Am Sonntag feierte das Flugfeld 100 Jahre zivile Luftfahrt im süddeutschen Raum und erinnerte an eine Geschichte, die genau dort begann.
Vor 100 Jahren begann die Geschichte der zivilen Luftfahrt in Südwestdeutschland, und sie begann in Böblingen. Das ist ein Grund, zurückzudenken beim Flugfeldfest zwischen Böblingen und Sindelfingen, und sich die große historische Bedeutung dieses Ortes zu vergegenwärtigen. Das Fest feiert der junge Stadtteil mit fast 50 Ständen, an denen sich lokale Unternehmen, Vereine, Bürgergruppen präsentieren: Mit gastronomischem Aufgebot, Musik, Sport, Spielstraße, Jahrmarktständen. Immer wieder in dieser Vielfalt des Lebens zweier Städte taucht die Fliegerei als Thema auf – der Traum von Fliegen, seine Verwirklichung, seine Faszination.
Geschichtssalon spannt den Bogen Eines der ehemaligen Empfangsgebäude des Flughafens Stuttgart-Böblingen ist an diesem Tag der Geschichtssalon des Flugfeldfestes. Dort gibt es eine Ausstellung, dort werden Filme gezeigt. Am Vormittag ist es der Film „Sichtflug“ von Ludwig Mayer, Reinhard Winkelmann und Hans-Jörg Zürn, der Geschichten vom alten Flugfeld erzählt, zur Mittagsstunde folgt eine Episode der SWR-Serie „Das erste Mal“, die sich mit Innovationen befasst: „Wie das Flugzeug in den Südwesten kam.“ Sie zeigt Piloten, Stewardessen, Fluggästen aus vielen Jahrzehnten, die schwärmen, berichtet von Ingenieuren, die tüftelten.
Der Konstrukteur Hanns Klemm Der Ingenieur, nach dem in Böblingen eine wichtige Straße benannt ist, war einer von ihnen. Er gründete 1926 die Leichtflugzeugbau Klemm GmbH in Böblingen, er baute die Klemm L25. Im Film des SWR spielt sie eine wichtige Rolle. Draußen, am Ufer des Langen See, ist zweisitzige Kleinflugzeug nach 91 Jahren an ihren Geburtsort zurückgekehrt. Viele Besucher des Flugfeldfestes wollen sie sehen – Edgar Müller von der Luftsportgemeinschaft Hanns Klemm (LSG) stellt sie vor: „Das ist eines der berühmtesten Flugzeuge überhaupt“, sagt er.
Von Böblingen in die Welt Die Klemm L 25 d, wurde in Böblingen gebaut und in die ganze Welt geliefert, noch bis in die 1940er Jahre serienmäßig in die USA exportiert. „Sie war vor dem Krieg, was später dann die Cessna war“, sagt Müller. Fünf Flugzeuge der Serie existierten noch heute weltweit, sagt er. Drei von ihnen würden noch geflogen. Eines davon befindet sich in England, das andere in Australien. Das Böblinger Exemplar ist kein Nachbau, es ist ein Original – „Es ist einzigartig!“ Die LSG betreibt auch Flugsport anderer Art, hat einen Segelflugsimulator mit zum Flugfeldfest gebracht, der sehr gefragt ist.
Führungen und Vorträge 100 Jahre Luftfahrt lassen sich auf dem Böblinger Flugfeld an vielen Details ablesen. Reinhard Knoblich, einer von den drei Böblinger Heimatforschern und Bloggern, die sich den „Böblinger Flughafengeschichten“ widmen, führt um elf Uhr eine große Besuchergruppe über das Gelände. Hans-Jürgen Sostmann, der zweite Flughistoriker, ist bei ihm, Wilfried Kapp, der dritte im Bunde, leider verhindert. Knoblichs Interesse am Flugfeld wurde einst geweckt, als er von der Geschichte des Luftakrobaten Fritz Schindler erfuhr, der am 18. September 1930 auf dem Flugfeld verunglückte, als er zwischen zwei fliegenden Maschinen umsteigen wollte. Den beiden Experten fällt die Führung übers Flugfeld leicht, denn 2023 ließ die Stadt dort sechs Stelen errichten, die sprechen können und den neugierigen Spaziergängern ganz von selbst erzählen, wie die Stadt Böblingen 1925 das sumpfige Gelände trocken legen ließ um den ersten württembergischen Landesflughafen zu bauen.
Dokumente und Zeitzeugen Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wich der Flughafen Stuttgart-Böblingen einem Militärflugplatz. Die zivile Luftfahrt wurde nach Echterdingen verlegt, wo sie sich noch heute befindet. Auch eine Ausstellung im Geschichtssalon des Flugfeldfestes erzählt von dieser Zeit, von den Piloten, die in Böblingen starteten, ihren Flugzeugen, mit vielen Dokumenten, Bildern. Ein besonderer Moment war die Ankunft des 98-jährigen Hans Riediger aus Albstadt-Ebingen am Sonntag: Er ist der Sohn der ehemaligen Fluglehrers und Kunstfliegers Anton Riediger. Der besaß einst selbst drei Klemm-Flugzeuge aus Böblingen und gehörte zu den frühen Pionieren dieser Epoche.
Offizielle Würdigungen Auf der Bühne am Festplatz sorgt zunächst die Stadtkappelle für Stimmung. Im Anschluss sprechen die Oberbürgermeister von Sindelfingen und Böblingen, Markus Kleemann und Stefan Belz, über die Zukunft des gemeinsamen Stadtteils, seine Perspektiven. Beide haben sehr persönliche Erinnerungen an das Areal. Für Belz ist es ein Vorbild – „ein Experimentierstadtteil.“ Roland Bernhard schließlich lobt den Mut der beiden Städte, ein von Fliegerbomben übersätes Gelände aufzukaufen und es neu zu gestalten. Er gedenkt der großen Zeit der Fliegerei: „Das war gigantisch“ – und möchte selbst bald wieder abheben, in der Böblinger Klemm L 25.
Chronik des Böblinger Flughafens
1915
Einweihung des Militärflugplatzes
1925
Eröffnung des Landesflughafens
1926
Gründung der Leichtflugzeugbau Klemm
1929
Landung des Luftschiffs „Graf Zeppelin“
1931
Eröffnung des Deutschen Luftfahrtmuseums
1934
Eröffnung der Ozeanflugstrecke für Luftpost über Böblingen nach Südamerika
1937
Bau der Fliegerhorst-Kaserne
1938
Belegung des Flughafens mit militärischem Bodenpersonal
1945
Auflösung des Fliegerhorsts
1991/92
Die amerikanischen Streitkräfte räumen das ehemalige Flughafengelände, das sie als Reparaturwerk genutzt haben.
2002
Im Dezember kauft der Zweckverband das Areal vom Bund.
2004
Umbenennung des Areals in Flugfeld
2005
Abschluss der Kampfmittelbeseitigung und der Geländesanierung
2007
Das Flugfeld wird öffentlich zugänglich, die Bebauung beginnt.
14. September 2025
Die Stadt feiert im Rahmen des Flugfeld-Fests die 100 Jahre Erstflug mit vielen Aktionen und Führungen.