Krise trifft Ausbildungsmarkt
Acht Prozent weniger Verträge - Zahl der Bewerber sinkt ebenfalls - Hilfen bei Insolvenz von Firmen
Stuttgart (lsw) - Im Land sind2009 wegen der Krise 6000 weniger neue Ausbildungsverträge abgeschlossen worden als 2008. Die Zahl der Neuverträge sei um mehr als acht Prozent auf 76 000 geschrumpft, sagte Wirtschaftsminister Ernst Pfister (FDP) gestern in Stuttgart.
Gleichzeitig sei aber auch die Zahl der Schulabgänger und die Zahl der Bewerber aus den Vorjahren deutlich zurückgegangen. Verschiedene Maßnahmen haben Pfisters Angaben zufolge die Auswirkungen der Krise auf den Ausbildungsmarkt abgemildert.Auch für 2010 rechnet Pfister mit einem schwierigen Jahr. Er warnte die Unternehmen aber davor, die Ausbildung junger Menschen wegen der Krise zu stark zurückzufahren. „Angesichts zurückgehender Schulabgängerzahlen ist die eigene berufliche Aus- und Weiterbildung mehr und mehr Gebot der Stunde für Unternehmen, wenn sie nicht morgen ohne Fachkräfte dastehen wollen“, sagte der Minister.
Insgesamt waren bei den Arbeitsagenturen mit 66 218 Bewerbern 5000 weniger gemeldet als 2008. 400 von ihnen seien bis Ende September nicht vermittelt worden (2008: 452), die Zahl der unbesetzten Lehrstellen lag laut Pfister mit 2600 aber deutlich höher (2008: 2678).
Die Vize-Landeschefin des DGB, Marion von Wartenberg, kritisierte das Angebot als nicht ausreichend. Sie forderte für 2010 ein Programm zur Schaffung von mehr Ausbildungsplätzen. Der DGB bezifferte die Zahl derjenigen, die noch keinen Ausbildungsplatz gefunden haben, auf mehr als 11 000. Die Auswirkungen der Krise sind laut dem Wirtschaftsministerium besonders bei Unternehmensinsolvenzen spürbar. Bis Ende Oktober 2009 seien bereits mehr als 200 Auszubildende aus insolventen Betrieben unterstützt worden. Mit dem Programm „Azubi-transfer - Ausbildung fortsetzen“ werden Betriebe gefördert, die Lehrlinge aus insolventen Betrieben übernehmen. 120 solche Firmen seien außerdem von den Arbeitsagenturen mit einem Ausbildungsbonus bezuschusst worden. Bei den Industrie- und Handelskammern ging die Zahl der neuen Ausbildungsverträge bis Ende September um 9,6 Prozent auf 42 740 zurück. Im Handwerk starteten bis zu diesem Zeitpunkt 19 314 Lehrlinge eine Ausbildung, das waren 6,3 Prozent weniger als 2008.
Offene Plätze in einigen Branchen
Offene Ausbildungsplätze gebe es beispielsweise in den Nahrungsmittelhandwerken, in Metall- und Elektroberufen und beim Bau, teilte der Präsident des Baden-Württembergischen Handwerkstages, Joachim Möhrle, mit. Die Zahlen für den Öffentlichen Dienst und die Landwirtschaft liegen noch nicht vor.
Insgesamt wurden im laufenden Jahr laut dem Ministerium mehr als 10 000 neue Ausbildungsplätze geschaffen und 4000 neue Ausbildungsbetriebe gewonnen. Damit habe sich das Ausbildungsbündnis, das zwischen der Landesregierung, der Wirtschaft, der Bundesagentur für Arbeit und den kommunalen Spitzenverbänden besteht, auch in er Krise bewährt, sagte Pfister. Die Ziele seien trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage übertroffen worden. Neben den 7600 Ausbildungsplätzen sollen nach der Vereinbarung in jedem Jahr 3800 neue Ausbildungsbetriebe erreicht werden. Das Bündnis läuft noch bis zum Jahr 2010.Die SPD warnte Pfister davor, die sich verschärfende Situation gesund zu beten. Ein Minus von 9,6 Prozent bei den neuen Ausbildungsverträgen sei „wahrlich kein Grund, den Ausbildungsmarkt als entspannt zu bewerten“, sagte SPD-Berufsbildungsexperte Gunter Kaufmann. Wenn die Wirtschaftskrise 2010 voll durchschlage, sei mit einem noch stärkeren Rückgang der Ausbildungsplätze zzu rechnen.Auch Siegfried Lehmann, der Sprecher für berufliche Bildung der Grünen-Fraktion, befürchtet den weiteren Rückgang der Lehrstellen. Es sei höchste Zeit, dass die Landesregierung auf diese alarmierende Entwicklung reagiert. Die Zahl der Jugendlichen, die aufgrund schlechter Perspektiven auf dem Ausbildungsmarkt in ein vollzeitschulisches Alternativangebot ausweichen, sei 2008 um weitere 2781 Schülerinnen und Schüler gestiegen.


