Mit Kränzen und Blumen am Tatort haben die „Black Jackets“ am Jahrestag des Überfalls ihres Mitglieds gedacht, das hier am 22. Dezember 2012 durch Messerstiche zu Tode kam.Foto: Bulgrin Foto: EZ

Der aus Esslingen und Horb bekannte Rocker Sidar A. taucht plötzlich in Düsseldorf auf und wird auf der Königsallee niedergestochen. Wollte sich der wegen Mordversuchs verurteilte Mann dort etablieren, und geriet er an die Hells Angels?

Esslingen/DüsseldorfEs ist eine laue Sommernacht in Düsseldorf, die Königsallee mit ihrem Wassergraben und den schicken Geschäften liegt in der Dunkelheit. Plötzlich geraten vier Personen in Streit, eine Gruppe von vier Personen greift einen 23-jährigen Türken an mit Schlägen, Tritten und einer abgeschlagenen Flasche. Wenig später ist der Rettungsdienst gefordert, der Türke muss mit lebensgefährlichen Verletzungen ins Krankenhaus.

Das Ganze spielt sich am 28. August ab, an einem Dienstag - und schon am Freitag hat das Opfer wieder die Klinik verlassen und ist vielleicht auf dem Weg zurück in die Heimat - nach Baden-Württemberg.

Was steckt dahinter?

Der 23-jährige Sidar A. ist den Behörden im Land bereits bekannt. Er stammt aus Horb am Neckar (Kreis Freudenstadt) und war zeitweise Mitglied bei den United Tribuns - einer von Migranten dominierte Rockergang, die mit den türkisch dominierten Black Jackets über Kreuz lag. Sidar A. soll zeitweise Vizepräsident der Tribuns im Kreis Freudenstadt gewesen sein und war mit seinem Kumpel Aykut C. ein dynamisch-gefährliches Duo. Als „die zwei gewaltbereitesten Rocker in Baden-Württemberg“ wurden sie im Jahr 2015 auf der Homepage eines Rockerforums bezeichnet. Aykut C. wurde wegen illegalen Waffenbesitzes verurteilt, er soll eine Schusswaffe und einen Schlagring bei sich geführt haben.

Rache und Gegenrache

Immer wieder sind die beiden in Gewaltdelikte verwickelt, die sich zu einem regelrechten Feldzug mit Rache und Gegenrache entwickeln. Tribuns gegen Black Jackets - oder es geht gemeinsam gegen die Kurden, auf diese Formel lässt sich die Lage bringen. Im Jahr 2012 wird der Bruder von Aykut C. in Esslingen bei einer Messerstecherei mit kurdischen Aktivisten getötet. Vermutlich um den Tod des Bruders zu rächen, kam es im Frühsommer 2015 zu einer Racheaktion gegen zwei Männer bei einem Dönerladen - sie sollten mit Schlägen und mit einem Messer angegriffen worden sein, so ein Sprecher des Stuttgarter Landeskriminalamts. Als Folge davon wurde Sidar A. verhaftet - Beamte des SEK stürmten seine Wohnung. Er wurde zu einer dreijährigen Jugendstrafe verurteilt und saß in Karlsruhe bis Februar im Gefängnis. Dann verliert sich die Spur.

Wollte Sidar A. in Düsseldorf ein "Geschäft" eröffnen?

Bis nun Sidar A. wie aus dem Nichts wieder auftaucht - in Düsseldorf. Es kommt zu dem anfangs geschilderten Überfall. Möglicherweise, so wird in Ermittlerkreisen in Nordrhein-Westfalen vermutet, könnte es sich um den Versuch des Rockers aus Horb gehandelt haben, im Rotlicht- und Drogenmilieu Düsseldorfs Fuß zu fassen und ein „Geschäft“ zu eröffnen.
Dafür spricht, dass es in Düsseldorf keine aktive Ortsgruppe (Chapter) der Hells Angels gibt. „Eigentlich ist die Stadt rot-weiß“, sagt Markus Nieczery vom Polizeipräsidium Düsseldorf. Rot-Weiß, das sind die Farben der Hells Angels. Doch durch die Auflösung der Strukturen ist ein Machtvakuum in der Rotlicht- und Türsteherszene entstanden, die sonst fest in der Hand der Gangs ist. Wollte Sidar A. aus Horb in diese Lücke stoßen und selbst einen Neustart wagen?

Sidar A. schweigt zur Auseinandersetzung in Düsseldorf

Er selbst sagt laut Polizeiaussagen dazu gar nichts - obwohl er offenbar weiß, wer die Kontrahenten waren. Auch der einzige mögliche Zeuge schweigt. Das macht es Polizei und Staatsanwaltschaft schwer, den Fall aufzuklären. In der Regel benötigen sie dafür einen Kronzeugen, der gegen Straferleichterung aussagt. Wie im Prozess gegen die nationaltürkische Rockergang Osmanen Germania, der nächste Woche vor dem Stuttgarter Landgericht fortgesetzt wird. In diesem Fall haben Aussteiger das Schweigen gebrochen.

Sind die Rocker wieder in der Region?

Der Fall von Sidar A. und Aykut C. bleibt hingegen vorerst im Dunkeln. Er und Aykut C. haben eine gemeinsame Facebook-Seite, auf der sie mit Porsches posieren. Seit 2015 ist diese allerdings verwaist. Ob Sidar A., vielleicht mit Aykut C., nach dem Abgang aus dem Düsseldorfer Krankenhaus nach Baden-Württemberg zurückgekehrt ist, ist den Behörden nicht bekannt.
Auf der Plattform Rocker-Info.net wird Sidar A. nach seiner Entlassung aus dem Karlsruher Gefängnis mit dem Satz zitiert: „Ich habe nichts mit Kriminalität zu tun, aber ich habe ein paar unartige Freunde. Ich bin ein gesetzestreuer Bürger.“ In Düsseldorf war er das Opfer. Die Ermittlungen der Polizei laufen weiter.

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