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HöRTEST VIVALDI UND DER EILIGE HEILIGE GEIST

Längst wird Antonio Vivaldi nicht mehr nur als musikalischer „Quattro Stagioni“-Pizzabäcker wahrgenommen. Und bei allem Respekt vor seinen epochemachenden Instrumentalkonzerten: Seine Kirchenmusik erreicht oftmals ein höheres und konstanteres kompositorisches Niveau - auch wenn der Schnellschreiber recht ungeniert bei Kollegen abzukupfern pflegte. So etwa in den beiden Gloria-Vertonungen , deren zweite (RV 589) das heute wohl bekannteste Sakralwerk Vivaldis ist. Trotz der von ­Giovanni Maria Ruggeri geklauten Schlussfuge (die Vivaldi auch für sein anderes Gloria verwendete) trägt das Stück unwiderstehlichen Vivaldi-Touch: von der genial einfachen, aber höchst wirkungsvollen Motorik des Orchestervorspiels bis zum modula­ tionsreichen „Et in terra pax“-Chor und dem erlesenen Melos der Soli. Rinaldo Alessandrini und sein Concerto Italiano interpretieren die beiden Gloria-Versionen mit rasantem Drive, feurigem Temperament und dramatischer Verve. Dieser Hochspannungs-Vivaldi feiert den heiligen als eiligen Geist, ohne in der pulsierenden Sinnlichkeit die spirituelle Schönheit preiszugeben. Weder der klangvolle Chor noch die exzellenten Solistinnen Monica Piccinini und Sara Mingardo lassen es an Feinschliff und nuanciertem Ausdruck mangeln.

Introvertierter kommt Roland Wilson mit einer aus Vivaldischen Psalmvertonungen unterschiedlichen Typs zusammengestellten Marienvesper daher. Das Vokal­ensemble Capella Ducale und die Instrumentalisten von Musica Fiata zeigen dramatische Pranke, wo es gebührt, vor allem aber lassen sie empfindsam in die Finessen der Musik hineinhören - und die sind wahrhaft hörenswert. Das doppelchö rige „Domine ad adiuvandum“ etwa gehört zu Vivaldis Gipfelwerken, kaum weniger beachtlich sind „Dixit Dominus“ und „Nisi Dominus“, zwei Stücke, mit denen Vivaldi selbst zum Opfer einer Fälschung wurde. Geschäftstüchtige Kopisten verbreiteten sie damals unter dem Namen des jüngeren und „angesagteren“ Baldassare Galuppi. Erst kürzlich gelang ihre zweifelsfreie Zuschreibung an Vivaldi. Namentlich das „Nisi Dominus“ mit seinen ungewöhnlichen Instrumentalfarben - darunter ein Chalumeau, eine Vorform der Klarinette - nimmt Klangwelten Mozarts und sogar der Romantik vorweg. Martin Mezger

Antonio Vivaldi: Gloria RV 588. Ostro picta RV 642. Gloria RV 589. Monica Piccinini, Sopran; Sara Mingardo, Alt. Concerto Italiano, Rinaldo Alessandrini. Naive. Bestellnummer: OP 30485 (Vertrieb: Indigo).

Antonio Vivaldi: Vespro per la Vergine. Domine ad adiuvandum RV 593. Dixit Dominus RV 807. Nisi Dominus RV 803 u.a. Musica Fiata, La Capella Ducale, Roland Wilson. Sony Music. Bestellnr.: 88697318702.

 

Artikel vom 01.03.2010 © Eßlinger Zeitung

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