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Sieben Stunden Schlangestehen

Riesenandrang zu spektakulären Kunstschauen - Nur prominente Künstlernamen zählen - Vorverkaufsfristen von über einem Jahr

  Warten für Frida: Vor der Berliner Kahlo-Ausstellung harrten Kunstfreunde in langen Schlangen aus, bis sie endlich Einlass fanden.Foto: dpa
 

Warten für Frida: Vor der Berliner Kahlo-Ausstellung harrten Kunstfreunde in langen Schlangen aus, bis sie endlich Einlass fanden. Foto: dpa

 

Von Nada Weigelt

Berlin - Die Neo-Rauch-Ausstellungen in München und Leipzig, die Kirchner-Schau in Frankfurt, die Kahlo-Retrospektive in Berlin - immer häufiger melden Museen rekordverdächtige Besucherzahlen. Allein zur Werkschau der mexikanischen Surrealistin Frida Kahlo im Berliner Martin-Gropius-Bau kamen weit mehr als 200 000 Menschen. Am Schluss mussten Besucher sieben Stunden und mehr warten, ehe sich auch für sie endlich die Tür öffnete. Was macht eine Ausstellung so attraktiv?

„Der Kultursektor ist ein großer Faktor in unserem Freizeitangebot geworden“, sagt die Berliner Kuratorin Gabriele Knapstein. Zunehmend werden große Ausstellungen zu Zielen des Pauschal- wie des Individualtourismus. „Das kulturelle Gemeinschaftserlebnis ist für viele wichtig. Selbst wer allein hingeht, kann mit wildfremden Menschen ins Gespräch kommen“, sagt die Ausstellungsmacherin vom Hamburger Bahnhof, einem renommierten Berliner Museum für Gegenwartskunst.

Der Berliner Galerien-Präsident Werner Tammen, der die Szene seit mehr als 30 Jahren beobachtet, spricht von einer zunehmenden „Eventisierung“ der Kultur: Seit den Anfängen der Love Parade in den 90er-Jahren würden immer mehr kulturelle Ereignisse zu Events hochstilisiert. Damit sei es jedoch auch gelungen, Schwellenängste abzubauen: „Es besteht gesellschaftlicher Konsens, dass die breite Teilhabe an kulturellen Ereignissen ein ganz wichtiges Gut ist.“

Schlüssel zur Vermarktung sind freilich auch professionelle Werbekampagnen. So überraschten die Staatlichen Museen zu Berlin unlängst mit der Ankündigung, der Vorverkauf für die Ausstellung „Gesichter der Renaissance“ mit Meisterwerken von Bellini, Botticelli, da Vinci und anderen beginne bereits jetzt - mehr als ein Jahr vor dem Start. Hier ziehen die Künstlernamen, hier zieht aber auch der versteckte Hinweis, man müsse sich rechtzeitig vor dem großen Run den Zugang sichern.

Das Interesse steigt naturgemäß umso mehr, je hochkarätiger die Werke sind, je seltener sie verliehen werden, je prominenter und möglichst auch legendenumrankter die Künstler sind. Als Paradebeispiele gelten Picasso, van Gogh oder Caravaggio. Unbekanntes profitiert kaum vom Kunst-Boom.

Kommt eine Schau so erst einmal ins Gespräch, entwickelt sich ein Schneeball-Effekt. Immer mehr Leute bekommen das Gefühl, es handele sich um ein gesellschaftliches „Muss“, das man auf keinen Fall verpassen darf. Das Anstehen wird dann selbst zum Event.

Beispiele waren die Botticelli-Schau im Frankfurter Städel mit 370 000 Besuchern Anfang des Jahres oder die legendäre Ausstellung „Das MoMA in Berlin“, die 2004 mehr als 1,2 Millionen Menschen für die ausgeliehenen Meisterwerke des New Yorker Museum of Modern Art interessierte. „Wer bei ,MoMA‘ nicht in der Schlange stand, wurde bei der Party abends wie ein Aussätziger behandelt“, sagt Galerist Tammen. Auch bei der Kahlo-Schau ließen sich Kunstfans von der schier endlosen Warterei nicht abschrecken. „Ich habe in den ersten vier Stunden meinen Sohn als Platzhalter engagiert - für sieben Euro die Stunde“, erzählt Schlangesteher Martin Laske. Und Ute Demko, mit ihrer Freundin eigens aus Stuttgart angereist, ist sich sicher: „Frida Kahlo ist mir jedes Warten wert.“

Eine Ausstellung zu verlängern (wie zuletzt die Kirchner-Retrospektive im Frankfurter Städel), ist für die Museen oft aus organisatorischen Gründen nicht möglich. Die Kahlo-Schau etwa musste rasch abgebaut werden, um wie geplant ab heute in Wien zu sehen zu sein. Für den Berliner Museumsleiter Gereon Sievernich war die „Fridamania“ trotz aller Vorplanung eine Überraschung. „Letztendlich stehen wir jedes Mal wieder vor einem Rätsel“, sagt er, „und dieses Rätsel heißt Pub­likum.“

 

Artikel vom 01.09.2010 © Eßlinger Zeitung

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