Kriegsdrama schlägt Fantasy Die Preisträger der 82. Oscar-Gala „Gucken Sie sich meine Visage an“ Humor und Ernst Harte Typen
Mit sechs zu drei Trophäen triumphiert „The Hurt Locker“ über „Avatar“- Deutsche Hoffnung „Das weiße Band“ geht leer aus Prämiert als beste und schlechteste Filmschauspielerin des Jahres: Sandra Bullock Kathryn Bigelow erhält als erste Frau einen Regie-Oscar
Hollywood - Bigelow schlägt die Männer, Bullock schlägt sich selbst, und Waltz schlägt sich blendend: Bei der 82. Oscar-Verleihung in der Nacht zum Montag holte erstmals eine Frau den Regie-Oscar. Mit ihrem Low-Budget-Kriegsfilm „The Hurt Locker“ triumphierte Kathryn Bigelow über das 500-Millionen-Dollar-Spektakel „Avatar“ ihres Ex-Ehemannes James Cameron. Endstand: sechs Trophäen für „The Hurt Locker“, drei für „Avatar“ - bei jeweils neun Nominierungen. Besonders bedeutsam: Das Irak-Kriegsdrama siegte auch in den beiden Königskategorien „bester Film“ und „beste Regie“. „Dies ist der größte Moment meines Lebens“, sagte Bigelow. Erst dreimal zuvor war eine Frau für die beste Regie überhaupt auch nur nominiert worden: Sofia Coppola mit „Lost in Translation“ (2003), Jane Campion mit „Das Piano“ (1993) und Lina Wertmüller mit „Sieben Schönheiten“ (1975).
Keine Heldenverehrung
Bigelows Film hatte an den Kinokassen gefloppt, fand jedoch bei Kritikern große Anerkennung. Nüchtern, fast dokumentarisch erzählt „The Hurt Locker“ (wörtlich auf deutsch: „Schmerzkasten“) von drei amerikanischen Bombenentschärfern im Irak - ohne sie dabei zu Helden zu machen. Eher stumpfen sie ab, finden ihren Lebenssinn in jedem Adrenalin-Kick.
In die Oscar-Liste der besten Hauptdarsteller schrieben sich erstmals Jeff Bridges und Sandra Bullock ein. Der 60-jährige Bridges erhielt die goldene Statue für seine Rolle als abgehalfterter Country-Sänger in „Crazy Heart“. Bullock wurde für ihre Rolle in „Blind Side“ ausgezeichnet (siehe unten).
Etwas großspurig hatten die Deutschen zwei Tage vor der Verleihung noch 13 Nominierungen „Made in Germany“ gefeiert. Doch der als Favorit gehandelte deutsche Beitrag „Das weiße Band“ von Michael Haneke ging leer aus. Burghart Klaußner, der sittenstrenge Pfarrer in dem Film, gab danach zu: „Die Enttäuschung war natürlich zehn Minuten lang schon da, aber länger auch nicht“. Auch Kameramann Christian Berger unterlag mit seinen eindrucksvoll-hypnotischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen der schwelgerischen Bilderwelt von „Avatar“, die Mauro Fiore eingefangen hatte.
Zum besten nicht-englischsprachigen Film kürten die Mitglieder der Academy of Motion Picture Arts and Sciences den argentinischen Thriller „El Secreto de Sus Ojos“ (Das Geheimnis Deiner Augen). Der Österreicher Christoph Waltz setzte hingegen seinen Siegeszug der vergangenen Monate fort und erhielt für die Rolle eines SS-Mannes in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ den Oscar als bester Nebendarsteller (siehe Text links). Beste Nebendarstellerin wurde die schwergewichtige schwarze US-Schauspielerin Mo'Nique für ihre Rolle als gewalttätige Mutter in dem Sozialdrama „Precious“.
Bester Film: „The Hurt Locker“
Beste Hauptdarstellerin: Sandra Bullock in „The Blind Side“
Bester Hauptdarsteller: Jeff Bridges in „Crazy Heart“
Beste Nebendarstellerin: Mo'Nique, in „Precious“
Bester Nebendarsteller: Christoph Waltz in „Inglourious Basterds“ Beste Regie: Kathryn Bigelow, „The Hurt Locker“
Bester nicht-englischsprachiger Film: „El Secreto de Sus Ojos“, Argentinien
Bestes adaptiertes Drehbuch: Geoffrey Fletcher, „Precious“ nach dem Roman „Push“ von Sapphire
Bestes Original-Drehbuch: Mark Boal, „The Hurt Locker“
Kamera: Mauro Fiore, „Avatar“
Schnitt: Bob Murawski und Chris Innis, „The Hurt Locker“
Ausstattung: Rick Carter, Robert Stromberg, Kim Sinclair, „Avatar“
Kostümdesign: Sandy Powell, „The Young Victoria“
Ton: Paul N.J. Ottosson und Ray Beckett, „The Hurt Locker“
Ton-Schnitt: Paul N.J. Ottosson, „The Hurt Locker“
Maske: Barney Burman, Mindy Hall und Joel Harlow, „Star Trek“
Spezialeffekte: Joe Letteri, Stephen Rosenbaum und Andrew R. Jones, „Avatar“
Beste Original-Filmmusik: Michael Giacchino, „Up“
Bester Original-Song: Ryan Bringham und T Bone Burnett, „The Weary Kind“ aus „Crazy Heart“
Kurzfilm: Joachim Back und Tivi Magnusson, „The New Tenants“
Animationsfilm: Pete Docter, „Up“
Animations-Kurzfilm: Nicolas Schmerkin, „Logorama“
Dokumentarfilm: Louis Psihoyos und Fisher Stevens, „The Cove“
Kurz-Dokumentarfilm: Roger Ross Williams und Elinor Burkett, „Music by Prudence“.
Wien (dpa) - Mit 53 Jahren ist Christoph Waltz auf dem Film-Olymp angekommen: Nach der Goldenen Palme von Cannes und einem Golden Globe hat der Österreicher nun auch den Nebenrollen-Oscar gewonnen. Insgesamt bekam Waltz für die Darstellung des zynischen SS-Offiziers Hans Landa in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ zwei Dutzend Auszeichnungen. Im deutschsprachigen Raum galt der gebürtige Wiener längst als erste Wahl für zwiespältige Charaktere. Er hat den alkoholkranken Roy Black gespielt, den Amokläufer von Euskirchen oder den eiskalten Entführer des Industriellensohns Richard Oetker. „Gucken Sie sich meine Visage an“, sagte Waltz einmal. „Würden Sie mich für einen Otto-Normal-Verbraucher besetzen?“ Seit Mitte der 70er-Jahre steht Waltz auf der Bühne, seine Film- und Fernsehkarriere begann Anfang der 80er mit Serien wie „Tatort“ oder „Derrick“. Waltz, der häufig mit dem Kulturbetrieb hadert, lebt seit Jahren in London. Seine Ehe mit einer amerikanischen Psychotherapeutin ist mittlerweile geschieden.
Hollywood (dpa) - Bei der Oscar-Gala wurde Sandra Bullock als beste Hauptdarstellerin geehrt, einen Abend vorher nahm die 45-Jährige persönlich und mit Humor die „Goldene Himbeere“ als mieseste Darstellerin des Jahres entgegen. Die Verleiher hätten bestimmt nur für sie gestimmt wegen ihres Versprechens, tatsächlich zu erscheinen, witzelte sie. Normalerweise meiden Promis die Schmähpreisverleihung. Bullock wurde die zweifelhafte Ehre als aufdringliche Verliebte in „Verrückt nach Steve“ zuteil. Himbeere und Oscar werde sie „irgendwo nebeneinander auf ein nettes, kleines Regal stellen, die Himbeere vielleicht ein kleines bisschen tiefer“, sagte sie zuguterletzt. Mit dem Film „The Blind Side“ und der für sie ungewöhnlichen Rolle einer reichen Südstaaten-Lady, die einen schwarzen Jungen in ihre Familie aufnimmt und fördert, war die große Chance der in Nürnberg aufgewachsenen US-Schauspielerin gekommen, endlich ernst genommen zu werden. Trotz Oscar und Himbeere will sie weiterhin auch Komödien drehen: „Ich werde erneut Fehler machen, aber vielleicht finde ich auch einen Stoff, der funktioniert“, meinte sie gelassen.
Hollywood (dpa) - Kathryn Bigelow hat Filmgeschichte geschrieben: Als erste Frau gewann sie einen Oscar für die beste Regie. Zudem ist ihr Irak-Kriegsfilm „The Hurt Locker“ eigentlich ein klassischer Männerfilm. Doch in diesen Kategorien denkt sie nicht. „Ich sehe mich als jemanden, der Filme macht, und freue mich auf den Tag, wenn Mann oder Frau keine Rolle mehr spielt“, sagte die 58-Jährige. Sie hat seit jeher einen Hang zu Action, Thrillern und harten Typen. In „Blue Steel“ (1990) machte sie Jamie Lee Curtis als toughe Polizistin, die einen Serienkiller austrickst, zur Heldin. Ein Jahr später schleuste sie Keanu Reeves in „Point Break“ als Undercover-Agent in die Surfer-Szene ein. Produziert wurde der Film von ihrem damaligen Ehemann und jetzigen Oscar-Konkurrenten, dem „Avatar“-Regisseur James Cameron. Das Power-Paar hielt es nur zwei Jahre miteinander aus, doch seit der Scheidung 1991 sind sie noch gut befreundet. Cameron schrieb auch das Drehbuch für Bigelows Science-Fiction-Film „Strange Days“ (1995). Bigelow wuchs nahe San Francisco auf, schrieb sich zunächst an der Kunstakademie ein und wechselte dann zum Film.



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