Online durch die Jahrhunderte

Das Landesarchiv Baden-Württemberg als Kompetenzzentrum digitaler Erinnerungskultur

 


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Von Thomas Krazeisen

So oder ähnlich könnte nach dem Willen von Historikern und Familienforschern wohl auch das ideale Archiv aussehen: In der „unendlichen Bibliothek“ des argentinischen Autors Jorge Luis Borges sind alle Bücher des Universums vereint und einsehbar, jedes mit jedem vernetzt und mit Verweisen auf zahllose andere versehen. Noch nie in ihrer Geschichte war die Menschheit diesem uralten Traum eines allumfassenden Wissensspeichers so nahe wie heute. Die Digitalisierung von Büchern und Archivmaterial macht den heimischen PC zunehmend zur historischen Forschungsstelle. Doch es ist nicht nur die schöne neue Welt des digitalen Fortschritts, sondern auch die hässliche Seite moderner Stadtplanung, die zuletzt jener speziellen Gruppe von Historikern unerwartete öffentliche Aufmerksamkeit bescherte, an deren Image lange Zeit, wenn auch zu Unrecht, der Staub ihrer Magazine klebte. Der Einsturz des historischen Kölner Stadtarchivs im März dieses Jahres hat, ähnlich wie schon die verheerende Brandkatastrophe in der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar im September 2004, die Vergänglichkeit der institutionalisierten Unvergänglichkeit ins Bewusstsein gerufen.

 

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Für die Archivarszunft selbst hat das einschneidende Kölner Ereignis vor allem die Notwendigkeit einer besser koordinierten und umfangreicheren Sicherung von Archivgut über die Bundesländergrenzen hinweg bestätigt. Risikomanagement, Schadensprävention, Notfallpläne und länderübergreifende Notfallverbünde für Archive sind denn auch die Schlüsselbegriffe der „Kölner Erklärung“, die der Verband deutscher Archivarinnen und Archivare (VdA) jetzt verabschiedete. Auf seinem soeben zu Ende gegangenen Archivtag hat sich der Verband einer Standortbestimmung in eigener Sache angesichts der aktuellen Revolution des Wissens und der Wissensmedien unterzogen: „Archive im digitalen Zeitalter“ lautete das Motto des 79. Deutschen Archivtags in Regensburg.

„Kölner Erklärung“

Robert Kretzschmar, Präsident des Landesarchivs Baden-Württemberg und VdA-Vorsitzender, spricht von einer „epochalen Wende“, die sich für die Archivarbeit durch die Digitalisierung ergibt. Dabei seien „heute sämtliche Arbeitsfelder unmittelbar von der Entwicklung betroffen“. Die Bandbreite der in den verschiedenen Abteilungen des Landesarchivs aufbewahrten Dokumente reicht von der mittelalterlichen Schenkungsurkunde über jüngere Datenbestände der Justiz-, Polizei- oder Umweltbehörden bis hin zu Nachlässen von Personen der Zeitgeschichte, fotografischen Sammlungen und Unterlagen von Stiftungen.

Dabei nehmen von vornherein körperlos produzierte Unterlagen - das sogenannte born digital material, darunter ganze Webseiten oder Datenbanken von der Lebensmittelüberwachung bis hin zum Umweltschutz - einen immer größeren, nunmehr virtuellen Raum im Landesarchiv ein. Mithilfe einer dort eigens entwickelten Software werden diese „entdinglichten“ Archivalien in sogenannten Digitalen Magazinen so aufbereitet, dass sie bequem genutzt und zugleich dauer­haft gesichert werden können.

Zug um Zug sollen nun in den nächsten Jahren die klassischen papierenen wie die digitalen Bestände des Landesarchivs Baden-Württemberg im Netz verzeichnet werden - „und zwar zu 100 Prozent“, wie Kretzschmar betont. Ein ehrgeiziges Ziel, doch schon heute sind mehr als ein Drittel der Bestände des baden-württembergischen Landesarchivs über sogenannte Online-Findbücher nachgewiesen.

Eine lückenlose Digitalisierung des analogen Archivguts selbst hält Kretzschmar auf absehbare Zeit schon aus finanziellen Gründen für nicht machbar. Rund 135 laufende Kilometer, unzählige Einzeldokumente, müsste man in das neue Medium überführen. „Realistisch betrachtet sind in naher Zukunft ein bis zwei Prozent des Archivgutes digitalisierbar“, so Kretzschmars Perspektive. Mit rund einer Million online verfügbarer Digitalisate liegt das Landesarchiv Baden-Württemberg mit an der Spitze im bundesdeutschen Vergleich.

Kretzschmar verweist aber auch auf die praktischen Grenzen des Machbaren. Eine Massendigitalisierung sei vorerst schon deshalb nicht unbedingt erforderlich, weil der Zugriff auf viele Akten faktisch „nur alle paar Jahre“ erfolge. Umgekehrt wird man bei besonders häufig benutzten Archivalien zu deren Schutz heute dem Nutzer eher das Digitalisat, also das virtuelle Faksimile, anbieten - etwa bei älteren Urkunden, an denen gleich mehrere Siegel hängen.

Vor der Nutzbarmachung des Archivguts - sei es für den User des Online-„Lesesaals“ oder den Besucher des real existierenden zum Beispiel in der Stuttgarter Adenauerstraße - steht freilich noch immer ein von der Öffentlichkeit kaum beachteter, in seiner Bedeutung für die zu historischen Quellen gerinnenden Dokumente aber grundlegender Vorgang, nämlich die Auswahl der anfallenden Dokumente. Angesichts der anschwellenden analogen und erst recht der digitalen Datenflu­ten hat der Archivar als erstes über deren Archivwürdigkeit zu ent­scheiden.

Der Archivar als professioneller Verwalter der Akten muss also genau zu dem Zeitpunkt hellwach sein, an dem diese aus dem bürokratischen Tagesgedächtnis ausscheiden, um ihnen, sofern ihre Authentizität und damit die Verlässlichkeit des Bestandes als gesichert gelten können, sozusagen zur „Unsterblichkeit“ einer Archivalie zu ver­helfen.

Politische Brisanz

Auch wenn im Aussonderungsprozess die herkömmliche Inaugenscheinnahme der Akten im Blick auf ihren bleibenden Wert, durchaus noch in Übung ist, kann es sich der Archivar heute in der Regel nicht mehr leisten, so lange zu warten, bis Akten „archivreif“ sind. „Heute müssen wir schon beim Entstehungsprozess der Unterlagen präsent sein“, betont Robert Kretzschmar, „das heißt von Anfang an unsere Interessen mit einbringen - technisch, aber auch inhaltlich“. Dass in den vermeintlich verstaubten Aktenbergen bisweilen brisante Informationen schlummern, hat jüngst der Fall Karl-Heinz Kurras gezeigt: Entdeckt wurde, dass der Berliner Polizeibeamte und Todesschütze Benno Ohnesorgs Stasi-Mitarbeiter war.

Aus der Verpflichtung des Archivars, behördliche Vorgänge der Öffentlichkeit mit größtmöglicher Transparenz darzustellen, ergibt sich für Kretzschmar nicht zuletzt eine eminent politische Dimension für das Archiv, „auch ein Garant der Demokratie zu sein und Rechtsstaatlichkeit zu gewährleisten“.

Eine der größten Herausforderungen ist die Langzeitsicherung digitaler Unterlagen mit Hilfe des sogenannten Digitalen Magazins. Wer seine Diplom- oder Examensarbeit vor noch nicht allzu langer Zeit auf 5,25-Zoll-Floppys abspeicherte, kennt dieses Problem, sobald er das Dokument auf einem PC der jüngeren Generation, der zumeist ohne ein entsprechendes Diskettenlaufwerk ausgestattet ist, lesen möchte.

Der Archivar hat erst recht mit dem Problem veralternder Trägerme­dien - der sogenannten Daten-Migration - zu kämpfen. Das archivische Original wird schon deshalb, von seiner Aura ganz zu schweigen, auch im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit keineswegs überflüssig. Da die digitale Zukunft nicht nur einem Speichermedium gehören wird, sind permanente Sicherungen auf der jeweils höchsten technologischen Ebene unerlässlich. Diese Crux wiederum beschert dem guten alten Mikrofilm eine Art Renaissance. „Denn noch immer ist er das wirtschaftlichste und zugleich das sicherste Medium, wenn es um die Langzeitverfügbarkeit von Archivmaterial geht“, erklärt Gerald Maier, Archivdirektor und Leiter des Referats „Informations- und Kommunikationstechnologie, Elektronische Dienste“ beim Landesarchiv. Zwar werde die Digitalisierung von Archivgut künftig immer mehr an Bedeutung gewinnen und digitales Archivgut das Nutzungsmedium der Zukunft sein, ist Maier überzeugt. Doch er warnt vor überzogenen Erwartungen: „Es wäre falsch, die Digitalisierung gewissermaßen als Allheilmittel zur Lösung der anstehenden Probleme in den Archiven zu betrachten.“

Der Mikrofilm ist für ihn vor allem deshalb erste Wahl als Langzeit-Speichermedium, weil er bis zu 1000 Jahren hält. Diesen Vorzug macht sich nicht zufällig der Bund schon seit Jahrzehnten zunutze: Gemäß der 1954 verabschiedeten Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut, die eine Sicherungsverfilmung von Archiv- und Bibliotheksgütern vorsieht, lagern heute im sogenannten Barbarastollen im Südschwarzwald rund 1400 Edelstahlbehälter, in denen das seit 1961 gefertigte Sicherungsfilmmaterial in staub- und schadstofffreier Umgebung verwahrt wird.

Techniken ergänzen sich

Der langzeitstabile Mikrofilm, erläutert Maier, biete zugleich eine geeignete Basis für die Digitalisierung. In der Praxis der Bestandssicherung werden heute Digitalisierung und Mikroverfilmung kombiniert - „die Techniken werden nicht gegeneinander ausgespielt, sondern ergänzen sich“, betont Maier. So gebe es Fälle, wo es Sinn mache, digital vorliegendes Material zur Langzeiterhaltung auf Mikrofilm zu konvertieren, um es bei Bedarf zu redigitalisieren. Umgekehrt kann die Digitalisierung auch beim „Lifting“ älterer, qualitativ weniger guter Mikrofilme wertvolle Hilfe leisten. Auch im Fall des Kölner Stadtarchivs lagen ältere Bestände bereits verfilmt vor. Mit Hilfe von Rollfilmscannern lassen sich heute solche Filme automatisch in digitale Faksimiles überführen. Allerdings schränkt der Stuttgarter Archivdirektor ein: „Die Aufnahmen lassen sich technisch zwar verbessern, aber nur in bestimmten Grenzen“.

Ein besonderes Problem stellen farbige Vorlagen dar, also etwa Urkunden mit Siegeln. Hier kann ein zweistufiges Verfahren Mittel der Wahl sein, bei dem zunächst ein hochauflösendes Digitalisat erstellt wird, welches anschließend auf langzeithaltbaren Farbmikrofilmen ausbelichtet wird.

Auf diesem heiklen Feld leistet das Landesarchiv Baden-Württemberg quasi Pionierarbeit, denn im Auftrag des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe ist dort ein Pilotprojekt angesiedelt, bei dem ein spezieller Laserbelichter entwickelt worden ist, der nun die Ausbelichtung hochwertiger Digitalisate auf Farbmikrofilmen ermöglicht. „Hier kommen zweifellos die Stärken des digitalen Verfahrens zum Tragen“, so Gerald Maier.

Auch in Maiers eigener Funktion spiegelt sich die Wandlung des Archivars alter Schule mit eher landesbezogenem beziehungsweise kommunalem Horizont zu einem vernetzt agierenden hochmodernen Dienstleister zunehmend globalisierter Wissens- und Informationsmärkte. Denn der promovierte Historiker ist nicht nur auf Länderebene für die „Digitalisierung und Online-Zugänglichkeit kulturellen Materials und dessen digitale Bewahrung“, wie es im Fachjargon heißt, zuständig. Er vertritt in diesen Fragen zudem die Interessen der Bundesländer, also der Inhaber der Kulturhoheit in Deutschland, auf europäischer Ebene.

Europäisches Gedächtnis

Auch bei der Anbindung der Archive an die großen nationalen und internationalen digitalen Pforten kommt Maiers Referat eine Vorreiterrolle zu. Er selbst ist maßgeblich an der Einrichtung eines interdisziplinären Kompetenznetzwerks für den Aufbau der „Deutschen Digitalen Bibliothek“ (DDB) beteiligt, unter deren Dach künftig die Datenbanken von über 30 000 Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen in Deutschland vernetzt und durch spezielle Suchwerkzeuge erschlossen werden sollen: eine virtuelle Umsetzung der Humboldtschen Vision einer institutionell zusammenwachsenden Bildungslandschaft.

Die DDB wiederum ist, salopp formuliert, zugleich ein deutscher Zulieferer der „Europäischen Digitalen Bibliothek“. Die „Europeana“ ist im November 2008 vom Präsidenten der Europäischen Kommis­sion, José Manuel Barroso, freigeschaltet worden und hat bei ihrer Premiere vor allem durch einen Serverzusammenbruch von sich reden gemacht. Inzwischen wurden die Kapazitäten erheblich vergrößert, so dass die bislang eingestellten gut viereinhalb Millionen Objekte - vor allem Fotos, Gemälde, Filme und Bücher - problemlos im Internet zugänglich sind. Bis 2010 sollen es zehn Millionen sein. Das Landesarchiv Baden-Württemberg hat übrigens - als einziges Archiv in Deutschland - schon jetzt 64 000 Digitalisate aus zwei Dutzend Beständen dieser internationalen Plattform zur Verfügung gestellt, darunter kostbar illuminierte Urkunden und die renommierte Fotosammlung Willy Pragher.

Das Archiv der Zukunft, das städti­sche ebenso wie das staatliche, wird somit in zunehmendem Maße Teil eines nationalen, ja des euro­päischen oder gar globalen „Langzeitgedächtnisses“. Die Wissensgesellschaft von morgen will nicht nur in Archiven ohne Mauern, sondern auch ohne Grenzen stöbern. Ein solches unterschiedliche Sammlungen und Sparten verknüpfendes digitales Großprojekt inklusive Hyperlinks und Metadaten, das zugleich den Organisationsprinzipien der beteiligten Institutionen Rechnung tragen muss, braucht vor allem eine leistungsfähige Informationsinfrastruktur, soll es seinem „Gedächtnisauftrag“ effizient, also nutzerorientiert gerecht werden.

Das alles kostet Geld, viel Geld. Die EU stellt jährlich zwei Millionen Euro für den Unterhalt ihrer kulturellen Online-Plattform zur Verfügung, die nicht unerheblichen Kosten für die Digitalisierung tragen die EU-Staaten, in Deutschland also vor allem die Länder. Doch der unermessliche Beitrag der Archive zur Erschließung, Vermittlung und Bewahrung einer unerschöpflichen Fülle von in Jahrhunderten gewachsenen Zeugnissen abendländischen Selbst- und Weltverständnisses ist ohne Alternative: als Sicherung der kulturellen und historischen Iden­tität.

www.landesarchiv-bw.de

Artikel vom 02.10.2009 © Eßlinger Zeitung

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