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„Späte Abrechnung“

Autor Dogan Akhanli in der Türkei wegen Totschlags angeklagt

Istanbul (dpa) - Ein Istanbuler Staatsanwalt hat gegen den türkischstämmigen Autor Dogan Akhanli Anklage wegen Raubs und Totschlags erhoben. Die Anklageschrift sei fertig, sagte Akhanlis Anwalt Haydar Erol. Er wies den Vorwurf zurück, sein in Köln lebender Mandant habe sich vor 21 Jahren an einem Raubüberfall auf eine Wechselstube in Istanbul beteiligt. Akhanli hat seit 2001 die deutsche Staatsbürgerschaft. Erol forderte die Einstellung des Verfahrens und die Freilassung des Autors, der nach Angaben des Anwalts in einem Gefängnis in der türkischen Provinz Tekirdag festgehalten wird.

Gestern lehnte ein Gericht in Istanbul einen Antrag auf Freilassung Akhanlis allerdings ab. Erol sagte, er werde Widerspruch gegen die nunmehr dritte Ablehnung einlegen. Inzwischen sei ein amtliches Schreiben bekanntgeworden, wonach das Verfahren gegen Akhanli bereits im vergangenen Jahr hätte eingestellt werden müssen.

Der politische Autor, dessen Arbeit in der Türkei und in Deutschland Anerkennung fand, war nach seiner Flucht nach Deutschland 1991 erstmals wieder in die Türkei gereist. Am 10. August 2010 wurde Akhanli an einem Flughafen in Istanbul festgenommen. Er hatte seinen kranken Vater besuchen wollen.

Die Anklage stütze sich auf Zeugenaussagen, von denen eine unter Folter gemacht worden sei, sagte Rechtsanwalt Erol. Der vermeintliche zweite Zeuge - der Sohn des Getöteten - habe später bestritten, Akhanli jemals auf einem Foto identifiziert zu haben. „Dieses Szenario hat die Polizei produziert“, sagte der Rechtsanwalt. Die Anklage bezeichnete er als den Versuch einer späten Abrechnung mit einem profilierten Vertreter der politischen Linken.

In Deutschland hat es bereits Proteste gegen die Festnahme Akhanlis gegeben. Der Vorwurf des Raub­überfalls sei konstruiert, sagte der Kölner Schriftsteller Günter Wallraff. „Bestimmte Kreise der türkischen Justiz nehmen Rache an einem unbequemen Autor, der seit Jahren den Völkermord an den Armeniern thematisiert“, sagte er. Der 1957 geborene Akhanli, der bereits von 1985 bis 1987 in seinem Heimatland inhaftiert war, hatte sich in seinem Buch „Die Richter des jüngsten Gerichts“ mit dem Völkermord befasst. Sein 2005 erschienener Roman „Der letzte Traum der Madonna“ wurde von türkischen Kritikern zu einem der zehn besten des Jahres gekürt. In Deutschland wurden Akhanlis Projekte für einen offenen Umgang mit historischer Gewalt mehrfach ausgezeichnet.

 

Artikel vom 03.09.2010 © Eßlinger Zeitung

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