Warten auf die Revolution
„Eis essen mit Che“ - Said Sayrafiezadehs Buch über seine politische Kindheit als Kommunistensohn in den USA
Die Weltrevolution ist nah. So lernt es Said Sayrafiezadeh schon als Kind. Das Problem ist nur: Said wächst als Sohn einer jüdisch-amerikanischen Mutter und eines iranischen Vaters mitten in der Hochburg des Kapitalismus auf. Und im amerikanischen Alltag der 70er- und frühen 80er-Jahre sind Leute, die an die militante Durchsetzung der Lehren von Lenin, Marx und Che Guevara glauben, eine exotische Minderheit.
Demonstrationen statt Spielplätze
In seinen Erinnerungen „Eis essen mit Che“ erzählt der heute 41-jährige Autor, wie es einem Kind ergeht, das von seinen Eltern nicht auf den Spielplatz begleitet, sondern auf politische Demonstrationen der Kommunisten und zum illegalen Flugblatt-Ankleben mitgenommen wird. Im Original lautet der treffendere Titel des Buches „When Skateboards Will Be Free - A Memoir of a Political Childhood“ („Wenn Skateboards frei sein werden - Erinnerungen an eine politischen Kindheit“), was ziemlich genau den Zwiespalt beschreibt, in dem Sayrafiezadeh als Heranwachsender steckt.
Als längst schon alle seine Freunde ein Skateboard haben, bittet Said seine Mutter, ihm auch eins zu kaufen. Was sie zum Anlass nimmt, ihm zu erklären: „Wenn die Revolution kommt, werden alle ein Skateboard haben, dann sind Skateboards nämlich umsonst.“ Und natürlich spiegelt die Formulierung von der Befreiung der Skateboards auch die ironische Erzählweise von Sayrafiezadeh.
Im Hauptberuf Revolutionär
Saids Eltern sind Mitglieder der Sozialistischen Arbeiterpartei der USA. Der exiliranische Vater Mahmoud ist Mathematik-Professor, als seinen Hauptberuf sieht er aber den des Revolutionärs. Er geht im Kampf um die vermeintlich oder tatsächlich gerechte Sache völlig auf; und er verlässt die Familie, zu der außer Said zwei ältere Kinder gehören. Mutter Martha ist Schwester eines erfolgreichen Schriftstellers, hat die eigene Autorenkarriere mit der Heirat aber aufgegeben. Nachdem Mahmoud fort ist, trauert Martha ein Leben lang. Ihre beiden älteren Kinder werden rasch selbstständig. Mit Said bleibt sie zurück in selbst gewählter Armut, was nach der Parteidoktrin Solidarität mit den Geknechteten der Welt ausdrücken soll. Es gibt unzählige Besonderheiten im Leben der aktiven Kommunistin, die ein Kind nicht verstehen kann und die es zutiefst verunsichern.
Da ist zum Beispiel die Sache mit den Weintrauben, die Said plötzlich nicht mehr essen darf - mit dem Boykott sollen die amerikanischen Landarbeiter in ihrem Kampf um bessere Arbeitsbedingungen unterstützt werden. 1979 während der Geisel-Krise in Teheran sehen ihn seine Mitschüler plötzlich nur noch als Iraner. Noch schlimmer wird es, als er, nach seiner Meinung zur aktuellen Lage gefragt, nur in den radikalen Parolen antworten kann, die er von seiner Mutter gehört hat. Als Said erwachsen geworden ist, ist die Weltrevolution immer noch nicht gekommen - ebensowenig wie sein Vater zurückkehrte.
Schmerzvoll und skurril
Am Ende ist es die Liebe zu Karen, die Said aus seiner Isolation herausholt und ihm eine Rückschau erlaubt, in der schmerzvolle wie skurrile Momente mit Humor und Nachsicht aufgearbeitet werden.



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