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Dichtung und Wahrheit

Autobiografisches Verwirrspiel: John Maxwell Coetzees „Sommer des Lebens“

Von Peter Mohr

Wieder einmal inszeniert John Maxwell Coetzee, der Literaturnobelpreisträger des Jahres 2003, ein anspruchsvolles autobiografisches Verwirrspiel. Anders als sein amerikanischer Kollege Philip Roth bemüht sich der Südafrikaner allerdings nicht um eine „Tarnung“ seiner Figuren. Bereits im „Tagebuch eines schlimmen Jahres“ (2008) gab es einen J. C., jetzt kommt im ­neuen Band „Sommer des Lebens“ ausdrücklich ein John Coetzee vor. Trotzdem darf man daraus nicht folgern, dass Coetzee seine eigene ­Biografie lupenrein abbildet. Stattdessen jongliert er mit Dichtung und Wahrheit.Im neuen Band verdoppelt er kurzerhand die unterschiedlichen Ebenen noch dadurch, dass er den jungen englischen Autor Vincent als ­Biograf des kürzlich verstorbenen John Coetzee in Szene setzt. Vincent macht sich, da er dem großen Schriftsteller nie persönlich begegnet ist, Notizbücher und Tagebuchaufzeichnungen zu eigen und befragt Weggefährten des Autors: Cousine Margot, die Nachbarin Julia, die attraktive brasilianische Tänzerin Adriana und Sophie, eine französische Akademikerin.

„Der hölzerne Mann“

Aus Vincents Recherchen entsteht das Bild eines zurückhaltend-schüchternen Autors: etwas ungepflegt, immer nachlässig gekleidet, offensichtlich bindungsunfähig und ganz auf seinen Vater fixiert, mit dem er vor den Toren Kapstadts unter einem Dach lebt. Die Brasilianerin Adriana schlägt „The wooden man“ („Der hölzerne Mann“) als Titel für Vincents Biografie vor, die sich auf die Zeit von 1972 bis 1977 konzentriert. Hinter dem öffentlichkeitsscheuen Autor verbirgt sich zumindest in großen Teilen eine anspielungsreiche Selbstcharakterisierung des realen Coetzee, der am 9. Februar 1940 in Kapstadt als Sohn eines Rechtsanwaltes geboren wurde und in den USA Anglistik und Mathematik studiert hat. Nach der Promo­tion über Beckett lehrte Coetzee, der als Programmierer zu den Experten der ersten Computergeneration gehört, an der Universität Buffalo, ehe er 1972 als Englischdozent in seine Heimatstadt Kapstadt zurück kehrte, wo er 1984 Professor für englische Literatur wurde.

Kapstadt spielt in Coetzees Werk eine ähnlich zentrale Rolle wie etwa Danzig im Frühwerk von Günter Grass. Beide verbindet, dass sie ihre Heimatstadt als Folie benutzen, um größere politisch-gesellschaftliche Missstände zu spiegeln.

Als Coetzee 2003 den Nobelpreis erhielt, wurde in der Stockholmer Begründung die „verschlagene Komposition seiner Bücher, der verdichtete Dialog und seine analytische Brillanz“ gerühmt. Seine Werke - er debütierte 1974 mit den Erzählungen „Dusklands“ - sind mit geometrischer Strenge durchkalkuliert von der ersten bis zur letzten Seite. Nirgends verleugnet sich der Mathematiker Coetzee.

Gewissenhafter Zweifler

er bevorzugt die hintersinnige, an Kafka und Beckett erinnernde Parabel. Zurecht rühmte die Stockholmer Akademie vor sieben Jahren Coetzee als „gewissenhaften Zweifler, schonungslos in seiner Kritik der grausamen Vernunft und der kosmetischen Moral der westlichen Zivilisation“.

Enttäuscht von der politischen Entwicklung in Südafrika hat sich Coetzee 2002 zur Übersiedlung nach Australien entschlossen, wo er in Adelaide eine neue Heimat fand.

John Maxwell Coetzee: Sommer des Lebens. Aus dem Englischen von Reinhild Böhnke. S. Fischer Verlag, Frankfurt. 295 Seiten, 19,95 Euro.

 

Artikel vom 13.02.2010 © Eßlinger Zeitung

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