Erinnerte Kindheit
„Erinnerung duftet mich an, lockend, weckt in mir Wehmut …“ Der Maler und Schriftsteller Bruno Epple macht sich auf den Weg zu dem, der er einst war, einem, der damals in „atemvoller Neugierde Leben eingesogen“ hat. Wie mit Siebenmeilenstiefeln durchmisst er in seinen poetischen Geschichten noch einmal das Reich seiner Kindheit. Am Bodensee ist Epple, Jahrgang 1931, aufgewachsen. Diese Umgebung hat ihn geprägt und schwingt als Hintergrund titelgemäß auch in seinem Buch „Vor allem der See“ mit. Es ist ein kleines, untergegangenes Universum, das der Autor wieder zum Leben erweckt. Denn er erzählt nicht vom Ende her, nicht aus der Sicht des erfahrenen Erwachsenen. Er „will nicht im voraus wissen, was sich abspielen wird“. Vielmehr macht es den besonderen Reiz von Epples Erinnerungsstücken aus, dass er überwiegend aus dem Blickwinkel des Achtjährigen berichtet. Dennoch bestimmt keine aufgesetzte Naivität den Ton. Epple schreibt, ohne zu verniedlichen, kommentiert auch, allerdings zurückhaltend. Bewusst setzt er kleine Zäsuren, die den Erzählfluss unterbrechen. Fast unmerklich mündet seine bildreiche Darstellung dann in eine Selbstbefragung - auch über die selektive Leistung des Gedächtnisses.Epple beschwört eine Welt längst vergangener Farben, Klänge und Gerüche, in der Waschfrauen und Dampflokomotiven zum Alltag gehören. Obgleich die Auswirkungen der Nazi-Diktatur bis an den Bodensee reichen, geschehen in Epples Buch keine spektakulären Ereignisse. Es geht um den grundlos eifersüchtigen Vater, der in Selbstmitleid versinkt, um den ersten eigenen Brief, die dunkle Schule mit ihren karikaturhaften Lehrern, Streiche und ihre Folgen, Beerensammeln für den Winter. Zusammen ergeben diese Schnappschüsse ein vielschichtiges, aber keineswegs nur idyllisches Kindheitspanorama. Bruno Epple: Vor allem der See. Erinnerte Kindheit. Klöpfer & Meyer, Tübingen. 160 Seiten, 16,90 Euro.


