THEMA DES TAGES
Ungeheure These
Eigentlich müsste man Matthias Platzeck dankbar sein. Mit seiner ungeheueren These vom „Anschluss“ der DDR an die Bundesrepublik scheint Brandenburgs Ministerpräsident zumindest eines erreicht zu haben: Endlich wird jenseits der Feierlichkeiten mit Grußworten, Streichquartetten und Blumengebinden zum 20. Jahrestag auch eine richtige Debatte über die Einheit geführt. Wenn der frühere Kurzzeit-SPD-Chef und Landesvater Platzeck jetzt den Glücksfall der Wiedervereinigung als Anschluss herabwürdigt und mit dem unseligen Begriff aus der Nazizeit belegt, diskreditiert er nicht nur sich selbst, sondern im Nachhinein die gesamte erste frei gewählte Volkskammer der DDR. Der frühere Grüne und heutige SPD-Politiker zeigt auch ein zweifelhaftes Verhältnis zur Demokratie, schließlich gingen den Verhandlungen und der Entscheidung über den Einigungsvertrag Wahlen voraus, bei denen diejenigen, die sich gegen den Weg zu einer gemeinsamen freiheitlich demokratischen Bundesrepublik wandten, bittere Niederlagen einstecken mussten.Natürlich ist der Einigungsvertrag nicht ohne Fehler. Platzecks Kritik an der Deindustrialisierung, der Arbeit der Treuhand und der mangelnden Sensibilität auf westdeutscher Seite ist durchaus berechtigt. Doch der Einigungsvertrag als ganzes war eine bedeutende Leistung. Die Weichen wurden richtig gestellt.Höchste Zeit, dass im 20. Jahr der Einheit eine intensive Ost-West-Debatte geführt wird. Zumindest dafür kann man Platzeck dankbar sein.



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