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Dauerhaftes Engagement ist out

Jörg Tremmel erklärt, warum sich viele junge Menschen nicht für Politik interessieren.

Jörg Tremmel, Foto privat
 

Jörg Tremmel, Foto privat

 
Die Shell-Jugendstudie veröffentlicht alle vier Jahre Stichproben über Sichtweisen der Jugend in Deutschland. Im Vergleich zu den 80er-Jahren, in denen über die Hälfte aller Jugendlichen politisch interessiert war, ist heutzutage bei nur 40 Prozent der Jugendlichen dieses Interesse vorhanden. 2002 fand sogar ein historischer Tiefpunkt mit gerade mal 34 Prozent statt. Woran liegt das? Antworten darauf liefert Jörg Tremmel im Interview mit Denise Kupka. Er studierte Politikwissenschaft an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt. 2003 erhielt er für seine Diplomarbeit in Politologie den Procter&Gamble- Förderpreis. Seit April 2010 ist Tremmel als Juniorprofessor für Generationsgerechte Politik an der Eberhard Karls Universität in Tübingen tätig.

Herr Tremmel, warum interessieren sich viele Jugendliche nicht für Politik?

Tremmel: Dafür gibt es viele Gründe, die in der Jugendsoziologie diskutiert werden. Ich möchte aber auf einen selten erwähnten Aspekt hinweisen: Heute sehen die Jugendlichen keine Gefahr für die Demokratie in Deutschland. Inzwischen denken sich viele: Warum soll ich wählen gehen, wenn ich in der Zeit auch Fußball spielen kann? Sie empfinden einfach keine Notwendigkeit, wählen zu gehen.

Sei es bei Stuttgart 21 oder der Atommüll in Gorleben: Jugendliche organisieren sich per Facebook zu Demos und führen Unterschriftenaktionen durch. Bei den Jugendlichen ist politisches Handeln also doch durchaus präsent?

Tremmel: Das Engagement der Jugendlichen hat sich gewandelt. Es ist nicht mehr wie im klassischen Sinne: In eine Partei eintreten und dauerhaft engagiert sein – das ist eher schon out. Stattdessen setzen sich andere Formen des Engagements durch, zeitlich eher begrenzte. Für bestimmte Aktionen setzt man sich ein und sobald diese zu einem Ergebnis geführt haben, ist dieses Engagement auch schon vorüber.

Fehlt Jugendlichen das Verständnis für Politik?

Tremmel: In jungen Jahren möchte man die Welt verändern. Jugend steht für Wandel, für Veränderungsbereitschaft, für Innovation. Politik aber ist die Kunst, Kompromisse zu finden. Jugendliche allerdings bestehen in dem Alter meist noch auf keine Kompromisse, sondern auf klare Änderungen.

Tragen die Medien eine Schuld an der Politikverdrossenheit der Jugendlichen?

Tremmel: Ich bin der Meinung, dass an Politiker im Vergleich zu vielen anderen Berufsgruppen extrem strenge Richtlinien angesetzt werden. Ob zu Recht, oder zu Unrecht, will ich mal dahingestellt lassen. Ich bin auf jeden Fall dafür, dass Journalisten Skandale aufdecken, es soll aber nicht gleich heißen: Medien gegen Politiker. Die Medien sollten stets sachorientiert bleiben – auf keinen Fall darf es »Machtkämpfe« mit Politikern geben, die nicht inhaltlich, sondern durch Statusdenken begründet sind.

Die Piratenpartei wurde kürzlich in das Landesparlament in Berlin gewählt. Ein Gros der Wähler war unter 30 Jahren. Als der Piratenvorsitzende gefragt wurde, wie viele Schulden Deutschland hat, antwortete er mit »viele, viele Millionen«. Aktuell sind es etwa zwei Billionen. Sind das Auftreten und die Präsenz wichtiger als kompetente Aussagen?

Tremmel: Ich denke, dass bei dieser Partei viele Politikverdrossene unter den Wähler sind. Man möchte den anderen Parteien eine Art Denkzettel verpassen und wählt daher Protestparteien. Sich mit ihnen zu identifizieren, steht aber nicht im Vordergrund. Viel wichtiger ist es, dass die anderen Parteien diesen Warnschuss verstehen und ihn auch richtig deuten.

Es zeigte sich bei der Shell-Jugendstudie, dass das politische Interesse bei den 12- bis 17-Jährigen im Laufe der Jahre gestiegen ist. Sind Sie für ein Wahlrecht ab 16 Jahren?

Tremmel: Ich bin für ein »Wahlrecht ohne Altersgrenze durch Eintragung «. Eine Altersgrenze ist ein willkürliches und im Einzelfall ungerechtes Kriterium. Jugendliche werden hier in ihren Grundrechten verletzt. Im Internet findet man bei www.ich-will-waehlen.de eine schöne Seite mit Argumenten für ein Wahlrecht ohne Altersgrenze. Aber es macht keinen Sinn, schon Säuglingen, die gar nicht wählen wollen, eine Wahlkarte zuzusenden. Die Eintragung in Wählerlisten – wie wir sie aus den USA oder Frankreich kennen – ist daher eine wichtige Ausgestaltung des»Wahlrechts ohne Altersgrenze«.

Der Soziologe Wolfgang Gründinger formuliert folgende These: »Die Politik ist jugendverdrossen! « Sehen Sie das genauso?

Tremmel: Schon. Es ist doch so, dass in Deutschland die Gemeinwohldefinition einfach älter wird. Wie hat es der Ehrenpräsident des Sozialverbandes VdK Walter Hirrlinger schon gesagt? 20 Millionen Rentner sind 20 Millionen Wähler. Die Politik ist eigentlich gezwungen, sich daher um die Älteren und ihre Interessen zu kümmern, man tut einfach mehr für die Älteren, weil es mehr Ältere gibt in Deutschland und es in den kommenden Jahren noch mehr werden. Da haben Jugendliche leider etwas das Nachsehen.

Warum sollten sich Jugendliche für Politik interessieren?

Tremmel: Ich sage dazu immer: Wer sich nicht für seine Zukunft einsetzt, hat auch keine.

Autorin: Denise Kupka

 

Artikel vom 13.03.2012 © Eßlinger Zeitung

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