Wie die Oberschicht Hitler hofierte
Nach dem Ersten Weltkrieg war die konservative Oberschicht im Deutschen Reich zutiefst verunsichert. Das Buch „Salon Deutschland“ von Wolfgang Martynkewicz zeigt am Beispiel eines noblen Debattierklubs in München, wie die selbsternannte Elite ihre Vormachtstellung verlor und sich angesichts des „Unbehagens an der Moderne“ die Sehnsucht nach einer Führerpersönlichkeit Bahn brach. Im Salon der Verlegersgattin Elsa Bruckmann-Cantacuzène verkehrten Hugo von Hoffmansthal, Mitglieder des George-Kreises oder Rainer Maria Rilke, aber auch Houston Stewart Chamberlain und Adolf Hitler, von der Salonnière anfangs wie ein exotisches Lebewesen hofiert.Die Sehnsucht nach einer Führerpersönlichkeit grassierte im Geldadel und seinem schöngeistigen Gefolge. Als sich dann die NS-Unkultur brachial und ohne Rücksicht auf zarte Oberschicht-Befindlichkeiten Bahn brach, machte sich Enttäuschung oder gar Entsetzen breit. Martynkewicz‘ Buch liefert ein eindrucksvolles Bild der konservativ-gebildeten Szene im Deutschland der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die nicht unwesentlich dazu beitrug, den Nationalsozialisten die Machtergreifung zu ermöglichen. Man spürt am Ende förmlich das entschuldigende Schulterzucken: „Dass es soweit kommt, haben wir nicht gewollt.“ Elsa Bruckmann-Cantacuzène verpflegte Hitler immerhin in der Festungshaft in Landsberg. Möglicherweise schmuggelte sie die Druckfahnen von „Mein Kampf“ aus der Anstalt. Martynkewicz leistet jedenfalls einen schlüssigen Beitrag zur Vorgeschichte der Nazi-Diktatur. Wolfgang Martynkewicz: Salon Deutschland. Geist und Macht 1900-1945. Aufbau Verlag, Berlin. 620 Seiten, 26,95 Euro.



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