In der Schädelinnenwelt

Heinz D. Heisls wortgewaltiger Roman „Greiner“

Von Gaby Weiß

Man muss es sich gönnen, sich dieses Buch - zumindest in einzelnen Passagen - laut vorzulesen oder es sich vorlesen zu lassen. In dieser Sprache muss man baden, in diesen Wortkaskaden muss man sich wohlig räkeln, in dieser Gedankenflut muss man sich aalen. Denn „Greiner“, der neue Roman des österreichischen Wortkünstlers Heinz D. Heisl, ist eher Lyrik als Prosa, 323 Seiten voll atemberaubender Wortneuschöpfungen und schwindlig machender Wortjonglagen.Konrad Greiner ist Schriftsteller. Er sitzt auf einem Hocker vor der Scheibe im Excelsior Café in der Gaien Higashi Dori im Roppongi-Viertel in Tokio und grübelt über sein Dasein. Konrad Greiner hat alles so satt: das Schreiben, die Bücher, die Kollegen, die Verleger, den Literaturbetrieb, sein Heimatland Österreich und sich selbst als älter werdenden Mann sowieso.

 

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Spezies der „Wortausdünster“

Deshalb hat er sich kurz vor seiner Lesereise nach Japan auch die entscheidende Frage gestellt: Soll er weiterschreiben? Oder soll er nicht besser aufhören? Will er weiter zur Spezies der „Wort­ausdünster, Satzherausschwitzer, Wortschlachter, Wortkadaververwerter“ gehören? Will er weiter durch die „Buchstaben-, Wörter- und Satzurwälder“ pflügen? Will er weiter als Wortsäer „auf wackligen Sprachbeinen im nachtblauen Poesieacker“ wandeln? Greiner hat sich entschieden: „Nichts hätte ich schreiben sollen. Niemals auch nur eine Zeile.“ Und Greiner wird auch nie wieder schreiben, eine abgeschlossene Arbeit und erste Notizen für einen neuen Roman landen gleich im Café im Müll.

Greiner heißt er, und nicht umsonst heißt er so: Das alte deutsche Wort „greinen“ heißt weinen oder klagen. Ungefiltert lässt er die Leser teilhaben an all dem, was „durch meine Schädelinnenwelt flatterte“. Als müsse er so weit weg reisen, um sich über vieles klar zu werden. Als müsse er so weit weg reisen, um endlich richtig zerstörerisch dreinhauen zu können. Hätte, wäre, wenn. Heinz D. Heisls eigensinnige, wortgewaltige Art zu erzählen wird diesem ungewöhnlichen, destruktiven Typen gerecht, der mit Worten und Sätzen alles kurz und klein schlagen will, was ihn bisher ausgemacht hat. Er lästert, schimpft und tobt, er suhlt sich in seinem unerträglichen Charakter, er zerrt an sich und seiner Existenz, er stellt bloß, ist grob und gnadenlos bei dieser Generalabrechnung - vor allem zu sich selbst. Tief taucht er ein in Erinnerungen, die er lange unter Verschluss hielt. Die Geburtsstadt Innsbruck, die Schulzeit, die Wiener Jahre, Kaffeehausbesuche, die Heuchelei der österreichischen Verlagslandschaft, jenes „Fettwurstwortkessels“, sexuelle Abenteuer: „Das Leben ist das Fremdgehen vor dem Tod“, sinniert er, dessen Geschichte im Selbstmörderwald am Fuße des Berges Fuji endet.

Heinz D. Heisl, in Innsbruck geboren, heute in der Schweiz lebend, begann 1988 nach einem Musikstudium und ersten Erfolgen als Komponist und Interpret mit dem Schreiben und erhielt in den vergangenen Jahren mehrere Literaturpreise und Stipendien. Er ist ein entfesselter Sprachakrobat, ein irrwitziger Wortverdreher, einer, dem Rhythmus und Tempo, Klang und Lautmalerei im Blut liegen. Und der dennoch um jedes Wort ringt. Seine Texte sind hochmusikalisch, mal glasklar, dann wieder kafkaesk. Wer beim Lesen Schritt halten will, muss sich mitreißen lassen und verliert dabei schon mal den Boden unter den Füßen.

Heinz D. Heisl: Greiner. Dittrich-Verlag, Berlin. 19,80 Euro, 331 Seiten.

Artikel vom 20.02.2010 © Eßlinger Zeitung

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