Ein europäischer Thriller
Die Badische Landesbibliothek in Karlsruhe zeigt für wenige Tage das neue „Weltdokumentenerbe Nibelungenlied“
Karlsruhe - Eher unscheinbar sieht es auf den ersten Blick aus, das aufgeschlagene und vergilbte Buch in der Glasvitrine. Leicht angestrahlt, vor einem gewaltigen Regal mit Sammelbänden und farbigen Ordnern. Und doch: Als „Nibelungenlied“ gehören die Seiten zu einem der kostbarsten Dokumente der Weltliteratur. Die Verse erzählen von Helden und von einem Drachentöter, von mutigen Frauen und blutigen Gemetzeln mitten in Europa. In dieser Woche wird die sogenannte Handschrift C in der Badischen Landesbibliothek für wenige Tage ausgestellt.
Das kostbare Exemplar erhält zeitgleich an diesem Donnerstag gemeinsam mit den beiden Handschriften A und B in München und St. Gallen den Unesco-Titel „Weltdokumentenerbe“. „Ein guter Grund, die Handschrift aus dem Tresor zu holen und allen zu zeigen“, meint Bibliotheksleiterin Julia Hiller von Gaertringen.
Wie Siegfrieds Irrweg
Der Codex aus ihrer Sammlung sei die älteste und für die Überlieferungsgeschichte des Liedes bedeutendste Handschrift, erklärt sie. Sein Lauf durch Hände und Bibliotheken verschiedener Besitzer erscheint wie Siegfrieds Irrweg durch die Wälder des Drachens: Nachdem das Lied im 16. Jahrhundert weitgehend in Vergessenheit geriet, wurde die Handschrift C im Jahre 1755 auf Schloss Hohenems in Österreich eher durch Zufall entdeckt. Später tauchte sie in Wien wieder auf, wo Joseph Freiherr von Laßberg sie 1815 ersteigerte. Der Ritter wusste den Wert des Stücks damals schon gut einzuschätzen: „Nein“, schrieb er über den Wettstreit mit einem englischen Mitbieter, „ehe ich dies zugebe, verkaufe ich mein letztes Hemd“. Sein Familienwappen prangt auf dem ersten Blatt der Handschrift.
Nach dem Tode Laßbergs führte der Weg der Handschrift von seinem Wohnsitz, der Meersburg, in die Fürstlich Fürstenbergische Hofbibliothek nach Donaueschingen - bis die Landesbank Baden-Württemberg und das Land das Werk im Jahr 2001 kauften. Für die Handschrift C, die wohl älteste der drei bedeutendsten Schriften, zahlten Land und Bank knapp 20 Millionen Mark (10,2 Millionen Euro). Der Unesco-Titel zeige, „wie richtig diese Entscheidung war“, meint Baden-Württembergs Kunststaatssekretär Dietrich Birk (CDU).
Die Schrift aus dem 13. Jahrhundert wird in Karlsruhe gehütet wie ein Schatz - bei etwa 20 Grad, 55 Prozent relativer Luftfeuchtigkeit und alarmgesichert in der „Schatzkammer“ der Landesbibliothek. Erwähnt wird die badische Region in der Erzählung um den unbesiegbaren Siegfried und den Niedergang der Burgunden nicht. „Deshalb ist das Interesse an den Nibelungen auch vor allem in Städten wie Worms oder Xanten zu finden“, erklärt Bibliothekschefin von Hiller. Die Nachfrage sei nach wie vor sehr groß. „Vor allem die modernen Aufarbeitungen auf den Bühnen oder im Fernsehen führen dazu, dass die Geschichte präsent bleibt.“
Liebe zur Königstochter Kriemhild
Über Jahrhunderte wurde die Nibelungen-Geschichte um Siegfried und seine Liebe zur Königstochter Kriemhild mit historischen Persönlichkeiten wie Theoderich vermengt und von einer Generation zur nächsten getragen. Um das Jahr 1200 soll Siegfrieds Lied dann zum ersten Mal von einem unbekannten Dichter in mittelhochdeutscher Sprache auf Pergament geschrieben worden sein. Es besteht aus etwa 2400 Strophen und ist als Zweiteiler angelegt: Im ersten Teil des Sagenstoffs geht es um Siegfrieds Tod, der zweite erzählt von Kriemhilds Rache. Die „Bühne“ für die Handlung reicht vom Reich der Burgunden am Rhein, quer durch das heutige Deutschland bis hinein nach Ungarn, den Ort des finalen Gemetzels. Nicht nur der Schauplatz Worms, sondern auch Siegfrieds vermeintliche Todesstätte Odenwald und das Kloster Lorsch der Königswitwe Ute in Südhessen finden ihren Platz.
„Es ist gut, dass das Lied wahrgenommen wird als ein Text, der uns allen in Europa wichtig ist“, sagt Ute Obhof. Sie betreut in Karlsruhe Laßbergs Nachlass und weitere überwiegend deutschsprachige Handschriften des Donaueschinger Adelshauses Fürstenberg. „Das Lied ist nicht deutsch, dazu haben es erst die Nationalsozialisten gemacht“, ist sie überzeugt.
Die Handschrift ist von diesem Donnerstag an bis Sonntag, 31. Januar, im Lesesaal Sammlungen der Badischen Landesbibliothek täglich von 10 bis 22 Uhr zu sehen.



