Erzählen mit der Schere

Ganz großes Trickfilm-Kino: Lotte Reiniger setzte Silhouetten in Bewegung - Stadtmuseum Tübingen widmet der Künstlerin eine Dauerausstellung

Von Christine Wawra

Ob der tanzende Bär Balu aus der Dschungelbuch-Verfilmung von Walt Disney, die coolen Pinguine aus „Madagascar“ oder Wall-E, der Roboter mit Herz - diese Filmhelden des Animationskinos haben gemeinsame Vorgänger: Die Silhouetten-Figuren von Lotte Reiniger. Die Künstlerin hauchte Scherenschnitten Bewegung ein und entwickelte in den 1920er-Jahren aus dem Schattenspiel den Trickfilm. 1899 in Berlin geboren, wurde sie ursprünglich kriegsbedingt, dann durch ihr internationales Schaffen zu einer Weltbürgerin des 20. Jahrhunderts. Die letzten Monate vor ihrem Tod 1981 verbrachte sie in Dettenhausen bei Tübingen. Das Stadtmuseum der Universitätsstadt bewahrt den künstlerischen Nachlass und widmet Reinigers singulärer Kunst, die lange im Schatten nachfolgender technischer Innovationen stand, seit 2008 eine Dauerausstellung. Die sympathisch präsentierten Kleinode offenbaren, was sie letztendlich sind: ganz großes Kino.

 

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Erster großer Animationsfilm

Die anmutig fließenden Bewegungen in Lotte Reinigers Filmen lassen vergessen, dass sie aus unzähligen Einzelbildern bestehen. An die 300 000 Male klickte die Kamera, um „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ auf Zelluloid zu bannen. Der frühe Fantasy-Streifen ist der erste erhaltene abendfüllende Animationsfilm überhaupt, ein Verdienst das irrtümlich immer wieder Disneys „Schneewittchen“ von 1937 zugesprochen wird. Auf die gefeierte Berliner Uraufführung 1926 folgten Vorstellungen zwischen Paris und Japan.

Film-Achmed fliegt auf einem Zauberpferd, besteht Kämpfe im Dämonenland Wak-Wak, wo er sich in die Fee Pari Banu verliebt. Weitere Rollen spielen Aladins Wunderlampe, eine gute Hexe und ein böser Zauberer. Inspiriert von orientalischen Märchenmotiven hat Lotte Reiniger ein liebenswürdiges und virtuoses Meisterwerk erfunden, das noch heute bezaubert.

Die filigranen Figuren und Bühnenbilder schnitt sie kunstfertig aus Pappe. Um Bewegungsabläufe zu evozieren, verband sie Einzelglieder über Drahtscharniere und legte sie von einer Filmaufnahme zur nächsten verändert auf den Tricktisch. Mal bedurfte es dafür aufwendig neu geschnittener Figuren, mal reichten kleine Handbewegungen aus. Diese Stop-Motion-Technik wurde in der filmischen Animation noch bis in die 1980er-Jahre angewandt. „Wer eine Tierbewegung animieren will, muß vorrübergehend selbst dieses Tier ,sein‘ und sich wie dieses bewegen“, schreibt Reiniger in ihrer Anleitung zur „Herstellung von Silhouetten-Filmfiguren“. Das Ziel sei „nicht die exakte Kopie der natürlichen Bewegung, sondern die Aufnahme und Vermittlung der Idee von Bewegung“. Für jede Filmminute waren 24 Einzelbilder erforderlich.

Die Illusion von Tiefenräumlichkeit erreichte Reiniger über mehrere Ausführungen derselben Figur in unterschiedlicher Größe. Einige davon sind in der Tübinger Ausstellung zu sehen: So hüpfen mehrere Frösche aus dem „Froschkönig“ in einer Collage.

Hölzerne Ratten

Ihre ersten Erfahrungen mit Film­animation sammelte Lotte Reiniger 1918 bei dem Stummfilm „Der Rattenfänger von Hameln“ des bekannten Schauspielers, Regisseurs und Drehbuchautors Paul Wegener, der 1915 seinen ersten von insgesamt drei Filmen über die jüdische Legende des Golem - eines künstlichen, menschenähnlichen Wesens - gedreht hatte und bis heute vor allem mit dieser Trilogie im Gedächtnis blieb. Überaus unterhaltsam erzählt Reiniger in ihrer Schattenfilm-Anleitung von den Dreharbeiten in Bautzen, bei denen zunächst mit lebenden Ratten gefilmt werden sollte. Als keine einzige auch nur daran dachte, dem Titelhelden zu folgen, sondern alle im Nu in die umliegenden Keller entwischten, versuchte es das Filmteam mit Meerschweinchen, die die Mitarbeiter grau bemalten und mit langen Schwänzen schmückten. Von diesen häuslicheren Tieren erwartete man mehr Gehorsam - doch weit gefehlt! Sie sausten zwar nicht davon, setzten sich dafür „fröhlich mitten auf die Straße“ und spielten miteinander. Erst danach kam Wegeners ursprüngliche Idee zum Einsatz, hölzerne Ratten mittels der „Stoppbewegungsmethode“ zu filmen. Diese Arbeit dauerte zwar viele Stunden, wirkt in der Projek­tion aber täuschend echt.

Über Wegener, der sich selber als eine Art „Patenonkel“ für ihr Werk bezeichnete, lernte Lotte Reiniger auch ihren Mann Carl Koch kennen, mit dem sie gemeinsame Filmprojekte realisierte. Koch ergänzte durch sein technisches Wissen die Fabulierlust seiner Frau. Zum Freundeskreis des Paars gehörten unter anderem der Bertolt Brecht und der französische Regisseur Jean Renoir. Reinigers Schaffen gedieh vortrefflich in der pulsierenden Kulturszene der Weimarer Republik, in der sich viele avantgardistische Künstlerpersönlichkeiten gegenseitig inspirierten und zu gemeinsamen Projekten fanden.

Schon als 17-Jährige fertigte Lotte Reiniger während ihres Schauspielstudiums an der Max-Reinhardt-Schule in Berlin Scherenschnitte an. Wenn sie seitlich der Bühne in den Kulissen auf ihren Auftritt wartete, sah sie die Mitspieler als Silhouetten im grellen Licht der Rampenscheinwerfer. Die Linienführung dieser nach der Vorstellung aus dem Gedächtnis geschnittenen kleinen Kunstwerke bringt Charakteristisches der theatralischen Rollen und Körperhaltungen zum Ausdruck. In gleicher Weise verfuhr Reiniger nach dem Besuch von Opern- und Ballettaufführungen. Diese frühen, theatergeschichtlich bedeutsamen Arbeiten legen den Grundstein zu ihrem Lebenswerk.

Einfache Form, maximaler Ausdruck

Vor allem der Tanz hatte es ihr angetan. Das traditionell eher statische Genre des Scheren- und Silhouettenschnitts, das vor der Erfindung der Fotografie als Schattenriss vor allem für Porträtzwecke verwendet wurde, erweckte Lotte Reiniger zum Leben. Ihr Gespür für einfache Formen mit maximalem Ausdruck sucht ihresgleichen. Beinahe alle Filme weisen mehr oder minder ausführliche Tanzszenen auf, für die die Künstlerin bei Bedarf die Handlung überlieferter Geschichten episodisch erweiterte.

Froschkönigs Table Dance

So beglückt der Frosch in der Märchenverfilmung des „Froschkönigs“ (1953) die Zuschauer mit einer Art Table Dance, um die Prinzessin für sich einzunehmen und sich Zugang zu ihrem Schlafgemach zu verschaffen. Auch der farbige Silhouetten-Trickfilm „Helen La Belle“ (1957), der auf die griechische Mythologie zurückgreift, widmet tänzerischen Szenen viel Aufmerksamkeit. In der Schlussszene tanzen die Götter mit Paris und Helena einen Cancan - ganz im Sinne des Operettenkomponisten Jacques Offenbach, dessen „Schöne Helena“ für den Film adaptiert wurde.

Neben dem Scherenschnitt und dem Silhouettenfilm zieht sich das Schattentheater durch Reinigers Oeuvre. Mit den zweidimensionalen Puppen erzählt sie Geschichten, Märchen und Fabeln auf Bühnen unterschiedlicher Größe. 1936 reiste sie zu Fortbildungszwecken nach Athen, um den bekannten Schattenspieler Mollas zu sehen und von ihm zu lernen. Sie übernahm seine Technik, die Figuren an horizontalen Stäben zu führen, was ihnen eine größere Beweglichkeit verlieh als die starre vertikale Führung. In den Nachkriegsjahren im zerstörten Berlin, als Reiniger weder Geld noch Material hatte, um sich ein Filmstudio einzurichten, betrieb sie eine Märchenschattenbühne für Kinder, anschließend in London arbeitete sie mit einer Puppenbühne zusammen. Nach dem Tod von Carl Koch, der für die gesamte Filmtechnik zuständig gewesen war, griff Reiniger wieder auf das Schattentheaterspiel und den Scherenschnitt zurück.

„Ich glaube an Märchen“

Neben Opern, insbesondere denen von Wolfgang Amadeus Mozart, liebte Lotte Reiniger ihr Leben lang Märchen. „Sich der Märchen zu schämen, ist glatte Torheit. Ich glaube mehr an Märchen als an Zeitungen“, sagte sie in ihrem letzten Lebensjahr. So hat sie sich trotz ihres wechselvollen Lebens einen bewusst-kindlichen Sinn bewahrt, der aus all ihren Figuren spricht. Die schlicht und kunstvoll zugleich geschnittenen Menschen, Fabelwesen und Tiere kultivieren das Staunen und bescheren ihren Betrachtern eine Lebendigkeit, die Jung und Alt noch heute berührt.

Die Dauerausstellung im Stadtmuseum Tübingen, Kornhausstraße 10, ist dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet.

Artikel vom 15.08.2009 © Eßlinger Zeitung

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