2015 flieht der damals elfjährige Saikshvly Ilyas vor dem IS aus dem Nordirak nach Deutschland. Bis der Sindelfinger deutschen Boden betreten kann, durchläuft er einen wahren Albtraum. Wie erlebte der heute 19-Jährige als Kind Völkermord und Flucht?
Genau 19 Jahre ist Saikshvly Ilyas heute alt. Der Sindelfinger engagiert sich seit Jahren ehrenamtlich im Jugendcafé, bei SIM TV, in der Lokalpolitik, für geflüchtete Ukrainer und im Jugendgemeinderat. In der Coronapandemie beteiligte er sich bei „Helfen statt Hamstern“. Die Erfolgsgeschichte des Jesiden findet 2023 seine Krönung: Saikshvly, meist Saikesh genannt, wird im Januar deutscher Staatsbürger. Im September beginnt er bei der Stadt, die er seit acht Jahren seine Heimat nennt, eine Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten.
Noch 2015 war diese Entwicklung völlig undenkbar. Nicht nur lebte Ilyas zu diesem Zeitpunkt 4000 Kilometer von Sindelfingen entfernt im Norden Iraks, das Überleben des damals Zehnjährigen und seiner Familie war stark bedroht. Ein Jahr zuvor eroberte der IS weite Teile des Landes, im Sommer 2014 beschossen arabische Gruppen die jesidischen Dörfer mit Granaten. Kurz danach stand der IS auch in Tel Benat, dem Heimatdorf von Ilyas. Um sich vor den am 3. August einfallenden Terroristen in Sicherheit zu bringen, floh die Familie mit etwas Lebensmittel und Wasser in Auto und Traktor ins Gebirge.
„Überall auf dem Weg begleitete uns die Angst, entdeckt und getötet zu werden. Sind wir an Patrouillen des IS vorbeigefahren, mussten wir uns ducken“, sagt Ilyas. Immer wieder passierte die Familie die bärtigen, in Schwarz und oft nur mit Hausschuhen bekleideten und bis an die Zähne bewaffneten IS-Kämpfer. Auf das Angebot der Islamisten, nach Tel Benat zurückzukehren, ging Ilyas’ Familie nicht ein. „Wir ahnten, dass dies eine Falle ist, um uns zu unterwerfen und schlussendlich auch zu töten“, so der Sindelfinger.
Auch Ilyas’ Familie wird Opfer des Völkermords
Die Angst, durch Waffen gewaltsam oder an Hunger, Durst oder Erschöpfung zu sterben, war keine abstrakte, wie Saikhsvly Ilyas erläutert: „Wir hörten Schüsse. Die ganze Zeit waren wir auf der Suche nach Schatten, Lebensmittel und Wasser. Ich war dauerhaft in Panik.“ Von ausländischen und den kurdischen Peschmerga-Truppen verlassen, waren die Jesiden schutzlos ausgeliefert. „Manche konnten fliehen. Viele schafften es aber nicht. Alleine in unserem Dorf, in dem wir alle entfernt miteinander verwandt sind, wurden 380 Menschen ermordet“, erklärt der 19-Jährige. Zu den rund 10 000 Opfern des Genozids zählen auch seine zwei Großväter und der Onkel. „Vom Onkel haben wir seit neun Jahren nichts gehört. Er war Vater von vier kleinen Kindern. Bei aller Hoffnung, befürchten wir, dass der IS ihn umgebracht hat.“
Weil die Lage trotz geglückter Flucht aussichtslos bleibt, schickt der Vater Saikesh und zwei ältere Geschwister nach Europa. Das Ziel der drei: Deutschland. Der Weg dorthin soll aber eine gefährliche Etappe werden. Wie Tausende andere Flüchtlinge mussten auch die drei die Hilfe von Schleppern in Anspruch nehmen. Wochenlang waren sie eingepfercht in Auto-Kofferräumen und Reifenlagern, kleinen Hotelzimmern und bei Wind und Wetter in Wäldern in der Türkei, Bulgarien, später Österreich unterwegs. „Unsere Flucht war teuer und abenteuerlich. Täglich hatte ich Angst. Wir hatten Hunger und Durst, froren und befürchteten immer, von der Polizei entdeckt zu werden“, erinnert sich der 19-Jährige. Das Schicksal habe es aber gut gemeint. Die drei schafften es lebend nach Deutschland.
Erlebtes ist tief ins Gedächtnis eingebrannt
Wie dem als Kind geflohenen Saikesh Ilyas geht es tausenden Minderjährigen, die nach Deutschland einreisen. Nicht wenige bräuchten direkt nach ihrer Ankunft eine psychologische Anschlussbetreuung. Wie viele der Kinder und Jugendlichen letztlich psychisch belastet oder gar traumatisiert sind, lässt sich auch für jene, die täglich mit der Betreuung minderjähriger Flüchtlinge befasst sind, schwer beziffern. Sarah Hauser vom Waldhaus, einem der größten sozialen Träger im Kreis Böblingen, sagt: „Mindestens Zweidrittel der Kinder und Jugendlichen sind traumatisiert. Entweder wegen der Erfahrungen aus ihrem Heimatland oder wegen dem Erlebten auf der Flucht.“
Damit seien neben den Menschen, die die hochgefährlichen Bootsfahrten über das Mittelmeer nehmen, auch Personen wie Saikesh Ilyas gemeint, die über den Landweg nach Europa kommen. Auch im Kontakt mit Schleppern, in überfüllten Flüchtlingslagern und an den europäischen Grenzen, wo Sicherheitskräfte Menschen durch sogenannte Pushbacks gewaltsam vor dem Übertritt hindern, machen Geflüchtete traumatische Erlebnisse. Für Mitarbeitende in Einrichtungen wie dem Waldhaus bedeutet dies, Kindern eine möglichst enge Betreuung zukommen zu lassen. „Wir geben den Kindern und Jugendlichen einen sicheren Ort und Ruhe, um anzukommen. Am Anfang wird viel mit Dolmetschern gearbeitet“, sagt Hauser.
Mehr niedrigschwellige Angebote wären vonnöten
Therapieplätze sind rar gesät. Deshalb und aus weiteren Gründen ist die Zahl der geflüchteten Kinder, die psychotherapeutische Hilfe erhalten, noch zu gering, wie Vesna Duric vom Verband „Arbeitsgemeinschaft für die eine Welt“ (AGDW) in Stuttgart ausführt: „Einige wollen eine Therapie machen, um die Schrecken der Vergangenheit zu verarbeiten, andere nicht. Teils weil sie die Konfrontation scheuen, teils auch, weil sie keinerlei Vorstellung haben, wie eine Therapie helfen könnte.“
Ein weiteres Problem, ergänzt Jens Peter, ihr Kollege im Bereich Vormundschaften von minderjährigen Flüchtlingen, sei, dass viele Therapeuten keine Sitzungen in der Muttersprache der Geflüchteten anbieten können. „Wir bräuchten hier viel mehr niedrigschwellige Angebote, so wie es sie in speziellen therapeutischen Jugendhilfeeinrichtungen schon gibt“, so Jens Peter. Im Kreis Böblingen existieren wenige solche Angebote. Jugendliche müssten daher nach Stuttgart, zum Beispiel zu der zur Caritas zählenden Stelle Refugio, wie Waldhaus-Mitarbeiterin Hauser betont.
Auch wenn Saikesh Ilyas sein großes Ziel, die Schrecken von 2014 und 2015 zu überstehen, erreicht hat, wirkten die Erlebnisse bei dem damals Elfjährigen zunächst nach. „Als ich frisch nach Sindelfingen kam, war ich zurückgezogen, freudlos, deprimiert.
„Erst durch das Engagement von Menschen im Jugendcafé und bei SIM TV hat sich meine psychische Verfassung verbessert“, so Ilyas. „Ich wollte damals keine psychologische Hilfe. Heute weiß ich, dass es besser gewesen wäre, um mit dem Erlebten aus Genozid und Flucht besser fertig zu werden“, weiß der 19-Jährige und fügt hinzu: „Was ich an Gewalt gesehen und an Todesängsten ausgestanden habe, werde ich nie wieder vergessen. Auch, dass unser Onkel wohl nie wieder zurückkehren wird, prägt mich bis heute sehr negativ.“