Protuberanzen des Zorns
Glühbirnendämmerung, Sparlampenleuchtzeit: Anmerkungen und Ansichten zur Geschichte des elektrischen Lichts
Europa bei Nacht. Fotografiert von einem die Erde in großer Höhe umkreisenden Satelliten, gleicht es einer Sternenkarte, die übersät ist von unregelmäßig verstreuten Lichtquellen unterschiedlicher Helligkeit und Dichte. Ein feines Raster mittlerer Strahlung markiert die dünner besiedelten Gebiete der Länder; die enormen Emissionen von Madrid und Rom, Paris und London, Hamburg und Berlin, Stockholm und St. Petersburg bilden regelrechte Lichtseen. Aber wie die Sterne Sirius und Venus zusammen strahlt bis in den Orbit hinauf die russische Metropole Moskau, wo Lenin im Dezember 1920 die folgenschwere Gleichung „Kommunismus = Sowjetordnung + Elektrifizierung“ aufgestellt hat. Denn die Glühbirne, die, so wollte es der Revolutionär, in jedem Dorf, in jedem Haus leuchten sollte, erhellte nicht, sie blendete nur und verdarb die Augen. Daran hat sich wenig geändert. In dem Maße, wie es um den sowjetischen Kommunismus Nacht wurde, explodiert in Moskau das Licht. Wer im Zentrum der Helligkeit steht, wird der langen Schatten nicht gewahr, die ihr gleißender Kegel auf die Peripherie der Armut wirft. Völlige Dunkelheit auf diesem Nachtbild Europas und Nordafrikas ist die Ausnahme. In den Dörfern und Städten der EU brennen Nacht für Nacht 3,7 Milliarden herkömmliche Glühlampen. Verringern wir die stratosphärische Distanz und tauchen ein in die maßlose Helligkeit der städtischen Nächte, die schon lange keine mehr sind: Im Licht erstrahlen Bankentürme, Straßenzüge, Werbetafeln, Kirchtürme, Schlösser, Ruinen. „Gleißendes Licht ergreift Flughäfen, Atomkraftwerke und Fußballplätze. Trotz Klima- und Wirtschaftskrise kommen laufend Abertausende neuer Lichtquellen dazu“, notiert Marco Evers in seinem Essay „Der Tod der Nacht“. Die Lichtfinger von Disco-Skybeamern rühren in der rötlichen „Photonensuppe“, welche die Stadtnacht von der Sternennacht trennt. Seltsame Dinge ereignen sich in der Taghelligkeit der Nacht; Nacht, die längst störend in den Ablauf natürlicher Kreisläufe eingegriffen hat: So sind etwa Rotkehlchen, die in der Nähe von Straßenlaternen nisten, zu Nachtsängern mutiert. Nacht, die zum Tage geworden ist, hat nicht nur die Gewohnheiten der Tiere verändert: Wer von den Stadtbewohnern seinen Schlafplatz nicht hermetisch von den Blendungen der Außennachtwelt und der Dauerpräsenz der Verkehrsgeräusche abschotten will, geht zu Bett mit verbundenen Augen und verstöpselten Ohren, also blind und taub.
So schön kann Werbung sein
24 Stunden nach der Entscheidung der EU-Kommission, von September 2009 an die klassische Glühbirne für den Haushaltsgebrauch bis 2012 stufenweise vom Markt zu nehmen, schaltete die Siemens-Tochter OSRAM in den großen deutschen Tageszeitungen eine dreiviertelseitige Anzeige mit folgendem Text: „Grünes Licht für Klimaschutz. OSRAM begrüßt den EU-weiten Abschied von der Glühlampe und schaltet Europa um auf energiesparendes Licht.“ Als bedürfte die kesse Werbeformel für einen ökologischen Sieg über einen ökonomischen Irrtum noch einer illustren Zutat, ragt oberhalb der Textfläche und vor dem Hintergrund einer bizarren Eisberglandschaft eine Riesenbirne aus dem arktischen Meer. In ihr gläsernes Gehäuse hat der Designer eine friedliche Eisbärenfamilie implantiert. Die Botschaft: Das alte (verschwenderische) Licht geht aus, das neue (sparsame) an, und schon ist die (Um-)Welt wieder das, was sie einmal war. So schön kann Werbung sein.
Inzwischen sind die Vorteile der, wie es im Fachjargon heißt, Kompaktleuchtstofflampe zwar nicht widerlegt, jedoch relativiert worden, unter anderem in ausführlichen Testberichten der Zeitschrift „Öko-Test“ (Oktober 2008). Was nichts an der Tatsache ändert, dass die herkömmliche Glühlampe lediglich fünf Prozent der ihr zugeführten Energie in Licht verwandelt, 95 Prozent dagegen in Form von Wärmestrahlung abgibt. Dennoch haben die EU-Kommissare die Einsparpotenziale maßlos überschätzt. Denn nur 1,5 Prozent des gesamten Energieverbrauchs eines Haushalts geht zu Lasten der Beleuchtung; den weitaus größten Teil verschlingen Heiz- und Warmwasseraufbereitungsanlagen, Waschmaschinen, Trockner, Elektroöfen, Kühl- und Gefrierschränke, Klimaanlagen und Unterhaltungselektronik.
Dass die Herstellung einer einzigen Energiesparlampe bis zu zehnmal mehr Energie verbraucht als die einer Glühlampe, würde man leichter hinnehmen, wenn nicht die neue Sparleuchte, deren „naturfernes“, diffuses Licht von vielen als unangenehm kalt empfunden wird, neben dem Edelgas Argon das hochgiftige Schwermetall Quecksilber enthielte. Zwar ist sein Anteil mit maximal vier Milligramm relativ gering; jedoch reicht er aus, um 6000 Liter Wasser zu vergiften. Während die alte Birne problemlos in den Müll wanderte, unterliegt die lichttechnisch keineswegs optimierte, zudem ästhetisch missratene Energiesparlampe den strengen Auflagen der Sondermüll-Entsorgung.
Man kann es drehen und wenden wie man will: Die Verteufelung der alten Glühbirne, darin sind sich EU-Insider und Kartell-Spezialisten einig, war von langer Hand vorbereitet und nicht denkbar ohne „ein geschicktes Industrie-Lobbying“. Denn seit 2005 sitzen die Lampenhersteller auf ihren neuen, technologisch längst ausgereizten Sparmodellen, ohne nennenswerte Absätze verzeichnen zu können. Das wird sich rasch ändern, dank der an falscher Stelle angesetzten Regulierungsverordnung der EU. Kenner der Branche, unter ihnen Günther Leising, Professor an der Technischen Universität Graz und Gründer der burgenländischen Firma Lumitech, sind längst der Überzeugung, dass „nach volkswirtschaftlichen und ökologischen Gesichtspunkten das Forcieren der Energiesparlampe heute keinen Sinn mehr macht“. Aus folgendem Grund: Zwar hat die jüngste Lichtrevolution noch nicht den Haushalt, jedoch bereits den technischen Alltag erfasst. Neben Light Emitting Diodes (LED), einer extrem sparsamen, Energie optimal in Leuchtkraft umsetzenden Lichttechnik, wird die Energiesparlampe bald alt aussehen.
Aura des Übersinnlichen
Die Lichtingenieure des 19. Jahrhunderts umgaben ihre Erfindungen, die sie mit theatralem Gestus dem teils verängstigten, teils hingerissenen Publikum vorzuführen wussten, mit der Aura des Unerklärlichen und Übersinnlichen. Die Zeitgenossen dieser Technik-Heroen, die noch an ihr blakendes Gaslicht glaubten, konnten hinter einem Lichtstrahl, der die Dunkelheit aufreißt wie ein Blitz, nichts anderes vermuten als eine himmlische Erscheinung oder, je nachdem, diabolisches Blendwerk. Ein Zeitgenosse des Erfinder-Genies Thomas Alva Edison war der Amerikaner Hiram Stevens Maxim. Er baute 1877 den ersten Typ kommerziellen elektrischen Lichts, der um 1878 aus Europa kam: die Bogenlampe. Eine technisch ausgereifte Variante hatte er auf dem 1915 fertiggestellten New Yorker Equitable Building, dem seinerzeit größten Bürogebäude der Welt, montiert und beleuchtete von dort aus einen Teil des Broadway. Als er einmal in Rochester ein starkes Bogensuchlicht aufbaute und den gebündelten Strahl des Scheinwerfers auf die Freiheitsstatue lenkte, erschien deren Schatten wie ein riesenhaftes Ungeheuer auf dem schwarzen Wolkenhintergrund. Ein „Wunder“, das er, vermutlich vor zahlendem Publikum, wiederholen musste. Mit Erfolg.
Nachtragende Götter
Schon die Götter der Antike waren maßlos - und nachtragend. Nachdem feststand, dass es Unsterbliche und Sterbliche gibt und die Sterblichen den Unsterblichen angemessene Opfer zu bringen haben, ersann Prometheus, der „zum voraus Denkende“ aus dem Geschlecht der Titanen, eine List, die Zeus wohl durchschaute, auf die er nur zum Schein einging, weil er, wie es hieß, „Böses sann in seiner Seele gegen die Menschen“. Prometheus, der Menschenfreund, schlachtete einen Stier, errichtete zwei Haufen, die er zudeckte, den einen aus Fleisch, den andern, größeren, aus puren Knochen. Zeus wählte das Knochenopfer, rächte sich aber für den Betrug, indem er den Menschen wegnahm, wessen sie notwendig bedurften, das Feuer. Wieder half Prometheus, raubte das göttliche Element und schenkte es den Sterblichen. Diese wurden damit nicht froh. Das mythische Feuer-Licht entpuppte sich als Danaergeschenk, das ewig mit Betrug, Hybris und Vorteilssucht verbunden bleiben und das nie zu denken sein wird ohne seinen Widerpart, die Nacht und die Finsternis und den aus diesem Antagonismus sich nährenden Konflikt.
Tragische Lichtträger
Was die Lichtträger der Mythen und Legenden betrifft, eignet ihnen etwas Tragisches, ja Katastrophisches. In den Metamorphosen des Ovid spielt Luzifer, der andere berühmte Lichtbringer (so die wörtliche Übersetzung seines Namens), noch die strahlende und erhabene Rolle des die gestirnte Finsternis verjagenden und den leuchtenden Tag ankündigenden Morgensterns: „Die Sterne zogen davon, unter Führung Luzifers, der als letzter verschwand.“ Seine Aufnahme in den christlichen Himmel war indes sein Untergang. Denn an dem „glänzenden, schirmenden Cherub“ wurde eines Tages „Missetat“ gefunden, worauf Gott den Hochmütigen vom Himmel stürzte. „Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen“, heißt es im Lukasevangelium. Gustave Doré inszeniert auf dem 1865 geschaffenen Holzstich den Sturz als eine dramatische Vision: Luzifer, getragen von seinen gezackten Flügeln, nimmt Kurs auf den tief unter ihm schwebenden, von gezwirbelten Wolkensträngen bekränzen Erdball. Seine gewölbte Oberfläche schimmert metallisch in den gebündelten Lichtstrahlen eines hinter Wolken verborgenen Scheinwerfers, dessen energetische Kraft sich den Protuberanzen eines göttlichen Zornesausbruchs verdankt.
Prometheus der Gegenwart
Ein stürzender, abstürzender Lichtträger aus unserer Gegenwart, ein idealistischer Prometheus, der mit ökonomischen Interessen der Lampenkartelle kollidierte, war der geniale Dieter Binninger, bis zu seinem Tod 1991 Geschäftsführer einer Weddinger Erfinderwerkstatt. Im Auftrag des Berliner Senats baute er 1976 eine Mengenlehre-Uhr für den Kurfürstendamm. Das Innenleben des heute vor dem Tourist-Information-Center im Berliner Europa-Center stehenden, sieben Meter hohen leuchtenden Zeitanzeigers besteht aus Hunderten von Glühlampen. Weil sie ständig durchbrannten, erfand Binninger, der die Kosten für die Auswechslung der Lampen selber tragen musste, eine Birne, die es auf eine phänomenale Lebensdauer von 150 000 Stunden brachte. Eine gewaltige Leistung, gemessen an der herkömmlichen Lampe, die, gemäß einer Absprache unter den internationalern Konzernen, seit dem Zweiten Weltkrieg lediglich noch 1000 Stunden oder weniger leuchten darf. Binningers Patent, das er 1984 nach fünf Jahre dauernden widrigen Anläufen endlich anmelden konnte, war nicht nur auf erhebliche bürokratische Widerstände gestoßen. Vor allem der Siemenskonzern mit seiner hundertprozentigen OSRAM-Tochter hatte mit allen Mitteln versucht, einen potenziellen Konkurrenten auszuschalten, der OSRAM binnen kurzem um das Marktmonopol gebracht hätte, zumal Binninger auch noch die Absicht hatte, nach der Wende seine „Ewigkeitsglühbirne“ in dem ehemaligen volkseigenen Lampenwerk NARVA zu produzieren.
Den gründlichen Recherchen des „Glühlampenforschers“ Helmut Höge zufolge sollte jedoch nicht Binninger, sondern OSRAM - mehr oder weniger zum Nulltarif - NARVA unter die Konzernfittiche nehmen dürfen: ein Deal, der nach massiven Protesten zurückgenommen werden musste. Jetzt gab Treuhand Dieter Binninger den Zuschlag. Der aber konnte weder mit der Produktion seiner als „volkswirtschaftlich wertvoll“ eingestuften und mit Erfolg auf Flughäfen und in Leuchttürmen getesteten Erfindung beginnen, geschweige denn die Früchte seines Erfindergeistes ernten: Am 5. März 1991 stürzte der mutige Lichtbringer nahe Helmstedt in einer einmotorigen Tobago B 10 unter mysteriösen und bis heute nicht geklärten Umständen tödlich ab. Auch sein Sohn und der Pilot kamen bei diesem Unglück ums Leben.
Byron die Birne
Kartelle denken nicht in ästhetisch-philosophischen, sondern in ökonomischen Kategorien. Kartelle teilen, herrschen, bilden geschlossene Systeme und, vor allem, streben ausschließlich nach Profit. Wie das funktioniert, beschreibt der amerikanische Schriftsteller Thomas Pynchon in seinem 1973 erschienenen kulturkritischen Roman „Gravity’s Rainbow“, auf Deutsch erschienen unter dem Titel: „Die Enden der Parabel“. Verwoben mit den verschlungenen Handlungssträngen ist eine Episode, die von Byron handelt. Gemeint ist nicht der englische Dichter. Byron ist „’ne alte, alte Glühfadenseele, gefangen im gläsernen Gefängnis einer Babybirne“. Byron die Birne ist von sozialrevolutionärer Gesinnung, träumt von synchronen Explosionen von einer Million Glühbirnen, denn die Birnen sind, bis auf eine Ausnahme, sterblich. Schuld daran ist Phoebus, das internationale Glühbirnenkartell mit Hauptsitz in der Schweiz, kontrolliert von der International General Electric Company, von OSRAM und den Associated Electric Industries of Britain. Phoebus (übersetzt: der Leuchtende), unbescheiden benannt nach dem Beinamen des griechischen Gottes Apoll, diktiert die Preise, bestimmt die Lebensdauer der Glühbirne und teilt die Weltmärkte unter sich auf.
Was Phoebus nicht weiß: Byron ist unsterblich. Als die Lebenszeit der Birne auf die 800-Stunden-Marke zusteuert, wird eine Berliner Kartell-Agentin auf Byron angesetzt, die ihn aus der Fassung schraubt und nach Neukölln in den Keller eines Glasbläsers verschleppt, der sich vor der Dunkelheit fürchtet und Byron ständig brennen lässt. Aber Byron brennt nicht durch, passiert das 1000-Stunden-Limit - eine um jeden Preis zu ahndende Renitenz, weshalb das „Komitee für Leuchtanomalien“ einen „Zerschläger nach Berlin in Marsch“ setzt. Byron die Birne entgeht jedoch dem Anschlag, brennt fortan in sicheren Verstecken und hat nur noch eines im Sinn: sämtliche Mitbirnen von der bösartigen Natur des Kartells zu überzeugen, das in der Glühbirne lediglich die Übermittlerin von mess- und kontrollierbarer Lichtenergie sieht. Byrons subversiver Appell basiert auf der philosophisch-metaphysischen Idee, dass es über und unter dem Band der Strahlungswellen noch andere Frequenzen gibt: So kann eine Birne „Wärme spenden. Eine Birne kann Pflanzen mit Wachstumsenergie versorgen, illegale Pflanzen beispielsweise, versteckt in Schränken. Eine Birne vermag das schlafende Auge zu durchdringen und in den Träumen der Menschen zu wirken“. Aber die Zeit arbeitet gegen die Aufklärerin: „Das Netz ist weit offen, alle Botschaften können abgehört werden, es sitzen genügend Verräter draußen in den Leitungen“.
Postskriptum: Thomas Pynchon hat zwar die Birne Byron erfunden, nicht aber das Phoebus-Kartell, das am 24. Dezember 1924 in Genf gegründet wurde.
Schonungsloser Blick
Gegen die obskuren Strategien eines Weltkartells anzuleuchten, bedarf es mit Sicherheit wirkungsmächtigerer Instrumente als der Glühbirne. Dessen ungeachtet maß ihr der Philosoph Ernst Bloch eine große kulturhistorische Bedeutung bei, nachzulesen in den 1962 erschienenen Schriften „Verfremdungen I“. Dort liest man folgende Eloge: „Ohne Übertreibung läßt sich sagen: Die Glühbirne im schattenarm gewordenen Zimmer hat die Anfechtungen des Nachtgrauens weit gründlicher geheilt als etwa Voltaire.“ Freilich vermag deren Licht, so Bloch, nicht den anderen, den „einwandfreien Spuk“, aus der Welt zu schaffen: nämlich das „Infernalische aus dem menschlichen Abgrund selber“. Was dieses anzurichten vermag, schilderte Picasso auf der großen Guernica-Grisaille aus dem Jahr 1937. An der nicht nachlassenden Wirkung der Bild gewordenen Anklage hat das Motiv einer Glühbirne nicht geringen Anteil. Ihr förmlich in die Nacht stechender Schein gleicht dem schonungslosen Blick, dessen Seh-Schärfe kein Detail der aufgetürmten Vernichtungs- und Trauermetaphorik entgeht.
Aufklärungsarbeit entschieden heiterer Art betreiben in Comic-Entenhausen Carl Barks 1952 geschaffene Tüftlerfigur Daniel Düsentrieb, Erfinder des für ein Mittagsschläfchen nützlichen „Dunkellichts“, und sein pfiffiges „Helferlein“, in dessen Glühbirnen-Kopf es immer wieder geist- und hilfreich aufblitzt. Wesen unkomplizierter Natur sind auch die Glühbirnen in den zahlreichen „Birne“-Kinderbüchern des großen Erzählers Günter Herburger. Und weil der Schriftsteller nach eigenem Bekunden das Licht ohne Birnenform nicht mehr mag und die Glühbirne nicht sterben darf, hat auch er, Pynchon sekundierend, sich eine Birne erdichtet, die ewig leben darf. Womit sie an das Centennial Light anknüpft, die Jahrhundertglühbirne, die, im Jahr 1901 in ihre Fassung im Feuerwehrhaus im kalifornischen Livermore geschraubt, bei einer Leistung von vier Watt 75 Jahre später noch immer brannte, als die Feuerwache ein neues Gebäude bezog. Zu ihrem 100. Geburtstag soll ihr George W. Busch persönlich gratuliert haben. Maßstäbe der Verehrung setzte jedoch der italienische Schriftsteller Filippo Tommaso Marinetti, der in seinem 1909 veröffentlichten „Futuristischen Manifest“ bekannte, jeden Abend zu seiner Glühbirne zu beten.
Joseph Beuys waren derart überspannte Attitüden glorifizierender Technik fremd. In zwei bedeutenden Beuys-Werken erhellt und überwindet die Glühbirne klassische Gegensätze: die zwischen West und Ost, zwischen divergenten Gesellschaftsordnungen in der Performance „Eurasienstab“ (1967); jene zwischen Natur und Kultur in der Skulptur „Capri-Batterie“ (1985), in der die Energie einer vollreifen Zitrone die biomorphe gelbe Lampe symbolisch zum Strahlen bringt.



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