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„Ich wollte es ihnen zeigen“

Erst von den Nazis als Alibi-Jüdin missbraucht, dann bei den Olympischen Spielen gesperrt: Neuer Film erinnert an Gretel Bergmann

  Gretel Bergmann, heute 95 Jahre alt, war 1936 die beste deutsche Hoch­springerin.Foto: dpa
 

Gretel Bergmann, heute 95 Jahre alt, war 1936 die beste deutsche Hoch­springerin. Foto: dpa

 

Von Nada Weigelt

New York/Berlin - Olympische Spiele Berlin, 1936. Die Jüdin Gretel Bergmann, damals beste deutsche Hochspringerin, hat einen Alptraum, immer und immer wieder. „Was tue ich, wenn ich gewinne? Ich kann nicht aufs Podium und die Hand zum Hitler-Gruß heben. Unmöglich.“ Nächtelang quält sie sich mit dem Gedanken, sie kommt zu keinem Schluss. Doch die Nazis nehmen ihr die Entscheidung auf eine perfide Weise ab: Sie schließen die Medaillenfavoritin in letzter Minute von den Spielen aus.

Der Film „Berlin 36“, der heute in Berlin Premiere hat und am 10. September in die Kinos kommt, schildert das lange vergessene Schicksal der jüdischen Hochleistungssportlerin, die heute in New York lebt und aus Laupheim bei Ulm stammt. 95 Jahre alt ist sie inzwischen, schlank und fit, mit einem schönen, altersweisen Gesicht. Wenn sie erzählt, bekommen die Augen trotz aller Dunkelheit in ihrem Leben tausend winzige Lachfältchen.

Im Club nicht mehr erwünscht

1914 als Tochter eines wohlhabenden jüdischen Unternehmers geboren, entdeckt sie früh ihre Leidenschaft für den Sport. Doch schon kurz nach Hitlers Machtergreifung 1933 fangen die Schikanen an. Ihr langjähriger Trainer teilt ihr kurz und bündig mit, sie sei im Club nicht mehr erwünscht. „Es war schrecklich. Die Juden wurden behandelt wie Aussätzige, wie Dreck. Unsere besten Freunde sind auf der Straße an uns vorbeigegangen und haben so getan, als hätten sie uns noch nie gesehen.“

Ein halbes Jahr später geht sie nach England. Sie sucht eine Schule, auf der sie ihre Ausbildung abschließen kann. Mit Erfolg beginnt sie eine neue Sportkarriere. Doch dann beordern die Nazis sie unerwartet zurück: Die USA haben gedroht, die Olympischen Spiele wegen der Judenhetze in Deutschland zu boykottieren. Jetzt sucht die NS-Propagandamaschinerie nach einer Alibi-Jüdin. „Ich war eine Fata Morgana. Sie haben mich nur als Lockvogel für die Amerikaner benutzt“, sagt Bergmann. „Ich wusste es eigentlich von Anfang an, dass sie mich nicht starten lassen. Aber ich wollte es ihnen zeigen. Ich wollte ihnen zeigen, dass eine Jüdin genauso gut sein kann wie jeder andere - und manchmal vielleicht besser.“

Sie muss in die „Kernmannschaft“, um das Täuschungsmanöver mitzuspielen. Angestachelt von ihrer Wut trainiert sie wie eine Wilde und stellt schließlich auf der „Adolf-Hitler-Kampfbahn“ in Stuttgart den damaligen deutschen Rekord von 1,60 Meter ein.

Doch dann kommt der Schock: Kaum hat die amerikanische Olympia-Mannschaft in New York das Schiff nach Deutschland bestiegen, bekommt Gretel Bergmann einen Brief. Ihre Leistungen seien nicht ausreichend, um sie zum Start zuzulassen, befindet der Reichssportführer. Stattdessen wird ihr die Karte für einen Stehplatz angeboten. Deutschland tritt bei den Spielen mit zwei statt mit drei Hochspringerinnen an. Die Goldmedaille geht für Bergmanns Marke von 1,60 Meter an eine Ungarin, Bronze erhält die „arische“ Leichtathletin Elfriede Kaun. Den Teamkollegen von Bergmann wird erzählt, sie könne wegen einer Verletzung nicht antreten. Kurz darauf verlässt Gretel Bergmann Deutschland und geht nach New York. Als sie am 1. September 1939 im Radio vom Kriegsbeginn in Europa hört, gibt sie den Leistungssport für immer auf.

Ohne Hass leben

Zwei Dinge hat sich die junge Emigrantin bei ihrer Flucht geschworen: nie mehr deutschen Boden zu betreten und nie mehr ein Wort Deutsch zu sprechen. Ihre Familie kann sie später in die USA nachholen, aber 30 Verwandte ihres Mannes werden in der Vernichtungsmaschinerie der Nazis umgebracht. Trotz allem: 1999 bricht Gretel Bergmann ihren Schwur und kehrt erstmals in die schwierige Heimat zurück. „Ich habe verstanden, dass die jungen Leute heute nichts für das können, was damals passiert ist. Warum soll ich sie hassen? Das ist unfair. Mit Hass zu leben, ist nicht gut.“ In diesem Sinn versteht sie auch den Film, der ihre Geschichte erzählt. „Er ist wunderschön gemacht, auch wenn sie das wahre Leben ein bisschen aufgepeppt haben“, meint sie. „Ich habe ihnen gesagt: Wer will schon eineinhalb Stunden lang Hochspringen sehen?“

Mit Regisseur Kaspar Heidelbach und seinem Team hatte Bergmann von Anfang an einen guten Kontakt, die 25-jährige Hauptdarstellerin Karoline Herfurth nennt sie inzwischen ihre Zwillingsschwester. Und weil sie mit ihrem 98-jährigen Mann, mit dem sie vergangenes Jahr 70. Hochzeitstag feierte, nicht zur Premiere nach Berlin fahren kann, ist das Team kurzerhand zu einer privaten Vorführung nach New York gekommen. Nur Freunde und Bekannte durften in das eigens gemietete Kino. „Mir gefällt der Film“, sagt Gretel Bergmann. „Ich hoffe, dass er zeigt, dass so etwas nie, nie mehr passieren darf.“

 

Artikel vom 20.08.2009 © Eßlinger Zeitung

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