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„Ich widme mich der Moderne“

Vor 100 Jahren starb der französische Maler Henri Rousseau - Der vermeintliche Vater der Naiven war selbst nicht naiv, sondern ein radikaler Avantgardist

 
 
 

Von Sabine Glaubitz

Paris - Der Surrealist André Breton bescheinigte ihm einen originellen „magischen Realismus“ und auch Pablo Picasso verehrte ihn: Noch heute gilt Henri Rousseau als Begründer einer eigenständigen Kunst. Vor 100 Jahren starb der Klempnersohn in Paris.

Lange Zeit aber wurde Henri Rousseau lediglich belächelt. Die Anatomie seiner Menschen und Tieren war nicht stimmig, auch mit der Perspektive nahm er es nicht immer genau. Die Größenverhältnisse wirken schräg, manchmal taucht ein zu schief angesetzter Arm auf. Rousseau hatte zwar versucht, die gro­ßen Meister im Louvre zu kopieren, doch vergeblich. Die akademisch geprägten Konservativen unter den Künstlern seiner Zeit rümpften die Nase, umgekehrt konnten die Fortschrittlichen - ihrerseits geschmäht vom Akademismus - zunächst wenig mit seiner Kunst anfangen. Tatsächlich war Rousseau Autodidakt, seine Werke galten alsbald und vorschnell als naive Kunst. Doch der am 2. September 1910 an einer Blutvergiftung gestorbene Künstler war alles andere als naiv im Sinne von arglos und leichtgläubig. Rousseau war von seiner Bestimmung als Maler überzeugt - wenn er auch Umwege einschlagen musste.

Abstammung aus der Arbeiterklasse

Er stammte aus der Arbeiterklasse. Seine Eltern lebten in Laval im Norden Frankreichs, wo er 1844 geboren wurde, in sehr bescheidenen Verhältnissen, was ihn zwang, sich seinen Traum vom Künstler selbst zu finanzieren. So arbeitete er zunächst bei einem Rechtsanwalt, bevor er eine Stelle beim französischen Zoll annahm - daher sein zunächst spöttisch und im Sinne eines abwertenden Dilettantismus gemeinter Beiname „Le douanier“, der Zöllner, unter dem er dann aber in die Kunstgeschichte einging. Sein Werk widersprach allen akademischen Ansprüchen und war seiner Zeit voraus. Beharrlich entwickelte er einen Stil, der ihn zum Maler des seltsam Befremdlichen, des „Anderen“ werden ließ. So wurde ihm noch zu Lebzeiten ein anderes Renommee zuteil als jenes, nur der Vater der naiven Malerei zu sein. Zwar berufen sich die Naiven bis heute auf ihn und imitieren seinen Stil. Doch in den Jahren vor seinem Tod entdeckte ihn auch die intellektuelle und progressive Pariser Kunstszene als radikalen Avantgardisten, und wenig später galt er als Wegbereiter der Surrealisten.

Rousseaus Werke sind poetische Darstellungen persönlicher Wunschträume - bisweilen mit einer düsteren Beimengung von Angst und Beklommenheit. Die Surrealisten sahen vor allem in seinen berühmten Dschungelbildern den Ausdruck des Unbewussten und machten ihn zu ihrem geistig-künstlerischen Vorbild. Sein flacher Bildbau, die Menschen, Tiere und Pflanzen, die er visuell wie Theaterdekors einsetzt, waren eine Vorwegnahme des ästhetischen Konzepts der surrealistischen Malerei.

Mission in eigener Sache

Nicht zuletzt erschien den Avantgardisten Rousseaus künstlerische Mission in eigener Sache als beispielhaft, weil er sich durch sein unbeirrtes Vertrauen auf den eigenen Stil in den Feldzug gegen den Akademismus des 19. Jahrhunderts einreihte. So feierte ihn nicht nur der französische Schriftsteller und surrealistische Vordenker André Breton als Ahnen im Geiste. Auch der Autor Guillaume Apollinaire, der 1917 den Begriff „Surrealismus“ prägte, adelte ihn zum „Uccello unseres Jahrhunderts“ - nach dem italienischen Renaissance-Maler Paolo Uccello, der wegen seines unkonventionellen Stils von seinen Zeitgenossen „der verrückte Paolo“ genannt wurde.

Rousseau war kaum auf Reisen. Schulbücher sowie das Naturkundemuseum in Paris und das Gewächshaus des dortigen Pflanzengartens dienten ihm als Inspirationsquelle für seine paradiesisch-bedrohlichen Dschungelbilder. Der künstliche Urwald, den er in Paris vorfand, mutiert auf seinen Bildern zu einem Ort voller Gefahren, aber auch des Friedens, wo Löwen Antilopen angreifen und Affen Ball spielen und angeln.

Erstaunlich an Rousseau ist nicht nur, dass er standhaft an seine Berufung als Künstler glaubte, sondern auch gegenüber dem Einfluss der ihn in seinen letzten Jahren umgebenden und bewundernden Avantgarde immun geblieben ist. Der Unbeirrbare ging auch im Umfeld seiner progressiven Anhängerschaft weiter seinen eigenen Weg, und er war sich sicher, dass dieser in die Zukunft führt. Seinem Verehrer Pablo Picasso vertraute Rousseau eines Tages an: „Im Grunde genommen beschäftigen Sie sich mit dem ägyptischen Stil, während ich mich der Moderne widme.“

 

Artikel vom 02.09.2010 © Eßlinger Zeitung

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