Foto: Lichtgut/Max Kovalenko - Lichtgut/Max Kovalenko

Die Verspätungen der S-Bahn haben 2019 wieder zugenommen. Aber auch die Fahrgastzahlen steigen. Die Pendler müssen sich auch künftig auf Störungen einstellen.

StuttgartTrauriger Rekord: Die S-Bahn ist im vergangenen Jahr so unpünktlich gewesen wie noch nie in ihrer gut 40-jährigen Geschichte. 2019 sank die Drei-Minuten-Pünktlichkeit im Tagesdurchschnitt auf 84,4 Prozent. Das heißt: Lediglich 84 von 100 Zügen waren pünktlich oder hatten maximal drei Minuten Verspätung, 16 kamen drei oder mehr Minuten verspätet am Ziel an. Weniger als sechs Minuten waren 95,3 Prozent der S-Bahnen verspätet. Im Vorjahr lagen diese Werte noch bei 86,8 und 96,1 Prozent. Die aktuelle Bilanz ist sogar noch schlechter als die der Jahre 2012 bis 2014, die intern als „Seuchenjahre der S-Bahn“ bezeichnet werden. Damals forderten S-21-Arbeiten im Hauptbahnhof ihren Tribut. Von 2015 an war die Pünktlichkeit etwas besser und auf diesem Niveau stabil.

Wie sind die Werte im einzelnen?

Im ersten Halbjahr war die Pünktlichkeit deutlich besser als in den Monaten ab Juli. Im Oktober und November waren die Werte am schlechtesten: 77 und 78 Prozent bei der Drei-Minuten- und 92,8 und 92,6 Prozent bei der Sechs-Minuten-Pünktlichkeit. Besonders betroffen sind die Linien S 1, S 2 und S 3: Dort war vor allem die Drei-Minuten-Pünktlichkeit um etwa zehn Prozentpunkte schlechter als die der Linien S 4, S 5, S 6 und S 60. Die Tiefpunkte lagen bei knapp mehr als 70 Prozent – und das über den ganzen Tag hinweg. Das heißt drei von zehn S-Bahnen waren verspätet. Aber auch die für Pendler wegen der Anschlüsse wichtige Sechs-Minuten-Pünktlichkeit sank bei der S 1, S 2 und S 3 auf 90 Prozent und tiefer: Eine von zehn S-Bahnen kam also mehr als sechs Minuten zu spät. So lange wartet kein Bus.

Was sind die Gründe?

Ein Bahnsprecher nennt drei Probleme. Erstens: Auf etwa der Hälfte des 215 Kilometer langen S-Bahnnetzes werden die Schienen gemeinsam mit dem Fern-, Regional- und Güterverkehr genutzt. Sollte dort ein Zug Verspätung haben, wirkt sich das sofort auf die S-Bahn aus. Weil das Regionalzugangebot in den Stuttgarter Netzen ausgebaut worden sei und weil die neue Betreiber Abellio und Go Ahead Startschwierigkeiten hätten, „hat sich die Situation im zweiten Halbjahr verschärft“, sagte der Sprecher. Die Verspätungen wegen Staus hätten um ein Viertel zugenommen. Davon sind besonders die S 1, S 2 und S 3 auf der Rems-, Murr- und Gäubahn betroffen. Zweitens: Um ihre in die Jahre gekommene Technik (Fahrwerk, Signaltechnik, Oberleitungen, Weichen) zu erneuern, investiert die Bahn Millionen. Die Folge: Baustellen, die wiederum den S-Bahnverkehr behindern. „Wir wollen trotzdem so viele Züge wie möglich fahren lassen, auch wenn das auf Kosten der Pünktlichkeit geht“, sagte der Sprecher. „Die Verspätungen wegen Bauarbeiten sind viermal so hoch wie im Vorjahr“. Drittens: Im ersten Halbjahr gab es immer wieder technische Störungen an Fahrzeugen, die unterschiedliche Ursachen hatten. Seit dem Frühjahr 2019 hilft zusätzliches Technikpersonal in der S-Bahnleitstelle Plochingen den Lokführern bei der Diagnose und der Schadensbehebung. „Die Beeinträchtigungen wegen Fahrzeugstörungen sind seitdem deutlich zurückgegangen“, sagte der Bahnsprecher.

Wie sind die Rahmenbedingungen?

Auf der vorhandenen Infrastruktur sind Jahr für Jahr mehr S-Bahnen unterwegs – mittlerweile fast 850 Fahrten am Tag. Auch die Zahl der Fahrgäste steigt jährlich um mindestens 1,5 Prozent. Im vergangenen Jahr waren es 133 Millionen. Das macht vor allem in der unterirdischen Stammstrecke in Stuttgart Probleme, deren Kapazität ausgereizt ist. Damit die Haltezeiten so kurz wie möglich sind, werden am Hauptbahnhof und in Stuttgart-Vaihingen S-Bahn-Helfer eingesetzt.

Was meint der Verband Region Stuttgart?

„Wir anerkennen die Anstrengungen der Bahn, dennoch ist die Situation unbefriedigend“, sagte Jürgen Wurmthaler vom Verband. Das System bewege sich an der Kapazitätsgrenze. „Wir brauchen punktuelle Verbesserungen“, fordert er von der Bahn. Grundsätzlich werde sich die Situation aber erst von 2025 an verbessern, wenn S 21 fertig sei, dank 58 zusätzlicher S-Bahnen Langzüge verkehrten und die neue Signaltechnik ETCS für eine höhere Kapazität sorge.

Wie geht es weiter?

Die Fahrgäste müssen also weiter mit Verspätungen rechnen. In diesem Jahr seien zwar weniger Baustellen geplant, allerdings werde die Schnellfahrstrecke Mannheim-Stuttgart sieben Monate lang gesperrt, sagte der Bahnsprecher. Auch der Ausbau des Regionalzugverkehrs gehe weiter – mit Folgen auf den Mischverkehrsstrecken. In den Jahren 2021, 2022 und 2023 soll in den Sommerferien jeweils sechs Wochen lang die Stammstrecke zwischen Stuttgart-Vaihingen und Hauptbahnhof für

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