Feier des Lichts

Der amerikanische Künstler, Psychologe und Philosoph James Turrell zeigt seine bisher größte begehbare Installation im Kunstmuseum Wolfsburg

 

Expedition ins Licht: James Turrells begehbares „Wolfsburg Project“.Foto: Kunstmuseum Wolfsburg
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Expedition ins Licht: James Turrells begehbares „Wolfsburg Project“.Foto: Kunstmuseum Wolfsburg

 

Von Petra Bail

Wolfsburg - Es ist eine geschlossene Gesellschaft, die sich bedächtig die 20 Meter steile Rampe hinabbewegt - hinein in ein Lichtbad, das als weltweit größte Installation gilt, die der international renommierte amerikanische Lichtkünstler James Turrell jemals für ein Museum verwirklicht hat. Über 700 Quadratmeter Grundfläche verfügt das elf Meter hohe Hauptwerk mit dem Titel „Bridget’s Bardo“ im Kunstmuseum Wolfsburg. Es ist mit nichts anderem gefüllt als mit Licht, in das der Besucherstrom geschlossen hinein­gleitet. 35 000 LED-Dioden tauchen 8500 Kubikmeter Raum in ein dynamisches, aber dennoch dämmrig wirkendes Farblicht, das sanft von einer diffusen Nebel-Helle über Bergwasserblau bis zu zartem Pfirsichgelb wechselt. In der Wahrnehmung der eintauchenden Besucher heben sich so alle räumlichen Begrenzungen auf. Der in das Lichtbad eintauchende Betrachter wird unsicher, orientierungslos schwankend, wenn die Kontraste fehlen.

 

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Sakrales Erleben

Um das „Sehen mit dem ganzen Leib“ geht es dem 61-jährigen Künstler, der von einer „sensuellen und geistigen Gesamterfahrung“ spricht, „die Raum und Licht, Körper und Geist in eine wechselseitige Beziehung setzt“. Wegen der Kontrastlosigkeit verschwimmen nach einer gewissen Zeit alle abgehobenen Effekte. Man sieht sich gewissermaßen selbst beim Sehen zu, wenn das Bewusstsein auf die reine Empfindungsebene reduziert wird.

„Licht spüren“ ist das Thema der neu entwickelten „Ganzfeld-Pie­ces“, zu denen „Bridget’s Bardo“ zählt.

Turrell, der außer Kunstgeschichte auch Mathematik und Psychologie studiert hat, nutzt für seine Lichtkunst Erkenntnisse aus der Wahrnehmungspsychologie, die beschreiben, wie Sinne an die Grenzen getrieben werden. Die „Ganzfeld-Methode“ lenkt durch systematische Reizunterdrückung das Erleben auf die eigene Innenwelt und führt so zu veränderter Selbsterfahrung. Tatsächlich erzeugt die kathedralenartige Größe des Raums eine sakrale Stimmung. Niemals wird gleißendes Licht verwendet, wie es etwa Gerhard Merz in der 18 000-Watt-Installation „Hommage à Boullée“ tut, die in der ständigen Sammlung zu sehen ist. Die „geschlossene Gesellschaft“ in der Wolfsburger Installation flüstert hingegen, man bewegt sich andächtig und ist ergriffen von der spirituellen Erfahrung, welche das transzendente Lichterleben schafft. Durch Farbveränderung entstehen illuminierte „Wände“, die tatsächlich aus purem Licht bestehen. Auch Ein- und Ausgang heben sich durch den Wechsel von scharfen Komplementärfarben vom Ambiente ab.

Turrell, der mit seinem weißen Rauschebart an die amerikanische Varian­te des Santa Claus erinnert, bewegt sich mit seinem Medium Licht seit den 1960er-Jahren im Grenzbereich zwischen Kunst, Natur- und Geisteswissenschaft. Zunächst wurde seine reduzierte Ästhetik als Fortsetzung der großformatigen Farbfeldmalerei etwa von Mark Rothko und Barnett Newman gesehen. Doch James Turrell ist da radikaler. Er malt kein Licht, er verwendet Licht als reines, autonomes Gestaltungsmittel.

Zur Ausstellung in Wolfsburg gehören zwei kleinere Arbeiten: eine ebenfalls begehbare, spektrale Raumillusion, die Tiefe durch den Einsatz von Fluo­reszenz- und Laserlicht erzeugt, sowie ein „Tall Glass Piece“, wobei farbige LED-Dioden, elektronisch gesteuert, stets neue Formen und Farben auf eine Glasscheibe zaubern.

Das „Wolfsburg Project“ spiegelt Turrells Lebenswerk wider: das Lichtobservato­rium „Roden Crater“ in der Wüste Arizonas. Dort hat der Lichtkünstler 1974 einen 400 000 Jahre alten, erloschenen Vulkan gekauft. Seither soll er 14 Millionen Dollar für den Bau eines unterirdischen Systems aus Gängen, Tunneln, Trichtern und meditativen Kammern investiert haben, in denen durch astro­nomisch exakt berechnete Öffnungen Licht gebündelt wird, so dass sich dem Besucher ein überraschender Eindruck vom Himmel präsentiert. In Wolfsburg sind Modelle, Fotos und Zeichnungen zu sehen, ein Video macht das Ausmaß und die Philosophie des Projekts deutlich.

Die Gesamtschau dauert bis 5. April. Das Hauptwerk wurde bis 3. Oktober verlängert. Zur Ausstellung ist ein Katalog (Hatje Cantz, 34 Euro) erschienen.

Artikel vom 19.03.2010 © Eßlinger Zeitung

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