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„Das Geburtsland des Belcanto vergisst sein kulturelles Erbe“

Sparbeschlüsse und Privatisierungspläne der Regierung gefährden die Oper in Italien - Kritiker warnen vor Ausverkauf

  Auch wenn die Scala in Mailand noch leuchtet: Um das Musiktheater in Italien wird es zunehmend düster.Foto: dpa
 

Auch wenn die Scala in Mailand noch leuchtet: Um das Musiktheater in Italien wird es zunehmend düster. Foto: dpa

 

Von Katie Kahle

Rom - Welcher Opernfan hat nicht schon einmal von der berühmten Mailänder Scala oder der malerischen Arena von Verona geträumt? Doch drastische Kürzungen im italienischen Kulturhaushalt, Streiks und Streit drohen nun der Oper in Italien - für viele Menschen neben der Mafia die ita­lienische Institution schlechthin - den Garaus zu machen. Seit der Verabschiedung einer umstrittenen Reform der Musiktheater gehen Intendanten, Künstler und Theaterangestellte auf die Straße. Während die Regierung in Rom erklärt, mit den Kürzungen sollten Opernhäuser dazu gebracht werden, nach privaten Investoren zu suchen und besser hauszuhalten, klagen Opernfreunde und Musikwissenschaftler, dass das kulturelle Erbe Italiens bewusst zerstört werde. Gemeinsames Leid-Motiv der Proteste: Was vor 400 Jahren in Italien erfunden wurde, schafft Berlusconi-Land jetzt ab.

Schulden, Kurzarbeit, Absagen

Jüngste Entwicklungen scheinen solche Skepsis zu bestätigen. In Genua wurden 300 Mitarbeiter des traditionsreichen Opernhauses „Carlo Felice“ auf Kurzarbeit gestellt. Der Oper mit rund 17 Millionen Euro Schulden droht der Konkurs, den Mitarbeitern die Entlassung. Ebenso wie das „Carlo Felice“ wurden auch die Arena von Verona und das ­Theater „San Carlo“ in Neapel bereits unter Aufsicht eines Sonderverwalters gestellt. In Jesi musste ein Festival anlässlich des 300. Geburtstages des Komponisten Giovanni Battista Pergolesi aus Finanznot in letzter Minute abgeblasen werden.

„Die Kultur in Hände von Privaten zu legen, wäre zu vergleichen mit einer vollständigen Privatisierung des Gesundheitswesens“, urteilte der Intendant der Mailänder Scala, Stéphane Lissner, kürzlich in einem Interview. Die Kultur sei ebenso wie Wissenschaft, Gesundheits- und Bildungswesen als „staatliche Dienstleistung“ zu betrachten.

Da die Ausgaben die Einnahmen aus dem Ticketverkauf übersteigen, lohne sich die Finanzierung der Oper für Private schlichtweg nicht, erklärt der Manager des „Teatro Massimo“ in Palermo, Antonio Cognata. „Die Idee der öffentlichen Subventionen ist, dass der Staat aus ethisch-kulturellen Gründen entscheidet, Theater und Oper zu produzieren“, so Cognata. „Andernfalls wird mein Sohn, der noch keine sechs Jahre alt ist, wohl keine Oper mehr erleben können.“

„Das Geburtsland des Belcanto vergisst sein kulturelles Erbe“, protestierten entlassene Theatermitarbeiter in Genua gegen die Sparmaßnahmen der Regierung. Kulturminister Sandro Bondi sieht das anders. Der staatliche Fonds für Musiktheater werde zwar gekürzt, jedoch nur, um die Oper zu revolu­tionieren.

Kulturminister will „Revolution“

„Die Eigeninitiative der Opernhäuser wird auf diese Weise gefördert, ebenso wie die Suche nach Sponsoren und das Einsparen“, beschreibt Bondi seine „Revolution“. Der italienische Staat müsse eben sparen, und die Opernhäuser verbrauchten mit fast 50 Prozent den Großteil des Kulturfonds.

Kritiker halten dagegen, Bondi treibe Italiens Kultur in den Ruin. Das Gesetz sehe Kürzungen vor, die eine qualitativ gute Programmplanung nahezu unmöglich machten. Es fehle die versprochene Autonomie für die Musiktheater. Vielmehr seien Personalkürzungen und Einstellungsstopps bis 2013 staatlich vorgeschrieben und schlechtere Arbeitsbedingungen absehbar.

Das Vabanquespiel des Kulturministers, die Opernhäuser zum Wirtschaften und zu kommerziellem Denken zu zwingen, erscheint vielen Kritikern wie ein kultureller Ausverkauf. „Ein Land braucht Künstler, die Fragen stellen, sonst enden wir bei Disneyland - Vergnügen und basta“, bringt Scala-Intendant Lissner die Befürchtungen auf den Punkt.

 

Artikel vom 02.09.2010 © Eßlinger Zeitung

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