestimmt kein Jahr vergangen, an dem ich nicht mindestens an einem Angebot teilgenommen habe - immer zusammen mit anderen Frauen aus meinem Bekannten- oder Kolleginnenkreis. Ich habe andere Frauen kennengelernt und mich vernetzt. Angestoßen durch die Esslinger Frauenwochen hat sich in meinem Bewusstsein also vieles weiterentwickelt.

Jedes Angebot der Frauenwochen kann bei Esslinger Bürgerinnen etwas anschieben: Sei es, dass sie niedrigschwellig eine Esslinger Institution kennenlernen, sei es, dass sie Mut fassen, für ihre Interessen einzustehen oder, dass sie sich künftig für die Gleichstellung der Geschlechter aktiv einsetzen. Aber nicht nur deshalb brauchen wir weiterhin die Frauenwochen. Wir brauchen die Frauenwochen auch, weil:

• Vielen Arbeitnehmerinnen der Wiedereinstieg nach der Geburt eines Kindes beim bisherigen Arbeitgeber beinahe unmöglich gemacht wird - gesetzlicher Anspruch hin oder her.

• In Esslingen wesentlich mehr Männer technische Berufe und Frauen soziale Berufe ergreifen.

• Viele Paare vor der Familienphase davon träumen, sich die Elternzeit real zu teilen und sich nach der Geburt in der klassischen Rollenverteilung wiederfinden.

• Sich mein Mann beim Eltern-Kind-Turnen freitagvormittags meist allein unter Müttern befindet.

• Ich mir überlegen muss, wie sicher es ist, als Frau alleine im Esslinger Wald joggen zu gehen.

Meine Generation muss sich leider in einigen Bereichen immer noch dafür einsetzen, dass bestimmte Rechte nicht nur auf dem Papier stehen, sondern auch in der Realität umgesetzt werden. Es gilt, sich also auch in Zukunft zu vernetzen sowie gemeinsam für die Einführung und Umsetzung bestimmter Rechte einzusetzen.

Sabine Gebhardt hat in Esslingen Soziale Arbeit studiert, arbeitet als Fachberaterin im Praxisamt der Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege an der Hochschule und ist seit einigen Monaten im Frauenrat