Zertrampelte Märchenfiguren
Der Musicalkomponist Stephen Sondheim wird 80 Jahre alt
New York - In New York haben die Feierlichkeiten schon begonnen: Am kommenden Montag wird Stephen Sondheim 80 Jahre alt, der Musicalkomponist ist heute einer der am meisten geehrten und verehrten Künstler des amerikanischen Theaters. Obwohl seine bis heute 15 Musicals - für mehrere andere hat er auch nur die Texte geschrieben - nur selten kommerzielle Erfolge waren, ähnelt die Ergebenheit seiner weltweiten Anhängerschaft dem Fanatismus der Wagnerianer. Seit 1995 gibt es sogar eine Zeitschrift, die einzig seinem Wirken gewidmet ist. Stephen Sondheim ist nicht der große Melodienerfinder wie Andrew Lloyd Webber, als dessen amerikanischer Antipode er gern stilisiert wird, sondern komponiert komplizierter und intellektueller, oft in einem kammermusikalischen oder Parlando-Stil, der die Vielfalt der populären amerikanischen Musik des 20. Jahrhunderts von Folk bis Broadway-Jazz, aber auch europäische Einflüsse von Oper und Operette spiegelt. Sezierend scharf untersuchen seine brillanten Texte, unter denen die zu Bernsteins „West Side Story“ noch lange nicht die besten sind, die zerbrochenen Illusionen der amerikanischen Gesellschaft, enthüllen voll Trauer und Mitleid die Unbarmherzigkeit der Menschen.
Sondheim gilt als Erfinder des Konzeptmusicals, das nicht einfach um der Unterhaltung Willen eine Geschichte erzählt, sondern sich ein formales, künstlerisches Gerüst vorgibt. So verzichtet er in „Company“ vollkommen auf eine Handlung, in „Merrily We Roll Along“ erzählt er sie rückwärts. „Das Lächeln einer Sommernacht“ nach Ingmar Bergmans Film ist vollständig im Walzertakt geschrieben, samt Sondheims berühmtestem Song, dem melancholischen „Send in the Clowns“. In „Sunday in the Park with George“ erweckt der Komponist ein Gemälde des Pointillisten George Seurat zum Leben und thematisiert das Entstehen moderner Kunst.
Oft genug stürzen diese ungewöhnlichen Musicals den Zuschauer von turbulenter Komik in tiefsten Zynismus. „Into the Woods“ etwa wirft im ersten Akt wonnevoll Grimms Märchen durcheinander, um die süßen Märchenfiguren nach der Pause zertrampeln zu lassen und dann die Moral zu ziehen, dass man aufpassen muss, was man den Kindern erzählt, denn sie erkennen alle unsere Lügen. „Assassins“ lässt fröhlich die Attentäter Revue passieren, die auf US-Präsidenten geschossen haben, kulminierend im Kennedy-Mord. Sondheims „Sweeney Todd“ hat es immerhin als erstes Musical ans Londoner Royal Opera House geschafft und wird auch an deutschen Stadt- und Staatstheatern oft gespielt. Der symphonischen Partitur nach fast eine Oper, pendelt die Rachegeschichte zwischen greller Satire und tiefschwarzem Nihilismus, besingt in einem heiteren Walzer die leckeren Fleischpasteten, die aus den Mordopfern des Titelhelden gebacken werden. Neben der leichten bis seichten Massenware, die in Deutschlands Musicalpalästen so oft zu sehen ist, beweisen Sondheims Werke, wie ernst dieses amerikanische Genre zu nehmen ist.



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