Schmelztiegel der Zivilisationen

2010 hat Europa gleich drei Kulturhauptstädte: Essen, Pécs und Istanbul

 


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Von Andreas Heimann und Carsten Hoffmann

Nach Linz und Vilnius 2009 gibt es 2010 gleich drei Kulturhauptstädte Europas, da zusätzlich zu dem regelmäßigen Hauptstadtpaar aus einem alten und einem neuen Mitgliedsland erstmals auch ein Bewerber aus einem Nicht-EU-Mitglied ausgewählt wurde. So spannt sich im kommenden Jahr der Bogen der Kulturhauptstädte Europas von der 13-Millionen-Einwohner-Metropole Istanbul über die Industriestadt Essen, die ihre Aktivitäten in der ganzen Ruhr-Region mit rund 5,3 Millionen Einwohnern entfalten will, bis hin zu Pécs, der an kulturellem Erbe reichen fünftgrößten Stadt Ungarns mit ihren rund 170 000 Einwohnern. Ein handfester Korruptionsskandal und Streit um das Programm haben die Vorbereitungen Istanbuls auf die Rolle als Kulturhauptstadt 2010 monatelang überschattet. Doch im neuen Jahr will sich die türkische Millionen-Metropole als „anregendste Stadt der Welt“ präsentieren. Istanbul kann dabei auf ein reiches Erbe aus unterschiedlichen Epochen bauen. Türkische Künstler kritisieren aber, die Stadt dürfe sich nicht nur von ihrer historischen Seite zeigen.

 

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„Sie ist ein lebendes Beispiel für das Verschmelzen der Zivilisationen und hat dabei verschiedene Kulturen, Religionen und Sprachen zu einer dauerhaften Einheit geformt“, hatte der türkische Regierungschef Erdogan geschrieben, um die Bewerbung der kulturell und wirtschaftlich bedeutendsten Stadt seines Landes zu unterstützen.

Es ist schon zahlenmäßig ein ungleiches Trio, denn Istanbul hat mindestens zwölf Millionen Einwohner und zieht bereits jetzt sieben Millionen Besucher im Jahr an. Als Brücke zwischen Asien und Europa ist Istanbul Begegnungsstätte der Zivilisationen. Diese haben ein reiches kulturelles Erbe hinterlassen, das über Touristenmagneten wie die Blaue Moschee, die Hagia Sophia und den Topkapi-Palast hinausgeht.

„Hauptstadt des Kitsches“

Auch die Bewohner Istanbuls sollen ihre Stadt und die Schönheiten nun wiederentdecken, wie der Vorsitzende des Vorbereitungskomitees, Sekib Avdagic, sagt. Aus mehr als 2200 Vorschlägen wurden 451 Projekte bewilligt, darunter Ausstellungen, Tanz, Theater und Konzerte. Außerdem wurden Teile der historischen Gebäude restauriert. Enttäuschung wurde aus den Reihen derjenigen laut, die Istanbul nicht als lebendes Museum, sondern als Stadt im Aufbruch zeigen möchten.

Das Vorbereitungskomitee hat in den letzten Monaten von mehreren Seiten Feuer bekommen. Ein Vorwurf lautet, es seien öffentliche Kassen geplündert worden. „Hauptstadt der Korruption“, schrieb die Tageszeitung „Habertürk“, nachdem ein amtlicher Bericht öffentlich wurde: Der erste Chefplaner des Kulturjahres, Nuri Colakoglu, soll in Personalunion Projekte beantragt, bewertet und bewilligt haben. Er musste zurücktreten. „Hauptstadt des Kitsches“, schrieb ein anderer Kommentator, der sich über Missmanagement und Volkstümelei beklagte.

Glückauf und Hochkultur

Die Tribüne unter freiem Himmel auf Essens Zeche Zollverein steht schon und Ruhr.2010-Chef Fritz Pleitgen wünscht sich drei Mal täglich gutes Wetter für den 9. Januar: Mit einem Fest in der stillgelegten Großzeche startet dann nach drei Jahren Vorbereitung das Kulturhauptstadtprogramm im Ruhrgebiet. Essen und 52 Revierkommunen von Sonsbeck am Niederrhein bis Hamm in Westfalen wollen zeigen, dass sie nicht nur graue Industrieregion „tief im Westen“ sind, sondern ein moderner Ballungsraum mit einer europaweit wohl einmaligen Ansammlung von Theatern, Museen und Kultureinrichtungen.

300 Projekte haben Pleitgen und sein inzwischen auf 100 Leute angewachsenes Organisationsteam zusammengestellt. 2500 Veranstaltungen sind geplant, darunter Volkstümliches wie ein Kulturtag an Biertischgarnituren auf der gesperrten Ruhrgebietsautobahn A 40 mit Stegreiflesungen und Posaunenchor oder ein gemeinsamer „Day of song“ in allen Ruhrgebietsstädten mit abschließendem 65 000-Stimmen-Konzert im Stadion auf Schalke. Dabei darf „Glück auf, der Steiger kommt“ natürlich nicht fehlen. Künstlerisch Hochstehendes gibt es gleich daneben im Programm, etwa die Homer-Neuinterpretationen aller Ruhr-Theater („Odyssee Europa“) oder die Konzertreihe rund um den zeitgenössischen Komponisten Hans Werner Henze.

„Wir wollen den Mythos Ruhr suchen und damit unsere eigenen Wurzeln“, sagt der gebürtige Duisburger und ehemalige WDR-Intendant Pleitgen: Die Identität einer Region mit 5,3 Millionen Menschen aus weit über 100 verschiedenen Ländern, die nach mehreren Einwanderungswellen und nicht ohne Konflikte durch harte Arbeit zusammengewachsen sind.

Manches, aber nicht alles an diesem Bild ist Klischee: Zechen gibt es zwar nur noch fünf im Ruhrgebiet - die nächste schließt im Herbst des Kulturhauptstadtjahres in Hamm -, aber viele Menschen an der Ruhr lieben weiter die klare Sprache der Kumpel unter Tage und messen den Nachbarn an seinen Taten und nicht am Farbton der Haut. So gilt etwa Duisburg mit der bundesweit größten Moschee im Arbeiterviertel Marxloh als ein Vorzeigeprojekt für friedliches Zusammenleben von Christen und Moslems.

„Melez“ („Mischling“) ist auch eines der Leitprojekte des Festivals. Um die „Kunst des Zusammenlebens“ besser zu verstehen, reist ein Kulturzug mit Kunst, Tanz, Musik aus den Kulturen Europas durchs Revier, gleichzeitig laufen öffentliche Diskussionen und Seminare zum Thema Integration in der Bochumer Jahrhunderthalle.

Plyeitgen will in der Arbeiterregion Ruhrgebiet ein für alle verständliches Programm. Deshalb wird auch Integration direkt vermittelt, etwa durch eine vergleichende Modeschau mit Kollektionen aus sechs Ländern und ein internationales Kochprojekt. Dabei tauschen alte Menschen von der Ruhr und aus der ungarischen Kulturhauptstadt Pécs Rezepte aus. Es wird nicht nur geredet, sondern später auch gekocht und öffentlich aufgetischt.

Die Kulturhauptstadt hat an der Ruhr einen Bauboom mit allein 120 Millionen Euro an Landes- und Eu­ropa-Fördergeldern ausgelöst. Jahrzehntelang aufgeschobene Projekte wie die Renovierung der Bahnhöfe in Essen und Dortmund wurden endlich angepackt, für Millionensummen entstehen fünf Besucherzentren, die auch nach 2010 Ruhrgebietsbesucher leiten werden. Dortmund bekommt das 46 Millionen Euro teure Kulturzentrum „U“, Hagen ein neues Museumszentrum, und in Essen hat die Krupp-Stiftung 55 Millionen Euro für ein neues Folkwang-Museum auf den Tisch gelegt, das Ende Januar Eröffnung feiert.

Der Glanz der Neubauten kann aber nicht verdecken, dass die Wirtschaftskrise auch in die 2010-Planungen ein großes Loch gerissen hat. Viele potenzielle Sponsoren zeigten sich unerwartet knausrig. Für die 53 Teilnehmerstädte musste das Land extra ein 10-Millionen- Sonderprogramm auflegen, weil viele im Nothaushalt operieren und gar keine Sonderausgaben für ihre Kulturbeiträge einplanen durften.

Angesichts der knappen Kassen musste mit der Öffnung der Zeche Zollverein 1000 Meter tief unter Tage für Besucher ein Schlüsselprojekt begraben werden, im Oberhausener Gasometer, einem der populärsten Punkte des Ruhrgebiets, wurde eine groß angelegte Religionenausstellung gestrichen, zu der Optimisten am liebsten den Papst und den Dalai Lama gesehen hätten. In Bochum stand das Projekt „Platz des europäischen Versprechens“ des bekannten Konzeptkünstlers Jochen Gerz erst ganz auf der Kippe, weil die Stadt die Vorstellungen des Künstlers nicht bezahlen konnte. Jetzt soll es abgespeckt fortgesetzt werden.

Das Unfertige als Tugend

Alles in allem zeigt Pleitgen sich wenige Tage vor der Eröffnung dennoch zufrieden: „Wir haben eine Punktlandung im Schlamassel hingelegt.“ Der 62,5 Millionen-Euro-Etat der Kulturhauptstadt steht, immerhin elf Millionen Euro plus fünf Millionen Euro an Sachleistungen kommen von Sponsoren. Gerettet wurde auch das Vorzeigeprojekt „Schachtzeichen“ mit großen gelben Gasballons über den ehemaligen Förderanlagen im ganzen Revier. Aus dem Weltall fotografiert, sind einmalige Bilder zu erwarten. Und dass im Ruhrgebiet vor lauter Kohlenstaub angeblich die Wäsche beim Trocknen auf der Leine schwarz wird - dieses Klischee will Pleitgen nach einem Jahr Kulturhauptstadt endgültig überwunden wissen.

Auf dem Szechenyi-Platz der südungarischen Stadt Pécs (Fünfkirchen) wird Tag und Nacht durchgearbeitet. Akkordtempo ist angesagt, denn bis zur Jahreswende muss der renovierte Platz im Herzen der Stadt fertig sein. Auch sonst brummt und dröhnt es in der ganzen Stadt vom umtriebigen Herumfuhrwerken der Bagger und Kräne. Denn so, wie der große Tag naht, ist klar, dass - von der Stadt-Verschönerung im Zentrum abgesehen - so gut wie nichts bis zum 10. Januar, dem Termin der offiziellen Eröffnung, fertig sein wird. In den Planungsjahren zuvor hatten bei den Verantwortlichen schiere Inkompetenz und Chaos geherrscht. Für die Verwaltung der 160 000- Seelen-Stadt hatte sich der Kulturhauptstadt-Auftrag als eine Schuhnummer zu groß erwiesen. Drei Programmdirektoren wurden verschlissen, die Bauarbeiten viel zu spät begonnen. Jetzt erhebt man eben das Unfertige zur Tugend.

Dabei ist das, was irgendwann einmal entstehen wird, durchaus beachtenswert. So etwa die Rundum-Erneuerung des Viertels um die ehemalige Porzellanmanufaktur Zsolnay. Sie ist ein ebenso spektakuläres wie derzeit noch verfallenes Industriedenkmal vom Ende des 19. Jahrhunderts. Die Familie Zsolnay, deren Produkte für jeden Porzellanfreund ein Begriff sind, zelebrierte ihr aufstrebendes Bürgertum. Selbst die Fabrikschlote verzierte man mit kunstvollen Sockeln und Keramiken. Ihre edlen Villen stellten die Fabrikherren mitten aufs Werksgelände, den Quell ihres Reichtums. Jetzt soll hier auf 3,5 Hektar ein neues Künstler- und Studentenviertel entstehen, mit einer eigenen Kunsthalle, Ausstellungsräumen, Ateliers, Wohnungen für Kunststudenten und Grünflächen.

Eine neue Heimstätte wird hier auch eine der bedeutendsten Zsolnay-Privatsammlungen der Welt finden. Der ungarischstämmige amerikanische Zsolnay-Liebhaber Laszlo Gyugyi überlässt seine rund 600 Prachtstücke im Stil des Historizismus und der Art nouveau der Kulturhauptstadt. „Wir wollen, dass Pécs zu einem interregionalen kulturellen Zentrum wird, mit Ausstrahlung nach Kroatien, Bosnien, Serbien und Rumänien“, meint Programmdirektor Csaba Ruzsa. Starke Bindungen bestünden aber auch zu Deutschland, weil in der Stadt und in ihrer Umgebung noch Tausende Angehörige der deutschen Volksgruppe leben. Zur offiziellen Eröffnung in gut einer Woche wird es auf dem Szechenyi- Platz dann einen großen Umzug mit 400 Schulkindern geben, angeführt von überlebensgroßen Puppen. Damit sollen die abwechslungsreiche Geschichte der Stadt und ihre vielfältige kulturelle Offenheit demonstriert werden.

Viel Geld von der EU

Der Kulturhauptstadt-Titel bedeutet aber insbesondere viel Geld, das zu 85 Prozent von der EU kommt. Zehn Prozent muss die Stadt aufbringen, fünf Prozent die Republik Ungarn. Für 125 Millionen Euro wird die Stadt um- und neugebaut, weitere 32 Millionen Euro wendet man für die Programme des Hauptstadtjahres auf. Nicht nur die Zsolnay-Manufaktur soll in neuem Glanz erstrahlen, sondern auch der barocke und Renaissance-Stadtkern. Neu gebaut werden eine große Konzerthalle und eine zeitgemäße Bibliothek. Die Stadt ergreift das Glück beim Schopf, um sich neu zu erfinden, um sich zu europäisieren - wenn auch mit gehöriger Verspätung. Die Konzerthalle wird erst im Oktober 2010 fertig, das Zsolnay-Viertel gar erst am 1. Januar 2011, wenn die Lichter des Kulturhauptstadtjahres eben erst verloschen sein werden.

Artikel vom 02.01.2010 © Eßlinger Zeitung

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