Röggla kritisiert die „Alarmbereiten“
Die Gefahren lauern überall: Die überreizten und hypersensiblen Charaktere im neuen Buch der österreichischen Schriftstellerin Kathrin Röggla erwarten stets neues Unheil: „ich hätte sie alle erwartet, die chromosomenschäden, die zytomegalien, die toxoplasmosen, die verschiedensten formen der diabetes, hörschäden, sehschäden, schluckschäden, lungenschäden, asthma- und allergiebereitschaften“, heißt es in „Die Alarmbereiten“. Kommt kein Unheil, reagieren sie verwundert: „wo sind sie alle hin, die fliehenden menschen, die uns versprochen wurden, wo sind sie hin, die rutschenden hügel, die herunterkollernden felsstücke, die wildgewordenen bienenschwärme?“ Das alltägliche Leben ist völlig überreizt, jedes kleine Ereignis wird zur Horror-Nachricht dramatisiert. Die 39-jährige, in Berlin lebende und mehrfach ausgezeichnete Autorin Röggla, die sich in früheren Büchern und Theaterstücken schon oft kritisch aktueller Themen angenommen hat, macht es ihren Lesern diesmal nicht leicht: Konsequent schreibt sie alles klein, benutzt fast ausschließlich indirekte Rede, Konjunktive und Anglizismen und immer wieder auch - teils lustige, teils schwer verständliche - Wortneuschöpfungen. Ihr aktuelles Thema der überalarmierten Gesellschaft und die Kritik daran gehen im Stil-Wirrwarr unter. Menschen verlassen bei Röggla nicht den Raum, sondern haben sich „vertschüsst“. Und wenn sich über 50 Seiten ein „quasifreund“, ein „möchtegern-journalist“, eine „pseudo-psychologin“, eine „irgendwie- nachbarin“ und eine „optimale 14-jährige“ miteinander in indirekter Rede unterhalten, ist das amüsant, aber der Leser kann nur schwer folgen. Eine Geschichte entwickelt sich so nicht, der Roman gerät an die Grenze zum dadaistischen Kunstprodukt.



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