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Endspiel

Alte Männer, die Liebe und der Tod: Philip Roths neuester Roman „Die Demütigung“

Von Wolf Scheller

Das Toben gegen die Folgen der abgelaufenen Lebenszeit, der Stachel der Begierde angesichts junger ­Frauen: Das Herz eines alten Mannes, so hat es der irische Lyriker William Butler Yeats einst formuliert, ist jünger als sein Körper. Und um dieses Thema kreist auch der neue Roman von Philip Roth. Um Eros und Thanatos, Liebe und Tod - um das Wüten gegen die Revolten des Körpers, und dann um jenes Endspiel, bei dem der Autor seiner Verfallenheit an den Eros die Obsession für Thanatos ebenbürtig zur Seite stellt. Der alternde Schauspieler Simon Axler erfährt in diesem Buch die Roth‘sche Demütigung, wenn sein törichtes Herz an der Unmöglichkeit der Verständigung zwischen einem alten Mann und einer jungen Frau zerbricht.

„Aufgelöst in dünne Luft“

„Er hatte seinen Zauber verloren“ und „Sein Talent war tot“, heißt es schon zu Beginn. Simon Axler hat all die großen Rollen gespielt, die Shakespeare zu bieten hat. Doch von einem Tag auf den anderen kann er nicht mehr spielen. Bei Prospero und Macbeth, seinen beiden letzten Auftritten, scheitert er kläglich. Die Leute lachen über ihn. Er bricht zusammen, spielt mit dem Gedanken an Selbstmord. Prosperos Worte - „Das Fest ist jetzt zu Ende; unsere Spieler, / Wie ich Euch sagte, waren Geister, und / Sind aufgelöst in Luft, in dünne Luft“ - empfindet er nur noch als Fluch. Simon ist nicht mehr der große stattliche Mann, den alle bewundern. Seine Frau flieht nach Kalifornien zu ihrem drogenabhängigen Sohn, Simon Axler bleibt allein zurück.

Der Gang zum Psychologen

Er geht zum Psychologen: „Selbstmord ist die Rolle, die man für sich selbst schreibt.“ In dem sich anschließenden mehrwöchigen Klinik­aufenthalt lernt er eine Frau kennen, die hier ebenfalls wegen Selbstmordgefährdung therapiert wird. Ihr Mann hat sich an ihrer Tochter vergriffen. Sie könnte sich vorstellen, dass Simon Axler ihn dafür umbringt. Der freundet sich aber nach dem Klinikaufenthalt mit der Tochter eines alten Bekannten an. Pe­geen, mittlerweile an die Vierzig, ist lesbisch, zieht aber in das Haus des 25 Jahre älteren Axler und kommt ihm so nahe, wie man sich in den Romanen von Philip Roth nur nahe kommen kann. Ihre Eltern sind damit keineswegs einverstanden, noch weniger aber Pegeens Partnerin, eine etwas ältere, gut aussehende Dekanin, die sich von ihr verlassen fühlt und ihr bis ins Liebesnest von Simon nachstellt.

In eine Falle getappt

Axler merkt zu spät, dass er Opfer eines Experiments wird, in eine Falle getappt ist. Pegeen hat keineswegs ihre lesbische Orientierung aufgegeben. Zu Simon kommt sie aus Enttäuschung, nachdem ihre ursprüngliche Freundin - Priscilla - ihr bedeutet hat, dass sie sich mit Hilfe einer Hormonbehandlung in einen Mann umwandeln lassen will. Eines Tages sagt Pegeen zu Simon: „Es ist vorbei.“ Und auf die Frage nach dem Warum: „Es ist nicht das, was ich will. Ich habe einen Fehler gemacht.“ Zu der demütigenden Erfahrung des Versagens als Schauspieler gesellt sich für Simon die weitere Demütigung, gegenüber Pegeen unterlegen zu sein. Jetzt erfährt er aus der Zeitung, dass seine flüchtige Klinikbekanntschaft ihren Mann aus Rache für den Missbrauch der Tochter erschossen hat. Das Beispiel wirkt. Als junger Mann hat Simon Axler in der Tschechow-Komödie „Die Möwe“ am Broadway die Hauptrolle des Schriftstellers Konstantin Gawrilowitsch gespielt, der in der Liebe wie in der Kunst scheitert - und sich am Ende erschießt. Axler folgt diesem „Vorbild“.

Grenzenloses erzählerisches Können

Neben seiner Leiche findet die Putzfrau einen Zettel mit dem letzten Satz aus dem Tschechow-Stück: „Die Sache ist die: Konstantin Gawrilowitsch hat sich erschossen.“ So exekutiert Philip Roth in „Die Demütigung“ ein nahezu klassisches Endspiel, und man darf auch darüber staunen, wie dem erzählerischen Können dieses Autors offenbar keine Grenzen gesetzt sind.

Philip Roth: Die Demütigung. Roman. Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren. Carl Hanser Verlag, München. 144 Seiten, 15,90 ­Euro.

 

Artikel vom 13.03.2010 © Eßlinger Zeitung

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