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Freiheit des Verlegers

Chronik wild bewegter Jahre: Klaus Wagenbachs Erinnerungen

Von Wilfried Mommert

Klaus Wagenbach schaffte es als Lektor, Günter Grass mehrere Kapitel der „Hundejahre“ wieder auszureden. Das hinderte den späteren Literaturnobelpreisträger aber nicht daran, in den 60er-Jahren tatkräftig mitzuhelfen, als Wagenbach seinen eigenen Verlag gründete. Der Beginn dieser „Bücherfreundschaft“ gehört zu den früheren Wegmarken eines Verlegers, die er in seinem Buch „Die Freiheit des Verlegers - Erinnerungen, Festreden, Seitenhiebe“ beschreibt. Der geborene Berliner und zeitweilige Wahl-Frankfurter Wagenbach, der kürzlich 80 Jahre alt wurde, suchte Mitte der 60er-Jahre nach dem richtigen Standort für seinen neuen Verlag. „West-Berlin entwickelte einen maroden Charme, der auch viele Schriftsteller anzog - Günter Grass, Uwe Johnson, Christoph Meckel, Ernst Schnabel, Reinhard Lettau, Hans Magnus Enzensberger und viele andere“, erinnert sich Wagenbach. Der Blick ging auch in den Ostteil der Stadt, zu Autoren wie Günter Kunert, Wolf Biermann und Volker Braun.

Einreiseverbot in die DDR

„Für mich war das eine attraktive Mischung, da ich ohnehin eine Art gesamtdeutschen Verlag im Kopf hatte“ schreibt Wagenbach rückblickend. „Dass West-Berlin mit seinem besonderen hysterischen Antikommunismus kein allzu günstiger Standort war, wurde mir erst später klar.“ Doch auch mit der östlichen Seite legte sich Wagenbach bald an, als er den in der DDR mit Berufsverbot belegten Wolf Biermann publizierte - fortan galt Einreiseverbot für Wagenbach. Nicht einmal die Transitautobahn zwischen West-Berlin und Westdeutschland durch die DDR konnte er noch benutzen.

Was Wagenbach als linken Jungverleger und Grass als Autor verband, lässt sich vielleicht aus einer Erklärung Wagenbachs herauslesen, warum er seinen Beruf mit Leidenschaft ausübt. „Da wird einem ein ordentliches, leicht gelangweiltes, ziemlich unsinnliches, eher puritanisches Volk mit kräftig gestörter nationaler Identität sozusagen in den Schoß gelegt und man erhält als Intellektueller den Widerpart zugesprochen.“ Ein Mann, der Autoren wie Pasolini, Erich Fried und Franz Kafka im Verlagsprogramm hatte, spielte den Widerpart denn auch kräftig aus.

Sein jetziger Sammelband ist über weite Strecken ein spannend zu lesendes Tagebuch wild bewegter Jahre der politisch-literarischen Bundesrepublik. Dokumentiert wird das humanistische Engagement des Verlegers ebenso wie so manche Verirrung des „Anarchisten“, wie sich Wagenbach zeitweise selbst sah, etwa seine Grabrede auf Ulrike Meinhof („Was Ulrike Meinhof umgebracht hat, waren die deutschen Verhältnisse“).

Der einstige „Genosse Wagenbach“, der einige Kämpfe mit den 68er-Bewegten - bis hin zur Abspaltung des Rotbuch Verlags - auszustehen hatte, zieht heute eine eher nüchterne Bilanz der Beziehungen von Geist, Macht und Institutionen: „Ende der 70er-Jahre waren die Genossen in den Institu­tionen, wo sie immer hinwollten, und die meisten hörten schlagartig auf zu lesen. Das ist eine bittere Erfahrung für einen Verleger.“

„Nur Dreck verkauft sich immer“

Aber auch die Machtkämpfe in der Buchbranche selbst sieht Wagenbach kulturkritisch: „Auf geistigem Gebiet hat diese Jagd nach der gro­ßen Auflage und den fetten Profiten katastrophale Folgen. Denn das Neue kommt seit jeher auf leisen Sohlen“, nur „Dreck verkauft sich immer“.

Sein eigenes Buch belegt, warum „ein vergleichsweise lächerlich kleiner Verlag mit einem ziemlich kompromisslosen Programm überlebt hat“, nun bald schon ein halbes Jahrhundert lang. Dazu gehört auch Wagenbachs Warnung: „Früher hielt sich der Verleger einen Kaufmann, heute kauft sich der Kaufmann einen Verleger, der erst nach einer Schon- und Schamfrist gefeuert wird, weil er keine Rendite im Kopf hat, sondern ein Profil.“

Klaus Wagenbach: Die Freiheit des Verlegers - Erinnerungen, Festreden, Seitenhiebe. Wagenbach Verlag, Berlin. 350 Seiten, 19,90 Euro.

 

Artikel vom 24.07.2010 © Eßlinger Zeitung

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