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Weites Land

„Terra Islamica“: Die Reise des indisch-britischen Journalisten Aatish Taseer zu seinem Vater ist auch die Suche nach der eigenen Identität

Von Jürgen Hein

Durch die Türkei nach Syrien fahren und weiter nach Saudi-Arabien, Iran, Pakistan? Weil einem der Islam so fremd ist und man gerne mehr über ihn wissen möchte? Klingt ein wenig blauäugig - würde sich ein ganz normaler Abendländer auf diese Reise begeben. Aber Aatish Taseer (30) passt in keine Schublade. Aus islamischer Sicht wurde er als Muslim geboren, wuchs jedoch in Indien auf, in der Familie seiner Mutter, die zur Religionsgemeinschaft der Sikhs gehört. Er studierte in den USA, arbeitete als Journalist in London. England ist auch der Ausgangspunkt der Reise. 2005 schreibt Taseer nach den Terroranschlägen auf die Londoner U-Bahn über den Bruch zwischen den Generationen unter den muslimischen Einwanderern. Und er merkt, dass die Frage nach der Identität auch ihn selbst angeht. Der Islam ist ihm so fremd wie den meisten Europäern, aber er ist ihm eng verbunden durch seinen pakistanischen Vater. Genau das macht Taseer zum idealen Reiseführer durch die „Terra Islamica“. Sein Anrecht, als Muslim anerkannt zu werden, öffnet ihm Türen. Zugleich lässt ihn seine innere Distanz zum Islam genau die Fragen stellen, die sein Buch so spannend machen. Eigentlich sind es zwei Reisen, eine durch die islamische Welt und eine zu seinem Vater. Die Kapitel dazu wechseln einander ab, und am Ende laufen beide Stränge in Lahore im Haus des Vaters zusammen. Beide Reisen sind hart. In Syrien erlebt Taseer, was der Streit um die Mohammed-Karikaturen an Hass freisetzt. Und im Iran lernt er junge Intellektuelle kennen, die sich von einem Polizeistaat geknebelt fühlen, der sich als islamisch bezeichnet. Der härteste Moment ist aber, als er seinem Vater, den er endlich kennenlernen möchte, am Telefon ein Treffen vorschlägt. „Eine kurze Stille, dann sagte mein Vater, als hätte er jahrelang an dieser Antwort gefeilt: „Zu welchem Zweck?“.Taseer schreibt in einem spannenden Reportagestil. Hier liegt aber auch eine Schwäche seines Buchs. Wenn ein Informant ihm etwas erzählt und Taseer das einfach zitiert, bleibt unklar, ob der Autor der Geschichte auf den Grund gegangen ist. Auch wird nicht deutlich, ob er alles eins zu eins wiedergibt (womit er eine Reihe von Gesprächspartnern in Gefahr brächte) oder ob er seine Informanten schützt. Außerdem entfernt er sich gerade da von westlichen Lesern, wo er selbst besonders nahe dran ist an der Geschichte, die er beschreibt, nämlich wenn es um Indien und Pakistan geht. Hier setzt er eine Menge Wissen voraus, vor allem über die Teilung des Landes 1947 durch die Briten, über die Massenmorde beim Versuch von Hindus, Sikhs und Muslimen, das islamische Pakistan beziehungsweise das säkulare Indien zu erreichen, aber auch über die Entwicklung Pakistans bis heute. Aber all das ist noch lange kein Grund, dieses Buch nicht zu lesen. Taseers sehr subjektive Geschichte ist vielschichtig und spannend und ein durchaus willkommener Ausgleich zu abstrakten Analysen dieser Probleme. Aatish Taseer: Terra Islamica. Auf der Suche nach der Welt meines Vaters. Verlag C.H. Beck, München, 365 Seiten, 24,95 Euro.

 

Artikel vom 06.02.2010 © Eßlinger Zeitung

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