05.03.2019 65.000 Zuschauer beim Faschingsumzug in Stuttgart

 Foto: Boosz

Beim großen Umzug fallen zuerst kiloweise Bonbons auf die Zuschauer. Später kommt noch Regen dazu, was aber der Stimmung keinen wirklichen Abbruch tut.

StuttgartMer losse d’r Dom en Kölle“, schallt es aus unzähligen Kehlen durch das Stuttgarter Rathaus. Dazu haut Josef Stützle aus Tamm in die Tasten eines riesigen Kastens, der ein ganzes Orchester ersetzt. Und vor dem mittleren Sitzungssaal im vierten Stock ruckelt eine Polonaise vorbei. So was schafft nur der Fasching. Zum Glück.

Als traditionelles Warm-up vor dem großen Umzug hat die Stadt die Narrenzünfte zum Umtrunk und Mittagssnack geladen, dazu alle Angestellten, die sich dazu lediglich ausstempeln mussten. Es gibt Linseneintopf, Landjäger, Brot, Trollinger und Riesling für den Bauch und Kostüme fürs Auge. Bei einigen vorwiegend männlichen Narren markiert zwar nur eine bunte Krawatte oder eine Baskenmütze die maximale Faschingsenthemmung. Bürgermeisterin Isabel Fezer hat sich aber als Gastgeberin und Frontfrau des Umzugs in tiefschwarzes Ornat geschmissen. Die Liberale kommt als Zauberin, mit spitzem Hut, Zauberstab und Krähe auf dem Arm. „Ich muss ja einen neuen Bürgermeister herzaubern“, sagt sie. Nein, Wölfle ist noch da, Föll ist weg. Trends in der Kostümierung 2019 werden sichtbar. Pappnasen sind out, Perücken und Brillen aller Art in. Die Sanitäterin mit dem Stethoskop erweist sich allerdings als echt. Draußen scheint die Sonne, also ab zum Umzug.

Es geht stramm auf den Start zu, als sich der Himmel verdunkelt. Aber das närrische Volk soll sich nicht so mit dem Wetter haben. Beim ersten dokumentierten Umzug 1839 lag im Städtle Schnee, glitten die Narren auf Schlitten durch die Königstraße, vorbei an verdutzten Menschen, die sich laut Chronisten „erstaunt über den Mummenschanz der Neger, Ungarn, Gaukler, Tänzerinnen und Ritter“ zeigten. Darauf ein Narri, Narro. Viele verschiedene Kostüme gibt es auch in der Neuzeit. Vor allem viel Fell, buntes Tuch und böse Fratzen, aber auch kleine Bienchen und Legionen an Würdenträgern mit schrillen Hüten und inzwischen mutmaßlich Tennisarm vom Bonbonschmeißen. Insgesamt zogen gut 1800 Narren in 56 Gruppen von der Tübinger Straße zum Karlsplatz.

Die Fasnet öffnet sich

Die 65.000 am Rand freuen sich über den harten Zuckerregen. Nach einer halben Stunde kommt dann noch echter Regen dazu. Das knabbert ein wenig an der Stimmung, aber nur ein wenig. Böse Zungen nennen ja zumindest Teile der Stuttgarter in Bezug auf Lebensfreude gerne mal „Pietcong“, aber das kontern die narreten Schwaben am Straßenrand locker mit einem donnernden „Helau“. Doch, ganz im Ernst. Natürlich auch Narri, Narro, aber der Faschingsschwabe wird traditionell aushäusiger.

Mit manch wundersamer Blüte. Der Frontwagen des Stuttgarter Stadtprinzenpaars war ein BMW, andere hiesige Würdenträger rollten in einem Audi mit Brauschweiger Nummer über die Strecke. Stuttgarts Narren geben sich also offen. Und ja, der württembergische Faschingsmensch erkundigt sich auch nicht mehr zwingend, ob man auch halbe Luftschlangen kaufen kann.

Das meist gezeigte Kostüm bei den Zuschauern war keines. Dahinter rangierten Feen, Prinzessinnen, Pfarrer und Piraten. Cowboy und Indianer sind dagegen kaum noch zu sehen. Sie werden von Klorollen oder Astro-Alex ersetzt, kein Witz. Und gechillt ist er auch, der Faschingschwob. Die Handbewegung, wenn die übers Jahr im Locher gesammelten Stanzkonfetti in den Umzug geschleudert werden, hat was gemütlich Weltumspannendes. Nur keine Hektik, schließlich lassen da viele ihre Steuerbescheide regnen.

Ja und das Ende – sauber, wie es sich gehört. Nach dem letzten Faschingswagen entern sieben Männer in Orange mit Besen die Straßen. Die fegen Restbonbons, Konfetti, Luftschlangen und sonstiges Gedöns akkurat in die Mitte. Den Rest erledigen drei Kehrautos. Zwei der Euro 6 Diesel tragen Autonummern aus Hannover und Aachen. Man sagt, es seien Testfahrzeuge. Tschä hoi.

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