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Der schreibende Strafverteidiger

Von Jutta Schütz

Die junge Ehefrau wird von ihrem betrunkenen Mann geschlagen, missbraucht, erniedrigt. Später wird ein medizinischer Bericht die Verletzungen auf 14 Seiten auflisten. Jahrelang erträgt Alexandra die Tortur - vor allem wegen ihrer kleinen Tochter und der Illusion von Familie. Doch dann wird der Sadist erschlagen - in seinem Bett mit einer Statue. Der Strafverteidiger Ferdinand von Schirach erzählt in seinem neuen Buch „Schuld“, wie er die wegen Mordes angeklagte Frau verteidigt. Der Prozess endet überraschend. 15 Fälle aus der Praxis hat Schirach in dem jetzt erschienenen Band aus dem Verlag Piper zusammengetragen und in Literatur verwandelt. Spannend, teilweise atemberaubend erzählt der Anwalt. Er selbst drängt sich nicht in den Vordergrund. Schon 2009 hatte von Schirach mit seinem ersten Erzählband „Verbrechen“ einen Coup gelandet. Der 1964 in München geborene Autor und Anwalt bekommt für „das meistbeachtete Debüt der deutschen Literatur 2009“ dieses Jahr den Kleist-Preis. Nach Angaben des Verlags wurde der Band schon mehr als 150 000 Mal ver­kauft.

Warum wird einer zum Verbrecher?

Kein Jahr später liegen nun wieder Stories vor. Er habe die Geschichten im Kopf gehabt und sie nur noch schreiben müssen, sagt von Schirach. In dem neuen Buch gibt es keine nüchternen Berichte aus Gerichtssälen. Vielmehr werden auf rund 200 Seiten ungewöhnliche Leben erzählt, so wie die von Nina und Thomas, die erst 19 Jahre nach dem Tod eines alten Mannes festgenommen werden und sich noch vor dem Prozess erschießen. Diese Erzählung heißt schlicht „DNA“.

Wie schnell eine Situation aus dem Ruder laufen kann, zeigt von Schirach in „Die Illuminaten“. Internatsschüler quälen einen Mitbewohner, doch zu Tode kommt ein anderer Mensch. Auch wenn die Frage nie direkt gestellt wird, ist sie zu spüren: Warum wird einer zum Verbrecher und ein anderer nicht?

Und es geht um Schuld, doch oft liegt sie nicht klar auf der Hand. Warum schlägt beispielsweise ein junger Araber einem Mann mit einem Hammer die Zähne aus dem Mund?

Schirach findet auch in diesem Fall Zwischentöne. Raffiniert versucht er das Grau hinter dem Schwarz oder Weiß zu fassen, das nicht juristisch zu Definierende. Seine Protagonisten sind Mitmenschen, ihr Schicksal geht dem Leser nahe, sie verlassen ihn nicht, wenn er das Buch zugeklappt hat. Aber es geht auch um die Grenzen der Justiz sowie um Unschuld wie in der Geschichte über Holbrecht, der wegen Kindesmissbrauchs im Gefängnis saß.

„Anteil des Anwaltes ist gering“

Ob auch Selbsterlebtes in den Fällen steckt? „Die Geschichten erleben ja die anderen, der Anteil des Anwaltes ist gering“, sagt Schirach. Der schreibende Autor hat seine Geschichten regelrecht komponiert. Mit knappen Sätzen baut er Spannung auf, beschreibt präzise Details von Tatorten. Durch diese Sachlichkeit ohne jeglichen Voyeurismus entsteht eine ganz eigene Spannung. Mit dem Spruch: „Die Dinge sind, wie sie sind“, hat Schirach sein Buch überschrieben. Es soll der letzte Band mit Kurzgeschichten sein, so der Autor.

Seit 1994 ist von Schirach Strafverteidiger. Er übernehme überwiegend Fälle des Kapitalstrafrechts, also der klassischen schweren Kriminalität, schreibt er auf seine Website. So verteidigte er SED-Politbüromitglied Günter Schabowski ebenso wie den Berliner Arzt, nach dessen Gruppentherapie mit illegalen Drogen zwei Menschen an einer Überdosis starben.

Der prominente Anwalt, der im Gericht meist freundlich distanziert wirkt, gab in einem Interview mit der „Zeit“ kurze Einblicke in sein Leben. Er habe schon als Kind gefremdelt, sagte er da. Der Beruf des Strafverteidigers sei eine Art Rettung für ihn gewesen. Schirach meinte, er habe später durch seine Mandanten begriffen, dass er mit dem Gefühl der Leere nicht allein sei. Das habe ihn beruhigt.

Ferdinand von Schirach: Schuld. Piper Verlag, 2010, 208 Seiten, 17,95 Euro.

 

Artikel vom 21.08.2010 © Eßlinger Zeitung

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