Reliquien der Religion und der Liebe
Martin Walsers Novelle „Mein Jenseits“ - Schlichte Sprache, hinterhältige Wirkung
Was ist Glaube? Eine Stütze oder eine Zwangsjacke? Diese Fragen wirft Martin Walser in seiner neuen Novelle „Mein Jenseits“ auf - und hütet sich vor einer Antwort. Stattdessen malt er ein facettenreiches Bild mit folkloristischem Brauchtum und erhebender Kunst, in dem sich Augustin Feinlein, Chef eines Psychiatrischen Landeskrankenhauses, mit wachsender Altersmüdigkeit mal tänzelnd, mal taumelnd auf den persönlichen Bankrott zu bewegt. Aber scheitert er tatsächlich, oder hat er sich listenreich sein persönliches Paradies, sein Jenseits, konstruiert?Der Novelle hat der 82-jährige Autor vom Bodensee einige Sätze des Mystikers Jakob Böhme vorangestellt, die trotzig mit der Feststellung enden: „Ich habe für mich geschrieben.“ Das klingt fast nach einem Befreiungsschlag - oder einer Kampfansage an den Leser. Die Handlung erinnert an frühere Bücher Walsers: Es geht um Beziehungsschwierigkeiten in gutbürgerlichen Kreisen. In jungen Jahren hat Augustin Feinlein in einem Lateinkurs Eva Maria kennengelernt. Die beiden sind so gut wie verlobt, als er sie zu einem Besuch bei einem früheren Patienten mitnimmt - und verliert. Eva Maria heiratet den jungen Grafen, der bald darauf bei einer Bergtour umkommt. Eva Maria heiratet wieder, diesmal den 18 Jahre jüngeren Dr. Bruderhofer. Der aber ist ärztlicher Direktor an eben der Klinik, die Feinlein leitet. Die Rivalen führen 30 Jahre lang einen stillen, erbitterten Kampf um Fachfragen ebenso wie um die Anerkennung des Klinikpersonals.
Eva Maria und der liebe Augustin
Ob der liebe Augustin seiner Eva Maria jemals gestanden hat, dass sie seine große Liebe ist? Vermutlich tat er das nicht. Sie schreibt dem früheren Freund während ihrer Ehen in heiterer Unbefangenheit Karten, auf denen steht „Ich werde dich immer lieben“ oder die sie mit „In Liebe“ unterzeichnet. Für Augustin sind das Reliquien, die seinen Glauben nähren, dass es Möglichkeiten für ihn gibt - jenseits der tristen Welt aus verstreichender Zeit und beruflichen Kämpfen.
Rettung aus der Pestgrube
Reliquien, wie sie fast jede Kirche im Bodenseegebiet aufweisen kann, faszinieren Augustin. Sein Vorfahr, der Abt in jenem Kloster war, das heute die Psychiatrische Klinik beherbergt, hat nach der Säkularisierung ein Buch über Reliquien-Verehrung geschrieben. Dessen Credo, es komme gar nicht darauf an, dass eine Reliquie echt sei, wichtig allein sei der Glaube, versucht Augustin noch zu beweisen, ehe er sich aus der Pestgrube des beruflichen und gesellschaftlichen Mobbings in sein Jenseits rettet.
Die kleine literarische Form der Novelle scheint derzeit wieder in Mode zu kommen. So hat Siegfried Lenz im vergangenen Jahr seine „Landesbühne“ herausgebracht und Walter Kappacher in „Der Fliegenpalast“ den alternden Hugo von Hofmannsthal beschrieben.
Auch Martin Walsers Novelle lässt sich bequem auf einer Bahnreise auslesen. Aber es ist möglich, dass sich der hastige Leser das Büchlein bei der nächsten Reise gleich wieder in die Tasche stopft. Denn die Novelle in schlichter Sprache wie ein Volkslied, aber gespickt mit Anspielungen auf Literatur und Geschichte, hat etwas Hinterhältiges. Sie reizt zum wiederholten Lesen, sie lässt einen nicht los. Und einige starke Sätze prägen sich ein, diese etwa: „Das Jenseits muss schön sein. Sonst kannst du es gleich vergessen.“
Martin Walser: Mein Jenseits. Berlin University Press, Berlin. 132 Seiten, 19,90 Euro.



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