System des totalen Misstrauens
„Günter Grass im Visier“: Die Dokumentation der Stasi-Akte des Schriftstellers ist ein fesselndes Geschichtslesebuch
Seit seinem vehementen Protest gegen den Mauerbau 1961 bis ins Wendejahr 1989 wurde Günter Grass von der DDR als eine Art Staatsfeind betrachtet. Die umfangreichen Stasi-Aufzeichnungen über den Schriftsteller erscheinen jetzt in einer fesselnd zu lesenden Dokumentation. Grass war zwar ein Gegner der restaurativen Adenauerregierung im Westen, aber der Sozialdemokrat ließ sich nie in irgendeiner sympathisierenden Weise für das SED-Regime vereinnahmen. Gleichwohl versuchte die Stasi, Einfluss auf Grass zu nehmen, oder aber seinen Einfluss und die öffentliche Aufmerksamkeit für ihn einzudämmen. Auch wollte man über ihn als unbewussten Lockvogel neue Einblicke in die DDR-Dissidentenszene gewinnen.„Ich bin überrascht gewesen über die Dichte der Überwachung - alle offiziellen Gesprächspartner von Grass in der DDR waren Zuträger der Stasi“, sagt Kai Schlüter, der Autor der Dokumentation „Günter Grass im Visier“. Für die Stasi arbeiteten demnach Grass' ostdeutsche Verleger von Volk und Welt und Reclam Leipzig ebenso wie der Präsident des DDR Schriftstellerverbandes Hermann Kant oder der Präsident der Akademie der Künste, der Regisseur Manfred Wekwerth.
„Die Plebejer proben den Aufstand“
Neben den Mauerprotesten ärgert die DDR-Führung besonders das Theaterstück „Die Plebejer proben den Aufstand“. Wie aus den Akten hervorgeht, versucht die Stasi mit allen Mitteln, die im Januar 1966 am West-Berliner Schiller-Theater geplante Uraufführung des Stücks über den DDR-Volksaufstand vom 17. Juni 1953 und das Versagen Bertolt Brechts zu verhindern - vergebens.
In den Jahren 1974 bis 1978 kommt es zu bis heute kaum bekannten deutsch-deutschen Schriftstellerlesungen in Ostdeutschland, die Einladungen wurden nur mündlich ausgesprochen, man traf sich in privaten Wohnungen. Erst 1976 soll die Stasi darüber von einem Spitzel erfahren haben. Nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns und den folgenden Protesten werden viele kritische DDR-Autoren in den Westen abgeschoben. Grass versucht 1980 mit jungen DDR-Autoren einen Neuanfang der Kontakte, was die Stasi aber unterbindet.
Die Unsicherheit der DDR-Führung zeigt sich auch in einem 1980 erlassenen Einreiseverbot, das aber aus übergeordneten politischen Gründen nicht eingehalten wird: „Grass inspiriert feindlich-negative Kräfte in der DDR zu Aktivitäten gegen die sozialistische Staats- und Gesellschaftsordnung“, heißt es in dem Stasi-Erlass. Erst 1984 erscheint in der DDR als erstes Grass-Werk „Das Treffen in Telgte“, 1987 - als Öffentlichkeits-Coup zum 60. Geburtstag des Autors - „Die Blechtrommel“. Lesereisen folgen 1987 und 1988, die Stasi ist immer dabei, auch bei Grass‘ Besuchen im Sommer 1989 auf Rügen und Hiddensee, der Heimat seiner Frau Ute.
Die Dokumentation ergibt zusammen mit Zeugenberichten und Kommentaren zu den in den Stasi-Akten genannten Vorgängen ein facettenreiches, packendes Geschichtsbuch, das bisher wenig bekannte Kapitel der deutsch-deutschen Literaturkontakte aus unterschiedlichen Perspektiven und daher sehr glaubwürdig vermittelt. Der Verleger Christoph Links, der nach dem Mauerfall als erster in der DDR einen Verlag im Dezember 1989 gründete und spezialisiert ist auf deutsch-deutsche Themen, hat den Band selbst lektoriert. Ein Abkürzungsverzeichnis und ein Glossar helfen dem Leser, den Überblick über Stasi-Kürzel und ostdeutsche Autoren zu behalten.
Der Band konnte nur in Zusammenarbeit mit Grass entstehen, der seine Stasi-Akten dazu freigab. Die Grass-Akte allein umfasst rund 700 Blatt, zählt man andere Akten dazu, taucht der Name Grass oder seine Fahndungsnummer auf über 2300 Seiten auf. Grass sei es darum gegangen, „dass die Lesart der Stasi nicht die einzige bleibt“, sagt Kai Schlüter. Denn viele Berichte sind interessengesteuert und aus Quellen zweiter und dritter Hand zusammengeschrieben.
„Wahnsinn wird Realität“
Die oft spröde, bürokratische Sprache der Stasi-Berichte hat bei Schlüter einen unerwarteten Prozess ausgelöst: „Wenn man Tag um Tag diese Akten liest, gewinnt der Wahnsinn Realität.“ Erschüttert hat ihn das „System des totalen Misstrauens“. So habe beispielsweise ein Informant 200 Mark als Dank erhalten und der Führungsoffizier als Maßnahme sofort danach angeordnet, den Mitarbeiter selbst abzuhören. „Keiner traute niemanden.“
Kai Schlüter: Günter Grass im Visier - Die Stasi-Akte. Eine Dokumentation mit Kommentaren von Günter Grass und Zeitzeugen. Ch. Links Verlag, Berlin. 379 Seiten, 20 Abb., 24,80 Euro.



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