Wider die Ungleichmacherei
Glück und Lebensqualität lösen das Wirtschaftswachstum als Wohlfahrtsmaßstab ab
Das Maß aller Dinge war - zumindest in wirtschaftlicher Hinsicht - das Wirtschaftswachstum, also das Wachstum des Bruttosozialprodukts. Seit neuestem spricht man übrigens nicht mehr vom Bruttosozialprodukt, sondern vom Bruttonationaleinkommen. Der Fortschritt einer Gesellschaft wird mit dem Wirtschaftswachstum gemessen - vier Prozent Wachstum versprechen sinkende Arbeitslosigkeit, höhere Löhne, steigenden Konsum und allgemeinen Wohlstand. Natürlich ist man zur Not auch mit drei, zwei oder einem Prozent zufrieden, Hauptsache es geht bergauf. Dabei ist es erst einmal egal, ob jeder davon profitiert, ob man Ressourcen nachhaltig nutzt und ob das Wachstum auch hilfreich und nicht nur wuchernd ist. Die Nation muss weiterhin, auch nach der Krise, wieder gut dastehen. Das Wirtschaftswachstum gilt als das Aushängeschild der Nation.
Umweltschutz kein Kriterium
Dabei ist das Wachstum des Bruttonationaleinkommens eine sehr abstrakte Größe. Das Bruttonationaleinkommen schließt alle privaten und staatlichen Ausgaben für Güter und Dienstleistungen ein, sowie die Bruttoinvestitionen von Unternehmen. Vereinfacht gesagt: Seine Höhe beschreibt, wie viel Geld insgesamt ausgegeben worden ist, und damit auch, wie viel verdient worden ist. Somit ist das Bruttonationaleinkommen eine Umlaufgröße, die etwas Fließendes beschreibt, jedoch nichts aussagt über den Bestand an Häusern, Autos und natürlichen Ressourcen. Das Wachstum des Bruttonationaleinkommens schließlich kann als Beschleunigung dieses Umlaufs interpretiert werden. „Zwei Prozent Wachstum“ stehen - über mehrere Jahre gesehen - für eine exponentielle Entwicklung.
Traditionell kommt Kritik an diesem Konzept aus der ökologischen Ecke. Können wir wirklich immer weiter wachsen? Müsste die Ausbeutung der Natur nicht bei der Berechnung des Bruttonationaleinkommens berücksichtigt werden? Warum tauchen die Schäden an der Natur, wie zum Beispiel Waldsterben, Überdüngung oder das Ozonloch, dort nicht auf? Darüber hinaus hat die Finanzkrise gezeigt, dass ein höheres Bruttonationaleinkommen auch nur eine Blase sein kann: Bürger in den USA haben zu teure Häuser gekauft und sich verschuldet. Beides erhöhte das Bruttonationaleinkommen. Zwei Jahre nach der Finanzkrise glaubt kaum noch jemand daran, dass man den Fortschritt einer Nation nur mit dem Wirtschaftswachstum erfassen kann. Statt Maßzahlen für die Wirtschaftsleistung sucht man nach Alternativen, die die Menschen wieder mehr in den Vordergrund stellen. Joseph Stiglitz, der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften 2001, formuliert das so: „Es geht um nichts Geringeres als darum, das grundlegende globale Fortschrittsparadigma für Völker und Staaten zu verändern, weg von der Produktion und hin zu einem auf gerechter Verteilung und Nachhaltigkeit beruhenden Wohlergehen.“
Wohlfahrtsindex sinkt
Ein erster Weg, mit der Problematik umzugehen, besteht darin, das Bruttonationaleinkommen zu korrigieren. Beispielsweise kann man die Luft-, Boden- und Wasserschäden, Lärm oder CO2-Emissionen beziffern. Oder man errechnet die Kosten, die dem Verlust an nicht erneuerbaren Ressourcen oder an landwirtschaftlich nutzbarer Fläche oder Feuchtgebieten entsprechen würden. Einen noch umfassenderen Ansatz verfolgt der Nationale Wohlfahrtsindex, der von den Nachhaltigkeitsforschern Roland Zieschank und Hans Diefenbacher entwickelt wurde. Dieser Index berücksichtigt das Ausmaß von ehrenamtlicher Arbeit und Hausarbeit genauso wie die öffentlichen Ausgaben für das Gesundheits- und Bildungswesen, die Kosten und Nutzen dauerhafter Konsumgüter, die Kosten von Verkehrsunfällen, Kriminalität und Süchten wie auch die Wertänderungen von Anlage- und Kapitalvermögen. Sogar die Einkommensverteilung geht in dieses Wohlfahrtsmaß ein. Anders als das Bruttonationaleinkommen, das fast jedes Jahr in Deutschland steigt, fällt der Nationale Wohlfahrtsindex seit dem Jahr 2000 und fordert damit zu einem Umlenken in der Politik auf.
Das Bruttonationaleinkommen und der Nationale Wohlfahrtsindex haben gemeinsam, dass sie versuchen, die Wohlfahrt anhand von gesamtwirtschaftlichen Kennzahlen zu bewerten. Menschen erscheinen in diesen Zahlenspielen erst gar nicht. Deshalb versuchen neuere Wohlfahrtsmaße, einen anderen Weg zu gehen. Sie nehmen stärker die einzelnen Menschen und ihre persönlichen Fort- oder Rückschritte in den Blick und fassen die Ergebnisse erst in einem zweiten Schritt zusammen. Dabei lassen sich subjektive von objektiven Herangehensweisen unterscheiden.
Die Untersuchung mit subjektiven Methoden folgt einem Paradigma der amerikanischen Sozialwissenschaften, das besagt, dass Lebensqualität nur „im Auge des Betroffenen“ existieren kann. Aus diesem Ansatz ist in den letzten Jahren die Glücksforschung entstanden, deren Erkenntnisse einige Grundannahmen der Ökonomie in Frage stellt: Vergleicht man die Zufriedenheit verschiedener Länder, dann kann man erkennen, dass in der Gruppe der Länder, die ein Durchschnittseinkommen pro Erwerbstätigem von über 10 000 Dollar jährlich haben, zusätzliches Einkommen kaum mehr zu einer glücklicheren Gesellschaft führt. Auch beim Vergleich des erlebten Glücks verschiedener Menschen eines Landes zeigen sich Einkommensschwellen, oberhalb derer das Glück nicht mehr zunimmt. Darüber hinaus hat die Erhöhung des Bruttonationaleinkommens während der vergangenen Jahrzehnte in den Industrienationen nicht mehr Glück produziert. Das Glücksempfinden scheint also eine Obergrenze zu haben. Ein Grund dafür ist ein Gewohnheitseffekt: Menschen gewöhnen sich recht schnell an ein höheres Einkommen und können deshalb langfristig daraus kein zusätzliches Glück ziehen.
Bhutan ist der erste Staat der Erde, der bereits das Bruttonationalglück als wichtigsten Wohlfahrtsindikator für die gesellschaftliche Entwicklung eingeführt hat. Die Idee geht auf den ehemaligem König Jigme Singye Wangchuck zurück, der sich nicht die Kritik eines Journalisten gefallen lassen wollte, dass das Wachstum seines Landes zu gering sei. Die buddhistische Tradition legt einen anderen Schwerpunkt nahe. Bei der Abgabe ihres Glücksvotums können die Bhutaner auch vorschlagen, was die Behörden zur Erhöhung des Glückes machen können. Dies gestattet jenseits der Zahlen eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Zielen, die der Staat verfolgen soll. Seit kurzem plant auch England die Einführung eines Glücksindexes. Glück liegt im Trend wie nie.
Im Gegensatz zu der Glücksforschung, die sich mit dem subjektiven Erleben auseinandersetzt, stehen objektive Methoden der Lebensqualitätsmessung. Lebensqualität wird hier anhand von Merkmalen ermittelt, die die Voraussetzungen für ein gutes Leben schaffen oder die ansonsten für eine hohe erreichte Lebensqualität stehen. Diese Methode wurde insbesondere von skandinavischen Sozialforschern und -forscherinnen entwickelt. Einer ihrer Vorteile liegt darin, dass sie nicht dem Zufriedenheitsparadoxon unterliegt: Dass Menschen häufig auch in sehr schwierigen Lebenssituationen Zufriedenheit entwickeln, erschwert nämlich Vergleiche des subjektiven Glücks.
Lebenserwartung als Spiegelbild
Ein praktischer und besonders aussagekräftiger objektiver Indikator ist die Lebenserwartung. Beispielsweise wird die Säuglingssterblichkeit verwendet, um den Entwicklungsstand von Ländern zu beschreiben. Die Säuglingssterblichkeit sinkt nicht nur mit der Qualität der medizinischen Methoden, in ihr spiegeln sich auch die Betreuung und die Kenntnisse der werdenden und jungen Eltern wider. Die Lebenserwartung weist aber auch auf andere soziale Problembereiche hin: So wird die Sterblichkeit von den älteren Kindern vor allem durch Autounfälle verursacht; und Untersuchungen der EU zeigen auf, dass Luftverschmutzung und Feinstaub die Lebenserwartung durchschnittlich um drei Monate verkürzt. Mit der Lebenserwartung lassen sich aber nicht nur einzelne Probleme identifizieren, sondern es lässt sich auch etwas über die Sozialpolitik insgesamt aussagen: Ein Blick in die Geschichte Englands zeigt, dass sich die durchschnittliche Lebenserwartung dort insbesondere während der Jahre des Ersten und Zweiten Weltkrieges verlängerte. Hauptgrund dafür war die bessere Versorgung der unteren Schichten mit Nahrungsmitteln und medizinischen Gütern, beispielsweise durch Lebensmittelmarken und den National Health Service, der anfangs eine große Verbesserung der Versorgung bedeutete. Hingegen führten im postsowjetischen Russland die erschwerten Lebensbedingungen zu einer Verkürzung der Lebensdauer um bis zu fünf Jahre.
Bei weltweiten Ländervergleichen zeigt sich ein ähnliches Phänomen wie bei der Glücksforschung. Innerhalb der reichen Länder erhöht ein größeres Durchschnittseinkommen nicht mehr die durchschnittliche Lebenserwartung. Dagegen haben Länder mit großer sozialer Ungleichheit tendenziell eine geringere Lebenserwartung. Beispielsweise übersteigt das Einkommen der USA das von Schweden um mehr als ein Viertel, die Lebenserwartung in den USA ist aber mit 78 Jahren um 2,5 Jahre kürzer.
Wieso soziale Ungleichheit im Hinblick auf Lebenserwartung und Lebensqualität einen entscheidenden Faktor darstellt, haben die britischen Sozialepidemiologen Richard Wilkinson und Kate Pickett in ihrem neuen Buch „Gleichheit ist Glück“ analysiert. Anders als der deutsche Titel vermuten lässt, befassen sich die beiden nicht mit Glücksforschung, sondern zeigen, welche Effekte Einkommensungleichheit hat: In Gesellschaften mit größeren Unterschieden gibt es mehr psychisch Kranke, mehr Alkoholiker und Drogenabhängige, mehr Fettleibige, mehr Teenager-Schwangerschaften, mehr Selbstmorde und Gefängnisstrafen. Außerdem zeichnen sich ungleiche Gesellschaften durch geringeren sozialen Zusammenhalt und geringeres Vertrauen gegenüber dem Staat aus.
Argumente gegen Gleichheit
Die Untersuchungen zeigen, dass größere Gleichheit im Sinne von Einkommensgleichheit im Prinzip die Lebensqualität von allen verbessert, also auch von denen, die viel verdienen. Lebensqualität und Lebenserwartung sind also nicht nur objektive Maßstäbe für eine positive Entwicklung einer Nation, sie stellen auch ein Argument für die Förderung einer größeren Einkommensgleichheit dar. Entscheidend ist, dass dieses Argument nicht aus der politischen Diskussion stammt, sondern aus der Lebensqualitätsforschung. Mit anderen Worten: Gleichheit ist nicht „links“, sondern schlicht vernünftig.
Gegen Einkommensgleichheit werden immer wieder drei Standardargumente ins Spiel gebracht: fehlende Leistungsanreize, Trickling-Down und Gleichmacherei. Brauchen wir Einkommensungleichheit, um die Leistungsanreize zu erhöhen? Von Einkommensunterschieden gehen sicherlich Arbeitsanreize aus. Das bedeutet aber noch nicht, dass es dafür eine weite Lohnspreizung - also große Unterschiede zwischen niedrigen und hohen Löhnen - geben muss.
Das Trickling-Down-Argument behauptet, dass der Reichtum der oberen Schichten durch neu geschaffene Jobs und Güternachfrage automatisch zu den unteren Schichten „durchsickert“. Diese Annahme konnte allerdings nie empirisch bestätigt werden.
An Grundbedürfnissen orientieren
Diejenigen, die für mehr Gleichheit plädieren, bekommen schnell das Schlagwort „Gleichmacherei“ zu hören. Wie wir gesehen haben, bedeutet größere Einkommensgleichheit aber, dass soziale Probleme abnehmen. Glauben die Gegner der Gleichheit tatsächlich, dass bei der Bekämpfung von Ungleichheit wirklich auch die Individualität bekämpft werden soll? Welcher Zusammenhang könnte hier angenommen werden? Führt Einkommensungleichheit zu mehr Individualität?
Welchem Irrsinn sitzen wir eigentlich auf, wenn wir glauben, dass wir durch mehr Konsum unsere Individualität retten könnten? Mehr mit Lebensweisheiten bedruckte T-Shirts, mehr Smartphones, mehr knuffige Kleinwagen und mehr Verschuldung werden unsere Welt nicht auf den richtigen Weg bringen. Auch wenn dabei das Bruttonationaleinkommen wächst. Um wie viel vernünftiger, um wie viel besser erscheint eine Gesellschaft, die, unbeeindruckt von dem Vorwurf der Gleichmacherei, sich an den Grundbedürfnissen aller orientiert und die Unterschiede zwischen ihren Mitgliedern verringert, um Lebensglück und Lebensqualität aller zu verbessern.



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