Metall aus Holz
Wie aus den gichtigen Fingern kahler Baumwipfel filigrane Schriftzüge wachsen: Christophe Szpajdels spätromantische Heavy-Metal-Logos
„Designing the Metal Underground“? Schließen sich strähniger Heavy Metal und poliertes Design denn nicht gegenseitig aus? Nur scheinbar, wie ein soeben erschienener Bildband beweist, den der Gestalten Verlag dem Grafiker Christophe Szpajdel widmet: eine goldgravierte Logo-Bibel in schwarzem Leder, eine Sammlung von hunderten Metal-Logos, fast alle völlig unleserlich. Ist das ein Problem? Ganz im Gegenteil: Auf mehr als 250 Seiten wird unmissverständlich deutlich, dass Szpajdels von unzähligen Bands nachgefragte Kunst gerade darin besteht, die martialischen Bandnamen so zu verfremden, dass sie zu reinen Ornamenten erstarren. Mit der Lesbarkeit geht allerdings auch die Unterscheidbarkeit verloren. Dabei folgt der Künstler wenigen Schemata, die er immer wieder variiert.
Studien nach der Natur
Die Inspirationsquellen für die Logos sind ebenfalls abgebildet: Ein rundes Dutzend Fotos zeigt Naturstudien und stellt sie den Logos gegenüber, allerdings in - für einen Design-Verlag - eher bescheidener Qualität. Aus den gichtigen Fingern kahler Baumwipfel wachsen Szpajdels filigrane Schriftzüge geradezu organisch hervor. Das jäh gezackte „Emperor“-Logo wird dabei ebenso als Naturstudie erkennbar wie das brüchige Astwerk, das der geschulte Blick mit etwas Glück als „Nocturnal Degrade“ entziffert. Die Natur fügt sich zum Wort. Auch die Silhouetten von gotischen Kathedralen und Tannenwipfeln dienen als Formvorlage für düsteres Buchstabenwerk. Bis in die Bildästhetik, die mit dem Erhabenen spielt, bleibt Szpajdel einer romantischen Naturauffassung verpflichtet, die sich durch die Hand des Zeichners in visuelle Poesie verwandelt.
In einer Zeit, in der das aktuelle Album der Drone-Metal-Band Sunno))) in den Feuilletons als Album des Jahres gefeiert wird und der Franzose Damien Deroubaix die Esslinger Villa Merkel mit apokalyptischer Genre-Folklore bespielt - in einer solchen Zeit liest man die transkribierten Listen der Bandnamen mit wohligem Behagen als zeitgenössischen Schauerroman. „Netherworld Assembly“! „Profetus“! Und weiter: „Born of Fire - Annullus - Prodigal Sacrifice - The Deepest Abyss - Ascent - Alzannahk“, gefolgt von „Bilderburg - Nailed God - Funneral Doom - Open Wounds“. Alles auf einer einzigen Seite. Szpajdels spätromantische Logo-Sammlung führt uns in eine freudlose Welt abseits des Pop, kann sich aber seinen Formen nicht entziehen. Liste, Logo und Branding - die lukrative Verklammerung von Produkt und Konsumentenpsyche - regieren selbst das nächtliche Arkadien.
Lord of the Logos. Designing the Metal Underground. Logos und Fotografien von Christophe Szpajdel. Hrsg. von Robert Klanten und Hendrik Hellige. Gestalten Verlag, Berlin. 272 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 35 Euro.



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