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Fragwürdige Prosa der Rechtfertigung

Von Peter Mohr

Ein halbes Jahr vor dem Mauerbau setzt die Handlung des neuen Romans „Kennung“ von Hermann Kant ein. Also genau in jener Zeit, als der Autor begonnen haben soll, seinen Kollegen Günter Grass zu bespitzeln. Kant wandelte in der DDR auf einem ­schmalen Grat zwischen Kunst und Politik. Unter seiner Ägide wurde der DDR-Schriftstellerverband rigide von „staatsfeindlichen Mitgliedern gesäubert“. Zu seinem Verhältnis zum Ministerium für Staatssicherheit sagte Kant 2006 in einem Interview: „Ich konnte mich doch nicht für den Sozialismus und den sozialistischen Staat erklären und zugleich gegen die, die das - wie sie sagten - schützen wollten.“ Um genau diese Praxis geht es in „Kennung“. Im Mittelpunkt steht der Literaturkritiker Linus Cord, der eines Tages vom Stasi-Leutnant Czifra besucht wird. Cord gibt vor, beruflich überlastet zu sein und erklärt, dass da „nichts Zusätzliches geht“, also auch keine „Kundschafterlehre“. Der beharrliche Stasi-Offizier erinnert den Kritiker an seine SED-Mitgliedschaft und an unbedachte Äußerungen aus dem Jahr 1945, als Cord in russischer Kriegsgefangenschaft war.Quälend langatmig sind Kant die kontroversen Dialoge geraten. Der ideologische Hardliner und der naiv gezeichnete „Bücherwurm“ liefern sich einen verbalen Schlagabtausch auf Talkshow-Niveau. Später werden Fährten gelegt und Andeutungen gestreut, und man glaubt, sich in eine Spionage-Kolportage verirrt zu haben.

Atmosphäre der Künstlichkeit

Aufgrund nicht zu leugnender Paral­lelen zwischen der Vita des heute 83-jährigen Kant und der seines standhaften Protagonisten kann man dieses Buch als politisch-moralisch höchst fragwürdige Rechtfertigungsprosa lesen. Unabhängig von dem Grad der autobiografischen Authentizität entfacht die „Kennung“ eine ganz eigenartige Atmosphäre der Künstlichkeit. „Aller geheimen Pflichten ledig, wie ihm scheinen wollte, also erleichterten Herzens und erhobenen Hauptes, wohnte Linus Cord dem Abzug der Kundschafter bei“, heißt es pathetisch auf der letzten Seite. Literarisch ist die „Kennung“ ein missglückter Roman, moralisch eine Bankrotterklärung Hermann Kants.

Hermann Kant: Kennung. Roman. Aufbau Verlag, Berlin. 250 Seiten, 19,95 Euro.

 

Artikel vom 13.03.2010 © Eßlinger Zeitung

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