Dass die anderen ständig auf ihr Smartphone glotzen, nervt sie, was die da schreiben und gucken, interessiert sie nicht, und manchmal sagt sie zu ihren Eltern: „Jetzt legt doch mal das Handy weg!“ Im Gespräch erzählt Wilma, warum sie mit 13 kein Smartphone will.
95 Prozent der Jugendlichen zwischen 12 und 15 Jahren haben laut Studien ein eigenes Smartphone. Während viele auf das erste eigene Handy hinfiebern, hat die 13-jährige Wilma aus Stuttgart darauf gar keine Lust. Im Gespräch erzählt sie, warum. Ihre Mutter Maren sitzt mit am Tisch.
Hallo Wilma, warum wünschst du dir (noch) kein eigenes Smartphone?
Wilma: Das weiß ich gar nicht so genau. Ich sehe halt, dass diejenigen, die eines haben, ständig diese Youtube-Shorts schauen, also so kurze Videos. Mich interessiert das gar nicht, was die da anschauen. Ich habe allerdings ein altes Nokia-Handy, mit dem ich meine Eltern anrufen kann.
Wann hatten denn die ersten Freundinnen oder Freunde von dir ein Handy mit Internetzugang?
Wilma: Eine Freundin hatte ab der 5. Klasse ein Smartphone. Aber sie fährt auch oft allein Bahn zur Schule. Jetzt hat eine andere Freundin ganz neu eines bekommen. Und eine dritte auch. In meinem Freundeskreis haben jetzt fast alle eines.
Was machen die anderen damit?
Wilma: Auf jeden Fall Whatsapp. Es gibt einen Klassenchat und meine Freundin hat erzählt, dass darin morgens manchmal 100 Nachrichten ankommen. Darauf hab ich gar keine Lust!
Was schreiben die sich denn?
Wilma: Ich hab eigentlich keine Ahnung. Aber ich glaube nichts Wichtiges.
Bekommst du blöde Sprüche, weil du nicht dabei bist?
Wilma: Nee, eigentlich nicht. Ich bin ja nicht die Einzige. Ungefähr die Hälfte meiner Klasse hat kein Smartphone. Manche haben so ein Nokia wie ich.
Mutter Maren: Ich frage mich manchmal, ob du dich nicht ausgeschlossen fühlst, wenn die in der Gruppe Herzchen und Smileys oder lustige Bildchen posten.
Wilma: Nee, fühle ich mich nicht.
Sind Smartphones in deiner Schule erlaubt?
Wilma: Nein, wir haben seit kurzem Handylocker, also Schließfächer im Klassenzimmer. Morgens stecken wir die Handys rein, und wenn die Schule aus ist, muss ein Lehrer die Fächer wieder öffnen. Bevor es die gab, haben manche die Handys immer wieder heimlich rausgenommen, zum Beispiel in der Mensa unter dem Tisch.
Mutter Maren: Der Trend geht zum Zweithandy, hab ich gehört. Man hat ein Handy ohne Internetzugang, das man morgens abgibt. Und dann hat man noch das Smartphone in der Tasche.
Wie ist es, wenn ihr euch nachmittags trefft. Haben die anderen dann die Smartphones dabei?
Wilma: Kürzlich habe ich mich mit einer Freundin getroffen, und sie hat die ganze Zeit drauf geguckt, was auf Whatsapp geschrieben oder angesehen. Ich war sauer und habe gesagt: Wir verbringen gerade gemeinsame Zeit, und du guckst dauernd auf dein Handy! Das find ich echt blöd! Oder wir stehen alle vor der Schule mit den Fahrrädern, und ich will endlich los. Aber die anderen müssen noch mal kurz was am Smartphone checken.
Wie bleibst du mit deinen Freundinnen in Kontakt, wenn ihr euch nicht seht?
Wilma: In den Weihnachtsferien habe ich meiner Freundin mit dem Handy meines Vaters manchmal geschrieben.
Mutter Maren: Das hat sich in letzter Zeit schon verändert, dass du unsere Handys auch mal benutzt.
Wilma: Aber nur zum Schreiben!
Mutter Maren: Manchmal nimmst du mein Smartphone ja, um etwas ins Englische zu übersetzen oder um auf Google Maps nach dem Weg zu gucken oder wie das Wetter ist.
Wilma: Ja, es ist schon auch praktisch manchmal.
Ist das In-Kontakt-Bleiben schwierig ohne Smartphone?
Wilma: Nicht schwierig, aber es ist halt schon cool, meiner Freundin Fotos aus dem Urlaub zu schicken.
Gäbe es denn im Internet, zum Beispiel auf Youtube oder Tiktok, nicht auch Themen, die dich interessieren?
Wilma: Hm, ich weiß nicht.
Mutter Maren: Zum Beispiel was übers Backen, das machst du doch gern.
Wilma: Ich glaube, ich lese lieber Rezepte, als mir Backvideos anzuschauen.
Müsst ihr für die Schule im Internet recherchieren?
Wilma: Manchmal schon, aber dafür nutze ich dann unser Tablet.
Wie informierst du dich über das, was los ist in der Welt?
Wilma: Ich frage manchmal meine Eltern oder höre mit, wenn meine Mutter das Radio anmacht. Früher habe ich Kakadu gehört, das ist ein Nachrichten-Podcast für Kinder. Und ich hab eine Kinderzeitung abonniert.
Lernt ihr etwas über Mediennutzung im Unterricht?
Wilma: Bislang nicht, aber das kommt noch.
Manche Schulen nutzen Apps für den Austausch zwischen Lehrkräften, Schülern und Eltern. Wie ist das bei euch?
Wilma: Das gibt es an meiner Schule nicht. Die Lehrer schreiben Mails an die Eltern und sollen auch kein Smartphone im Unterricht nutzen. Aber eine Lehrerin hat uns kürzlich was auf dem Smartphone von dem Künstler Banksy gezeigt. Und eine andere schaut manchmal darauf nach der Uhrzeit.
Mutter Maren: Ich weiß von Freunden, dass die Kinder wegen solcher Apps ein Smartphone bekommen haben, damit sie dafür nicht ständig das Gerät der Eltern nutzen müssen.
Sind deine Eltern viel am Smartphone?
Wilma: Ich finde schon. Mein Vater schreibt viel auf Whatsapp. Manchmal sage ich am Esstisch: „Wir essen gerade, leg’ doch mal das Handy weg!“ Meine Eltern sagen dann immer: „Nur kurz!“, aber das ist dann gar nicht kurz. Auf einem Kindergeburtstag war es auch mal so: Zwei haben die ganze Zeit aufs Handy geguckt anstatt das Geburtstagsprogramm mitzumachen. Das find ich echt nicht toll.
Erlebst du öfter solche Situationen?
Wilma: Einmal war ich auf einer Fortbildung als Fahrradmentorin von der Schule aus. Da durften wir die Handys nutzen, und dann haben alle in der Jugendherberge ständig drauf geschaut. Dann habe ich halt mitgeschaut, weil ich nicht wusste, was ich tun soll. Eine Freundin schneidet auch gern selbst Filmchen damit zusammen. Das haben wir dann angeguckt.
Würde Wilma ein Smartphone bekommen, wenn sie wollte?
Mutter Maren: Ich hätte ihr jetzt dann schon eines gegeben. Aber auch, weil ich das Gefühl habe, dass sie es nicht zu viel nutzen würde.
Willst du denn irgendwann mal eines?
Wilma: Wahrscheinlich schon, aber jetzt halt noch nicht.
Haben Sie Regeln für Mediennutzung in der Familie?
Mutter Maren: Kein Handy beim Essen. Die Kinder dürfen auf dem Tablet was hören oder mal ne halbe Stunde streamen. Manchmal spielen sie kleine Spiele, aber nicht oft.
Wilma: Alle Jungen spielen Brawl Stars und reden die ganze Zeit nur darüber.
Mutter Maren: Ich hab das Gefühl, du willst kein Smartphone, um dich ein bisschen selbst zu schützen.
Wilma: Vielleicht auch. Wenn ich ein Smartphone hätte und trotzdem nicht in den Klassenchat wollen würde, würden mich die anderen vielleicht schon komisch ansehen.
Was fällt dir an anderen so auf, wenn du ohne Smartphone unterwegs bist?
Wilma: Wenn ich zum Beispiel in der Bahn sitze, schauen alle aufs Handy. Einer liest vielleicht ein Buch, aber das war’s. Ich gucke dann aus dem Fenster oder sehe mir die anderen Leute an, was die für Schuhe anhaben zum Beispiel. Oder ich unterhalte mich mit meiner Schwester.
Mutter Maren: Wenn ich als Schülerin mit der Straßenbahn zur Schule gefahren bin, habe ich mich immer extra neben zwei Frauen gesetzt, die über andere getratscht haben. Ich habe ihnen zugehört, weil es sonst so langweilig gewesen wäre. Das kennt man heute gar nicht mehr, diesen Leerlauf, das Gefühl der Langeweile.
Wilma: Ich fände es auch interessant zuzuhören, was Leute in der Bahn miteinander sprechen. Aber die reden gar nicht, die schauen ja alle aufs Handy. Sogar so ein alter Opi hat kürzlich das neueste Smartphone herausgeholt.
Wie Jugendliche Smartphones nutzen
Verbreitung
Rund 95 Prozent der 12- bis 15-Jährigen in Deutschland besitzen ein Smartphone. Das haben verschiedene Studien ergeben.
Nutzung
Laut der Jim-Studie 2024 (Jugend, Information, Medien) ist das Smartphone das wichtigste Mediengerät für Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren. Nahezu alle nutzen es mindestens mehrmals pro Woche, um im Internet zu surfen oder Musik zu hören. Videos auf Internet-Plattformen wie Youtube werden von 85 Prozent regelmäßig angesehen. Knapp drei Viertel der Befragten sehen mindestens mehrmals pro Woche fern und spielen digitale Spiele.