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THEMA DES TAGES

Ungeheure These

Von Andreas Herholz

Eigentlich müsste man Matthias Platzeck dankbar sein. Mit seiner ungeheueren These vom „Anschluss“ der DDR an die Bundesrepublik scheint Brandenburgs Ministerpräsident zumindest eines erreicht zu haben: Endlich wird jenseits der Feierlichkeiten mit Grußworten, Streichquartetten und Blumengebinden zum 20. Jahrestag auch eine richtige Debatte über die Einheit geführt. Wenn der frühere Kurzzeit-SPD-Chef und Landesvater Platzeck jetzt den Glücksfall der Wiedervereinigung als Anschluss herabwürdigt und mit dem unseligen Begriff aus der Nazizeit belegt, diskreditiert er nicht nur sich selbst, sondern im Nachhinein die gesamte erste frei gewählte Volkskammer der DDR. Der frühere Grüne und heutige SPD-Politiker zeigt auch ein zweifelhaftes Verhältnis zur Demokratie, schließlich gingen den Verhandlungen und der Entscheidung über den Einigungsvertrag Wahlen voraus, bei denen diejenigen, die sich gegen den Weg zu einer gemeinsamen freiheitlich demokratischen Bundesrepublik wandten, bittere Niederlagen einstecken mussten.Natürlich ist der Einigungsvertrag nicht ohne Fehler. Platzecks Kritik an der Deindustrialisierung, der Arbeit der Treuhand und der mangelnden Sensibilität auf westdeutscher Seite ist durchaus berechtigt. Doch der Einigungsvertrag als ganzes war eine bedeutende Leistung. Die Weichen wurden richtig gestellt.Höchste Zeit, dass im 20. Jahr der Einheit eine intensive Ost-West-Debatte geführt wird. Zumindest dafür kann man Platzeck dankbar sein.

 

Artikel vom 01.09.2010 © Eßlinger Zeitung

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Leser-Kommentare (1)

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01.09.2010 14:36 von Burkhard Schrader

Angesichts des Kommentars von Herrn Herholz, beschleicht mich das Gefühl, das dieser das Platzeckgespräch gar nicht gelesen hat. Wie sonst ist diese kleinkarierte Wortklauberei zu erklären. Oder galt es nur, einen Knüppel zu finden, um einem kritischen Analytiker der einem so wie so nicht ins Weltbild passt, eines überzubraten. Hätte Herr Platzeck vom „Kauf der DäDäRä“ gesprochen, was wäre dann daran ein zweifelhaftes Verhältnis zur Demokratie gewesen? Zudem ist es ein Griff in die geschichtliche Märchenkiste vom „Glücksfall der Wiedervereinigung“ zu sprechen. Sie war einfach die logische Folge, des längst überfälligen Zerfall des maroden Ostblocks. Und natürlich glücklicher Leim für Herrn Kohl, dem eine zügig vollzogene Wiedervereinigung half, den wacklig gewordenen Stuhl zu kitten und noch Jahre zu erhalten. Im Übrigen, bei solch komplexen Zusammenhängen von „Die Weichen wurden richtig gestellt.“ zu fabulieren, passt eher an den Stammtisch der Spielzeugeisenbahner oder aufs Wahlplakat einer beliebigen Partei.


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