Die Sprache stirbt in Schokoküssen
Joachim Zelters neues Stück „Professor Lear“ lotet im Tübinger Zimmertheater Grenzen des Vouyeurismus aus
Tübingen - Die letzte Reise eines Gelehrten ins geistige Nichts zeichnet der Tübinger Schriftsteller Joachim Zelter in seinem neuen Stück „Professor Lear“ nach. Der ehemalige Esslinger Bahnwärter-Stipendiat, inzwischen Haus-Dramatiker am Tübinger Zimmertheater, setzt sich mit der Demenz eines fiktiven Philosophen auseinander, dessen Sprache Generationen von Studenten und Wissenschaftlern den Weg wies. Regisseur Christian Schäfer und sein Ensemble übersetzen den Verfall eines Mannes, dessen Name „Professor Eiger“ nicht nur zufällig eine monumentale Standhaftigkeit anklingen lässt, in Theater-Bilder, die nicht immer ganz schlüssig sind. Daran krankt die Regiearbeit, die - auch wegen der Längen des Textes - nicht zu einem dynamischen Tempo findet. Zwar wurde die Vorlage gekürzt, straffe Striche sind aber nicht zu erkennen.
Aufdringlich aktuell
Gut ein Jahr, nachdem Tilman Jens’ Buch über seinen dementen Vater, den brillanten Tübinger Rhetorik-Professor Walter Jens, weit über die Universitätsstadt hinaus für Schlagzeilen und für hitzige Debatten über die Grenzen des Voyeurismus sorgte, nähert sich Zelter dem Stoff auf der Bühne an. Das hat zunächst etwas aufdringlich Aktuelles. Dieser Kolportage-Charakter wird in Schäfers Regiearbeit vor allem durch die Nebenfiguren gestützt. Stellenweise gleiten ihnen vor allem Zelters Nebenfiguren in eine boulevardeske Leichtigkeit ab, die dem schwierigen Thema nicht gerecht wird. Moritz Peters’ speichelleckerischer Assistent und der karrieregeile Jung-Professor Werner Mönch (Robert Arnold) sind zu schemenhaft angelegt.
Das ist bei den Hauptfiguren jedoch anders. Sie zeichnet Zelter, der selbst promovierter Anglist ist, sensibel und tief. Darin liegt die Stärke der Uraufführung. Und so gelingen den Tübinger Schauspielern in der spießigen Wohnzimmer-Studierstube von Hella Prokophs Bühnenbild starke Porträts. Allen voran überzeugt der Professor, dessen tragische Fallhöhe der Dramatiker Zelter erschütternd zeigt. Die Anspielung auf Shakespeares alten König Lear ist da nicht übertrieben.
Seine Sprachkraft war das Rückgrat von Helmut Eiger, den der Schauspieler Vilmar Bieri vielschichtig darstellt. Er entlarvt die Hohlheit wissenschaftlicher Rituale, verheddert sich in Eitelkeit und macht schließlich den Verlust der Sprache erfahrbar. Im ersten Bild sitzt er mit Augenklappe und Bademantel in der Ecke - ein Zerrbild dessen, was den honorigen Wissenschaftler einst ausmachte. Seine Frau, der Nicole Schneider eine würdige Größe verleiht, redet sich in die Erinnerungen an eine bessere Zeit hinein. Nächtelang diskutierte sie mit ihrem Mann, debattierte über die Wissenschaft - schließlich opferte sie ihre eigene Karriere für den Mann, an dessen Seite sie ihren Lebensinhalt fand. In seinen guten Jahren wartete sie vergeblich auf ihn am Frühstückstisch, weil ihm seine geistige Arbeit stets wichtiger war. Später dreht sich ihre Kommunikation nur noch um Marmeladenbrote und Schokoküsse. Bitterer kann Lebenserfahrung kaum sein.
Sehnsucht nach Menschlichkeit
Eine Schlüsselrolle spielt Hannah Kobitzsch als Enkelin Cordelie. Als Anarcho-Punk mit grünen Haaren hat zwar auch ihr erster Auftritt etwas Klischeehaftes. Die junge Schauspielerin zeigt das Scheitern des einsamen Mädchens in der Akademiker-Familie aber so überzeugend, dass schnell deutlich wird: Hinter ihren rebellischen Auftritten steckt viel mehr. Wenn sie ihrem sabbernden Opa Süßigkeiten in den Mund stopft, siegt ihre Sehnsucht nach Menschlichkeit über einen Intellekt, der einst ebenso überlegen wie menschenverachtend war.
Die nächsten Vorstellungen: 5., 6. und 18. März.



