Kolja Schultheiß wohnt in Esslingen und ist aktiv in der Umweltbewegung Fridays for Future. Quelle: Unbekannt

Der 17 Jahre alte Schüler Kolja Schultheiß organisiert die Fridays-for-Future-Demonstrationen in Esslingen. Im EZ-Gespräch erzählt er, wie das sein Leben beeinflusst.

EsslingenDie Umweltbewegung Fridays for Future ist weltweit aktiv. Jugendliche gehen für mehr Klimaschutz auf die Straßen und demonstrieren. Die Demos werden ausschließlich von Jugendlichen organisiert. Kolja Schultheiß organisiert die Protestaktionen in Esslingen. Im Interview spricht der 17-Jährige über seinen Alltag und die Herausforderungen als Klima-Aktivist.

Was war der Auslöser dafür, dass du Fridays for Future in Esslingen organisierst?
Ich fand Klimaschutz wichtig, aktuelle Politik aber eher nicht so übertrieben interessant. Mein Vater wollte dann 2018 mit mir zusammen in den Hambi (Anmerkung der Redaktion: Hambacher Forst) zum Demonstrieren fahren. Und mein Vater hat mich dann eben auf die Idee gebracht, dass ich doch mal auf die Demo nach Stuttgart gehen könnte. Dann war ich auch kurz etwas skeptisch: Das mit dem Schulschwänzen war früher nicht so mein Ding. Inzwischen sind meine Eltern aber eher etwas skeptisch, dass ich mich überanstrenge.

Seid ihr dann in den Hambacher Forst?
Nein, um Gottes Willen, das war damals nicht meine Welt.

Ab wann hast du bei Fridays for Future mitgemacht?
Im Januar 2019 bin ich nach Stuttgart auf eine Demo gegangen und war ganz schön überwältigt davon, was da abgeht. Ich habe gemerkt, dass es das in Esslingen nicht gibt. Da dachte ich: Wenn ich nichts mache, wird auch niemals etwas passieren. Und dann habe ich mich dafür entschieden, diese etwas verschlafene Stadt aufzurütteln. Ich habe erst in Stuttgart mitgeholfen, da ich es mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht zugetraut habe, das alleine zu organisieren. So habe ich das Handwerk in Stuttgart gelernt und dann Demos in Esslingen organisiert. Die erste in Esslingen war am 5. April 2019.

Wie viel Zeit beansprucht Fridays for Future in der Woche?
Also in Stunden ist das schwierig zu beziffern. Aber im Grunde läuft mein Tag so ab: Ich gehe in die Schule, komme wieder heim. Dann setze ich mich an die E-Mails, esse zwischendrin noch was, und irgendwann bin ich noch froh, wenn ich Zeit für die Hausaufgaben habe. Also Fridays for Future nimmt aktuell in meinem Leben sehr viel Zeit in Anspruch. Bevor ich aktiv war, habe ich sechs Mal die Woche Sport gemacht. Nun mache ich einmal im Monat Sport. Irgendwie habe ich für nichts mehr Zeit. Ich gehe nicht mehr arbeiten, und ich sehe meine Freunde, die nicht aktiv sind, so gut wie nie, solange sie nicht in der Schule sind. Also das nimmt quasi den ganzen Alltag ein.

Würdest du sagen, dass es mehr als ein Hobby ist?
Also, es ist für mich so – ich kann nicht ohne, weil ich nicht wegschauen kann. Wir haben einfach ein verdammt großes Problem, auf das wir zusteuern. Und wenn wir nicht handeln, dann war es das mit der menschlichen Zivilisation. Und dementsprechend sehe ich für mich persönlich nicht wirklich die Wahl, da jetzt zu sagen: Das ist jetzt ein Hobby, damit kann ich irgendwann einmal wieder aufhören. Sondern das ist etwas, das muss geschehen und wenn es niemand anderes macht, dann werde ich es wohl machen müssen.

Leiden die Schulergebnisse darunter?
Es leidet schon, allein weil ich einfach unglaublich müde bin, Schlafstörungen habe. Seitdem ich aktiv bin, lerne ich so viel für die Schule, wie nie zuvor. Aber das beißt sich dann mit Müdigkeit. Meine Noten sind ungefähr wie davor.

Was sind deine Pläne nach der Schule?
Ich mache dieses Schuljahr Abitur. Dann möchte ich eine Schreinerlehre machen und am liebsten weg aus dem Stuttgarter Dunstkreis. Ich will jetzt aber noch ein Jahr in Stuttgart bleiben, ich nenne es immer zum Spaß ein freiwilliges aktivistisches Jahr. Da muss ich jetzt schauen: Wie kann ich mir das finanzieren, um in eine WG zu ziehen und nebenher etwas zur Berufsvorbereitung zu machen?

Gibt es dann keine Demos mehr in Esslingen?
Ich werde dann weiterhin schauen, dass es in Esslingen Demos gibt. Wir haben auch andere engagierte tolle Menschen in Esslingen, an die ich das übergeben werde. Dann haben wir eine einjährige Übergangsphase – da bin ich schon zuversichtlich. Oder noch besser wäre es, wenn wir es in einem Jahr nicht mehr brauchen, weil die Bundesregierung unsere Forderungen umgesetzt hat. Aktuell bin ich aber ziemlich hoffnungslos.

Wie findest du bei diesen Nachrichten die Kraft, jeden Monat auf der Straße zu demonstrieren?
Die Menschen, mit denen ich zusammen auf die Straße gehe, geben mir noch mal die Kraft, die geben mir was zurück und vor allem ticken die eben gleich. Wir können uns dadurch auch helfen. Wer es nicht versucht, der hat schon verloren.

Wie gehst du mit Hasskommentaren um?
Böse Kommentare bekommt man hier schon auch ab. Aber das ist mir ziemlich egal, weil man einfach ganz schnell merkt, dass die Menschen im Grunde keine Ahnung haben. Und dementsprechend ist es uns auch wichtig, dass wir die Menschen aufklären.

Das Interview führte Simone Lohner.

An diesem Freitag werden rund 100 Demonstranten im Rahmen von Fridays for Future in Esslingen erwartet. Start ist um 9.30 Uhr am Bahnhofsplatz. Es geht weiter über Fleischmann-, Bahnhof-, Neckar- und Ulmer- in die Maillestraße. Dann in Richtung Ritterstraße durch die Fußgängerzone bis zum Bahnhofsplatz, wo gegen 11.30 Uhr eine Abschlusskundgebung geplant ist. Es kann zu Verkehrsbeeinträchtigungen kommen.

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