Gelebte Historie am römischen Checkpoint Charlie
Limes-Freunde haben sich für ihre Führungen etwas Besonderes einfallen lassen - Besucher sollen Geschichte spannend erleben
Rainau - Fast den ganzen Tag hat es in Strömen geregnet - für eine Führung an den Überresten des Limes keine gute Voraussetzung. Nicht so am Dalkinger Tor in Rainau im Ostalbkreis: Seit Ende Juli schützt ein Glasbau den Grenzdurchgang und Triumphbogen aus der Römerzeit - und den Hilfssoldaten, der sich vor den Mauern aufgebaut hat. Manfred Baumgärtner ist Vorsitzender des Verbands der Limes-Cicerones. Er führt an diesem Abend eine Gruppe im historischen Kostüm durch das Denkmal. Während der Führung wird er ein „Römer zum Anfassen“ und lässt immer wieder einfließen, wie ein Hilfssoldat damals vermutlich gelebt hat. Im Vergleich zu den Kampfsoldaten sollen es die „Auxiliare“ eher ruhig gehabt haben, erzählt Baumgärtner.
Geschichte soll durch das Kostüm und die Rolle lebendig werden, sagt er. Seinen Schutzhelm hat er zu Beginn einem Jungen übergestülpt und ihm auch sein Schwert in die Hand gedrückt. Nur das neun Kilogramm schwere Kettenhemd behält Baumgärtner an. Es besteht aus mehr als 30 000 einzelnen kleinen Ringen und könnte so tatsächlich vor 1800 Jahren von Hilfssoldaten getragen worden sein. Ganz sicher weiß das niemand.
Auch die Geschichte rund um das Dalkinger Tor ist nicht einwandfrei belegt. Doch der kurzweiligen Führung tut dies keinen Abbruch. Baumgärtner - im eigentlichen Leben ist er Naturwissenschaftler - zieht mit seiner Begeisterung die Zuhörer in seinen Bann. „Dieses Tor hier ist einmalig“, sagt er. Nirgendwo sonst gebe es einen Durchgang in dieser Qualität. Viel ist davon dennoch nicht übrig geblieben: Nur der restaurierte und mit Ornamenten versehene Sockel des 13 Meter breiten Steintores steht noch auf dem Hügel. Über ihm lassen bedruckte Stoffbahnen den Besucher erahnen, wie monumental der Triumphbogen gewesen sein musste.
Unter Kaiser Caracalla soll die Anlage zur Ehrenpforte ausgebaut worden sein. Sechs Baustufen soll es für das Tor und den Wachturm gegeben haben, zunächst mit Holz, später mit Stein, erklärt Baumgärtner. Eines blieb aber gleich: Das Tor war Grenzstation zwischen dem besetzten Reich und Germanien - „eine Art römischer Checkpoint Charlie“, wie er es scherzhaft nennt.
Kopf der Statue leicht austauschbar
Wichtig in einer Zeit, die geprägt war von Feldzügen schnell wechselnder Herrscher. „Wenn es da im Innern kriselte, wurden eben außerpolitische Erfolge gesucht - so ähnlich wie heute“, sagt Baumgärtner. „Sehr pragmatisch“ seien die Bauherren deshalb gewesen: Der Kopf der Original-Kaiserstatue, die vor dem Tor steht, lässt sich abnehmen und ersetzen. Als Cicerone - der Begriff soll in der Antike für Fremdenführer benutzt worden sein - muss Baumgärtner nicht nur viel über die Römerzeit wissen, sondern auch über die Arbeit von Archäologen. Zehn Wochen dauert die Ausbildung, die mit einer Prüfung endet, regelmäßig gibt es Fortbildungen in enger Zusammenarbeit mit Limes-Experten und dem Landesdenkmalamt.
Natürlich lernte Baumgärtner, wie man Geschichte vermitteln kann, der gebürtige Aalener macht dies gerne mit Asterix und Obelix. Wichtigste Unterstützung bei der freiwilligen Geschichts-Stunde dürfte aber sein Äußeres sein. Seine Kollegen, mit denen er sich die Mittwochs-Führungen und die Betreuungen des Dalkinger Tors am Wochenende teilt, schlüpfen teils in andere Kostüme und erzählen Geschichte aus „ihrer“ Sicht.
So lange wie sein historisches Vorbild muss Baumgärtner nicht im Kettenhemd und unter dem Helm schwitzen. 25 Jahre schoben die Hilfssoldaten, sie waren Kelten oder stammten aus Nordafrika, am Grenzposten Wache. Hatten sie diese Zeit überlebt, wurden sie als römische Bürger mit etwas Geld und „neuen“ Vornamen - „drei waren zu dieser Zeit schick“ - entlassen. Baumgärtner dagegen kann nach zwei Stunden aus seinem Hemd schlüpfen und die Türen des Glasbaus hinter sich abschließen. Bis zum Wochenende: Dann öffnen er oder ein Kollege wieder die Türen und machen Geschichte lebendig.


