Kasaero-Ingenieur Simon Weil vor einem Wasserstoffflugzeug, das in Böblingen entwickelt wird Foto: Stefanie Schlecht

Auf dem Fest zu 100 Jahren Landesflughafen in Böblingen zeigt sich, dass Innovation im Flugzeugbau nach wie vor zur DNA der Stadt gehört.

Die heimlichen Stars auf dem Fest zum 100. Geburtstag des württembergischen Landesflughafens am Sonntag waren einmal mehr: Flugzeuge. Und das, obwohl seit über 80 Jahren keines mehr von Böblinger Boden gestartet ist. Doch am Ufer des Langen Sees auf dem Flugfeld – dort, wo früher einmal ein Rollfeld existierte – präsentierten sich Firmen, die noch heute am Flugzeug der Zukunft tüfteln. Eben so, wie einst der geniale Konstrukter Hanns Klemm, der diese Tradition in der Stadt begründete.

Einer dieser heimlichen Stars war eine Maschine, die eigentlich gar nicht da war. Doch dank der modernen Technik der virtuellen Realität stand wie von Geisterhand erschaffen ein hochmodernes Fluggerät auf der Wiese neben einem der Zelte: Eine schnittige Neuinterpretation einer Klemm 35 in schickem Hellblau. Die VR-Brille ermöglichte einen virtuellen Rundgang um den futuristischen Einsitzer.

Futuristische Variante einer Klemm 35 Foto: Jan-Philipp Schlecht

Der Flieger ähnelt zwar nur noch entfernt seinem historischen Vorbild, das gleich nebenan steht und die Blicke auf sich zieht. Doch die Lackierung und das Design dieses auf Leichtbau und Effizienz getrimmten Kleinflugzeugs machen die Verwandtschaft unverkennbar. Dieses Prinzip macht sich auch das real existierende Amphibienflugzeug namens „Hyfly“ zunutze, das gleich nebenan ebenfalls die Blicke auf sich zog.

Hyfly ist die Konstruktion des Böblinger Ingenieurbüros Kasaero – und schwebt schon munter durch die Lüfte. Das neuartige daran: Wasserstoffantrieb. Dank eines kugelförmigen Wasserstofftanks und einer Brennstoffzelle könnte das zweisitzige Fluggerät theoretisch bis zu 700 Kilometer weit fliegen, sagt Ingenieur Simon Weil. Derzeit betreibt die Firma den E-Motor zwar noch mit Batterien, doch das revolutionäre Wasserstoffkonzept ließe sich darin umsetzen.

Panel-Talk „Von Pionieren zu Visionären“ Foto: Jan-Philipp Schlecht

Dieser Gedanke für eine möglichst effiziente Fortbewegung in der Luft sei heute so aktuell wie damals, als der Ingenieur Hanns Klemm seine Firma in Böblingen begründete. Diese Brücke schlägt am Nachmittag der Kasaero-Inhaber Karl Käser beim Panel-Talk „Von Pionieren zu Visionären“: Der elektrische Antrieb sei „leiser, sparsamer und günstiger für alle“, sagt er. „Das Prinzip von Hanns Klemm gilt auch heute noch: Mit möglichst wenig Aufwand das Maximale herausholen.“

Freiflug über dem Festival

Geschichte wiederholt sich also, und das demonstrierte am Sonntag eindrücklich die Luftsportgemeinschaft Hanns Klemm, die anlässlich des 100-Jahr-Geburtstags einen Freiflug über das Festivalgelände spendiert hatte. Dieser fand in einer Klemm 107 statt, ebenfalls eine beliebten Klemm-Maschine unter Fliegern. Diese wird von den Mitgliedern des Vereins in Schuss und in der Luft gehalten. Der Überflug war für 14.20 Uhr angekündigt. Doch der Pilot ließ die neugierige Menge etwas warten.

In dieser Maschine durfte der Gewinner der Verlosung der Luftsportgemeinschaft Hanns Klemm das Festival von oben bewundern Foto: LSG Hanns Klemm

Das weckte Erinnerung an die erste Ankunft auf dem damaligen Landesflughafen Stuttgart-Böblingen anno 1925: Man schrieb den Montag, 20. April und mit Spannung wurde der erste Linienflug erwartet. Damals wie heute waren die Wetterbedingungen eher ungünstig: Am Sonntag hingen die Wolken ebenfalls grau und tief über dem Flugfeld. Vor 100 Jahren brach mit etwas Verspätung ein silbergrauer Aero-Lloyd D-552 „Komet-III“ durch die Wolken – 100 Jahre später war es die weiß-orange lackierte Klemm 107.

Sie flog ein paar Runden über Sindelfinger Markung und ließ ihre Flügel in steilen Kurven aufblitzen – zum Entzücken des Publikums am Boden, dass ob des Wetters schon fast mit einer Absage dieses Spektakels gerechnet hatte. Die deutlich tiefer umherschwirrenden Maschinen des Modellflugvereins Böblingen taten ihr Übriges, um dem Fest eine Flugtag-Atmosphäre zu verleihen.