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Denkerische Unruhe

Der Philosoph Ernst Tugendhat wird 80 Jahre alt - Fragen nach dem Tod und einem gelingenden Leben

  Ernst TugendhatFoto: dpa
 

Ernst Tugendhat Foto: dpa

 

Von Marc Herwig

Tübingen - Auf eine doktrinäre philosophische Richtung hat sich Ernst Tugendhat nie festlegen lassen. Eine „denkerische Unruhe“ treibt ihn sein ganzes Leben lang, sich immer neuen Themen zuzuwenden. Am kommenden Montag wird er, der zu den wichtigsten deutschen Philosophen zählt, 80 Jahre alt. Aus der Öffentlichkeit hat sich der in Tübingen lebende Wissenschaftler komplett zurückgezogen. Zwar ist er geistig fit, aber die Gesundheit macht ihm doch zu schaffen. Einige seiner Texte und Vorlesungen sind derweil längst in die Geschichte der Philosophie eingegangen.

Es war vor allem seine Arbeit zur sprachanalytischen Philosophie, die Tugendhat in Deutschland berühmt gemacht hat. Nach seinem Studium in den USA brachte er die angelsächsisch-analytische Schule nach Deutschland und wurde schließlich als Professor einer ihrer Hauptvertreter. „Das menschliche Verstehen lässt sich nur in Reflexion auf fundamentale sprachliche Strukturen erhellen“, lehrte er. Dabei bemühte er sich, die klassische und die analytische Philosophie zu verbinden: Die alten Fragen nach Sein, Bewusstsein und Welterfahrung wollte er mit neuen analytischen Methoden präziser bestimmen und damit auch der analytischen Philosophie zu einem Traditionsbewusstsein verhelfen. In den 80er-Jahren wandte sich Tugendhat verstärkt der praktischen Philosophie zu. Fragen nach Moral und Ethik beschäftigten ihn. Er betonte, dass sich moralische Maßstäbe nicht einfach aus der menschlichen Vernunft ableiten ließen: „Moral betrifft vielmehr menschliches Wollen.“ Wer sich selbst als Person achten wolle, der müsse sein Handeln an allgemein anerkannten moralischen Ansprüchen ausrichten, argumentierte er auf Basis der Vertragstheorie.

Auf diese Weise kam der Philosoph zur Friedensbewegung, in der er sich vor allem gegen den NATO-Nachrüstungsbeschluss, gegen den Golfkrieg und für ein großzügigeres Asylrecht engagierte. Entscheidend dabei ist für ihn, dass ein Mensch jeden anderen Menschen gleichermaßen achten müsse.

Als Kind eines jüdischen Elternhauses hatte Tugendhat erfahren, was es bedeutet, als ungleich zu gelten. Die Familie floh 1938 vor den Nationalsozialisten aus Brünn zuerst in die Schweiz, später nach Südamerika. Nach dem Krieg studierte Tugendhat an der Stanford-Universität in Kalifornien Klassische Philologie. Zum Studium der Philosophie Martin Heideggers kam er 1949 nach Europa zurück. Freiburg, Tübingen, Heidelberg, das Max-Planck-Institut in Starnberg, die Freie Universität Berlin - das waren seine wichtigsten Stationen, bis er 1992 wieder nach Südamerika ging, um in Santiago de Chile zu lehren. Seinen Abschied aus Deutschland verknüpfte er mit kritischen Bemerkungen zur Wiedervereinigung (für ihn ein „Anschluss Ostdeutschlands“) und zum „massiven Rückfall in den Fremdenhass“.

1998 kehrte Tugendhat nach Tübingen zurück, einen „Ort mit guten Bibliotheken“, an dem er seinen Lebensabend verbringen wolle. Dort beschäftigt er sich viel mit Fragen nach dem Tod. Für ihn sind das zugleich Fragen nach dem gelingenden Leben. Auch wenn er in den vergangenen Jahren kaum noch publizierte, hat er sich seine geistige Beweglichkeit in seiner Altbau-Wohnung im Zentrum Tübingens bewahrt. „Ich habe meine Meinungen immer wieder geändert“, sagte Tugendhat einmal rückblickend. „Das geht mir eigentlich mit allen Fragen so: Ich werde nicht fertig.“

 

Artikel vom 06.03.2010 © Eßlinger Zeitung

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